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Buchrezension: Clark erforscht den Königsberger Skandal

Buchrezension: Clark erforscht den Königsberger Skandal

Buchrezension: Clark erforscht den Königsberger Skandal

Ein altes Gemälde zeigt die Börse in LKönigsberg
Ein altes Gemälde zeigt die Börse in LKönigsberg
Königsberg auf einem Gemälde um 1850. Foto: IMAGO / imagebroker
Buchrezension
 

Clark erforscht den Königsberger Skandal

Ein vergessener Skandal aus dem alten Preußen: Christopher Clark zeigt, wie zwei Geistliche „Mucker“ im Königsberg des 19. Jahrhunderts durch Gerüchte, moralische Empörung und staatliche Intervention zu Fall gebracht wurden.
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Mit „Skandal in Königsberg – Eine Geschichte von Moral, Medien und Politik aus dem alten Preußen“ hat Christopher Clark eine wenig bekannte Episode aus der ostpreußischen Geschichte dargestellt, die in den meisten Büchern über Königsberg unerwähnt bleibt, selbst Jürgen Manthey geht in seiner umfangreichen Königsberg-Monographie darauf nicht ein: Es ist die sogenannte „Muckerbewegung“ der 1820er und 1830er Jahre, die mit einem von obersten staatlichen Stellen gestützten Rufmord mit Schauprozess an zwei pietistischen Geistlichen verbunden war.

Im Eingangskapitel wird zunächst der Topos Königsberg dargestellt. Dabei unterlaufen Clark einige  – die Qualität des Buches jedoch nicht beeinträchtigende – Unrichtigkeiten, die möglicherweise der Übersetzung zuzuschreiben sind: die Provinz Ostpreußen war ja keineswegs der Überrest des Herzogtums Preußen (das er missverständlich ein „baltisches“ Fürstentum benennt), sondern schon größer als dieses; Königsberg ist von Berlin keine 700 Kilometer entfernt, sondern nur 590, und es verband seit 1828 auch keine „Reichsstraße 1“ die beiden Städte – die Reichsstraße 1 gab es unter diesem Namen erst seit 1934.

Clarke schildert zunächst das Königsberg der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. 1817 waren in Preußen auf Anordnung des Königs die lutherische wie calvinische Konfession zur „Preußischen Union“ zusammengefasst worden. Doch war jede Abweichung von dieser „Staatsreligion“ als sektiererisch angesehen und galt als gefährliche Herausforderung des Staats. Und abweichende Strömungen gab es viele. Auch in der Religion ein Vernunftprinzip walten zu lassen, löste Gegenbewegungen aus.

Frauen fühlten sich von ihm angezogen

Als „Prophet vom Pregel“ sah sich Johann Heinrich Schönherr (1771–1826), der ohne Schulbildung war und um 1800 eine dualistische, esoterische Lehre von Licht und Wasser als männlichem und weiblichem Naturprinzip wie auch zwei Urwesen begründete und in Königsberg viele Anhänger um sich scharte, besonders aus einfachen Schichten. Und der junge Pfarrer Johann Wilhelm Ebel (1784–1861) war früh von Schönherr fasziniert – er sah in dessen kosmischem Ansatz eine Brücke zwischen Glauben und Philosophie.

Christopher Clark: Skandal in Königsberg. 224 Seiten, Deutsche Verlags-Anstalt, Jetzt beim JF-Buchdienst bestellen
Christopher Clark: Skandal in Königsberg. 224 Seiten, Deutsche Verlags-Anstalt. >>> Jetzt beim JF-Buchdienst bestellen.

Mehr und mehr baute er seine seelsorgerische Tätigkeit auf dessen Theosophie auf. In Friedrich Schleiermacher hatte er einen wichtigen Unterstützer. Unter seinem „Schutz“ konnte er gut zwanzig Jahre unangefochten wirken. Ebel hatte durch seine langen lockigen Haare ein christusähnliches Aussehen, wovon sich viele Frauen angezogen fühlten. Nachdem es ihm 1816 gelungen war, eine junge Adelige nach dem Tod ihres Mannes von langjährigen Depressionen zu befreien, wurde Ebel berühmt und avancierte bei vielen adeligen und großbürgerlichen Familien zum Paartherapeuten.

Clark nennt es „Eheberatung auf der Grundlage einer eklektischen praktischen Theologie“. Ebel, nunmehr Erzdiakon der Altstädter Kirche, begründet zusammen mit der Gemeinde des Pastors der Haberberger Kirche, Georg Heinrich Diestel (1785–1854), der ebenfalls ein Anhänger Schönherrs war, eine pietistische Gruppierung, die alsbald von der Regierung als Sekte beziehungsweise als „Muckerbewegung“ diskreditiert wurde.

In ganz Deutschland diskutierte man über Königsberger Vorgänge

„Mucker“ war in Norddeutschland ein verbreiteter Name für heuchlerische Frömmler. In der Folge mussten ab 1822 Berichte über „irreguläre“ religiöse Aktivitäten nach Berlin geschickt werden, die hohen Herren der Preußischen Union waren nervös geworden. 1825 forderte Berlin direkt zur „Unterdrückung jeglicher Formen des Mysticismus, Pietismus und Separatismus“ auf. Ebels und Diestels Tätigkeit ließ im weiteren Gerüchte aufkommen, es sei bei den „Gruppensitzungen“ zu Zügellosigkeit und außerehelichem Geschlechtsverkehr aufgefordert worden, auch seien zwei junge Frauen an den Folgen allzu großer Erregung gestorben.

1835 eskalierte die Lage. Theodor Schön, Oberpräsident der Provinz Preußen (er wird im Buch immer „von“ Schön genannt, obwohl er erst 1840 geadelt wurde) schreibt einen Ebel und Diestel diskreditierenden Brief an den Kultusminister von Altenstein. Schön, heute allgemein als liberal und monarchiekritisch gewürdigt, erscheint in diesem Schreiben von einer geifernden öffentlichen Meinung angetrieben, als Reaktionär und initiierte einen nur auf übler Nachrede fußenden Indizienprozess gegen Diestel, wobei Ebel prophylaktisch suspendiert wurde.

In ganz Deutschland diskutierte man über diese Vorgänge. In der Anklageschrift versteifte man sich auf die zentrale Behauptung, dass Sex die Wurzel allen moralischen Übels sei und Ebel ein besonders verwerfliches Subjekt. Doch es gab Petitionen seiner Gemeinde, ihn wieder einzusetzen.

Diestel verschwand darauf aus der Öffentlichkeit

Schließlich wurde nach vier Jahren, 1839, das Urteil gesprochen. Ebel und Diestel wurden wegen Sektengründung verurteilt und dauerhaft ihrer Ämter enthoben – Verstöße gegen die sexuelle Moral konnten nicht nachgewiesen werden.

Ihre Existenzen waren jedoch vernichtet. Man ging in Revision, 1842 wurde das Urteil dahingehend korrigiert, dass Ebel und Diestel Männer von Sittenreinheit seien, jedoch fahrlässig die Preußische Union und damit das Staatswesen in Frage gestellt hätten. Diestel verschwand darauf aus der Öffentlichkeit und starb 1854. Ebel ließ sich 1850 in Hoheneck bei Stuttgart nieder, publizierte weiterhin und verstarb 1861.

Dem Buch ist insofern größte Verbeitung zu wünschen, als es in der Preußen-Literatur mit der Bearbeitung einer kaum behandelten Episode und deren geistesgeschichtlichen Hintergrunds eine Lücke schließt und vor allem ein kulturhistorisches Zeitbild ersten Ranges ist. Und es zeigt, wie der Mechanismus von Verleumdung und medialer Hatz gegenüber Personen und Meinungen, die von der offiziell zulässigen Lesart abweichen, damit den Staat „delegitimieren“ und dem „gesunden Volksempfinden“ widersprechen, durch alle Zeiten die gleichen sind. Parallelen zur Gegenwart zu ziehen ist erwünscht!

Aus der JF-Ausgabe 14/26.

Königsberg auf einem Gemälde um 1850. Foto: IMAGO / imagebroker
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