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Buchrezension: Bitte rechts abbiegen

Buchrezension: Bitte rechts abbiegen

Buchrezension: Bitte rechts abbiegen

Auf einer Straßenkreuzung laufen Menschen, sie können entweder nach links oder rechts abbiegen
Auf einer Straßenkreuzung laufen Menschen, sie können entweder nach links oder rechts abbiegen
Passanten auf einer Straßenkreuzung – werden sie nach links oder rechts gehen? Foto: picture alliance / newscom | Jelly Tse
Buchrezension
 

Bitte rechts abbiegen

Früher links, heute ernüchtert: In „Wenn das Denken die Richtung ändert“ rechnen frühere Revolutionsträumer, taz-Leute, Kabarettisten und Publizisten mit ihren alten Milieus ab. Entstanden ist ein pointierter Sammelband.
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Im Trubel der deutschen Meinungspublizistik gibt es einen durchdachten Debattenbeitrag mit Lebensklugheit und Lust an funkelnden Formulierungen: „Wenn das Denken die Richtung ändert. Warum wir nicht mehr links sind“, herausgegeben von den früheren taz-Journalisten Ulli Kulke und Reinhard Mohr, die irgendwann den Weg zum Springer-Verlag fanden. Mit den Herausgebern fragen sich 14 namhafte deutsche Publizisten, „wie es kam, dass sie heute nicht mehr von der Revolution träumen und an den Sozialismus glauben“. Entstanden sind autobiographische Kabinettstücke, die eine Abkehr von einst verfochtener linker Ideologie beschreiben. Es sind die erlebnisreichen Perspektiven von Journalisten, Wissenschaftlern und Künstlern.

Der Band ist zunächst eine rückblickende Bilanz der 68er-Generation und ihrer Epoche linker Kulturhegemonie. Die Viten bieten schmerzhafte Eingeständnisse, Standhaftigkeit, Selbstschutz, zuweilen ein munteres Schwingen zwischen Beichte und Bekenntnis zur geistigen Freiheit.

Fast alle Autoren wissen von dem hohen Preis zu berichten, den sie für ihre Abkehr von linken Kollegenkreisen und Parteistrukturen zu bezahlen hatten. Dies bezeugen etwa die Berichte politischer Praktiker wie Mathias Brodkorb und Hubert Kleinert, die aus den Parteiapparaten von PDS, SPD und Grünen plaudern – jenen Verblendungszusammenhängen, die sich fortwährend der Wirklichkeit verweigern.

Die Verbohrtheit der 68er wirkt rückblickend wie eine Ursünde

Die Politikwissenschaftlerinnen Ulrike Ackermann und Antonia Grunenberg liefern zwei elegante Erzählstücke, die den weiten Bogen vom eigenen Engagement unter 68ern bis hin zur Kritik an den schrillen Auswüchsen der Gegenwart schlagen. Es sind die Critical Social Justice Theories über die Ackermann schreibt: „Gender Studies, Postcolonial Studies, Critical Race Studies bis zu den Queer Studies haben sich besonders in den Sozial-, Geistes- und Kulturwissenschaften und im Kulturbetrieb fest etabliert.“

Besonders eindrücklich sind Rückblenden, in denen Totalitarismus am eigenen Leib erlebt wird: Ulrike Ackermann schildert ihre nach Dissidentenhilfe erfolgte Verhaftung im sozialistischen Prag des Jahres 1978 und das Unverständnis, das ihr im westdeutschen intellektuellen Umfeld entgegenschlug. Berauscht vom antikapitalistischen Utopismus sah und sieht die westliche Linke über die linken Diktaturen und Massenverbrechen hinweg, wenn nur das Heilsversprechen hell genug strahlt.

Harald Martenstein, Dieter Nuhr, Mathias Brodkorb, Henryk M. Broder, Monika Gruber: Wenn das Denken die Richtung ändert. 260 Seiten, Kohlhammer-Verlag, Jetzt beim JF-Buchdienst bestellen
Harald Martenstein, Dieter Nuhr, Mathias Brodkorb, Henryk M. Broder, Monika Gruber: Wenn das Denken die Richtung ändert. 260 Seiten, Kohlhammer-Verlag, Jetzt beim JF-Buchdienst bestellen

Wie ein dunkler Hintergrund zieht sich durch viele Beiträge die Erinnerung an den Rausch der 68er, deren kultureller Nachhall bis heute in Medien- und Verlagswelten klingt. Die Verbohrtheit der 68er wirkt rückblickend wie eine Ursünde, aus der sich bis heute jene reflexhafte Empörung speist, die sich für moralische Überlegenheit hält.

Wie viele solcher Irrtümer braucht es denn noch?

Woher kommt sonst der grassierende Wokismus mit all seinen Denkverboten und absurden Widersprüchen? Die Frage steht im Raum, wie eine Ideologie, deren Scheitern so oft dokumentiert wurde, dennoch eine solche Anziehungskraft auf die Wissensintelligenz in zwei deutschen Staaten entfalten konnte. Den Weg der Linken, all der Marx-Versteher, Guevara-Verehrer und Diktatorenfreunde, säumen die Beweise ihres notorischen Scheiterns – von SDS bis DDR-Stasi, von RAF-Romantik bis Klimakrawall, von K-Gruppen bis zu den heutigen woken Aktivisten. Wie viele solcher Irrtümer braucht es denn noch, bis der faule Zauber des Linksseins verfliegt?

Henryk M. Broder macht sich keine Illusionen über den Antisemitismus der Linken. Und es gibt eben auch solche absurden Blüten wie jene heutigen Regenbogen-Feministinnen, die biologischen Frauen ihr Frausein absprechen.

Manchmal hilft da der Ausflug in die feine Ironie: Harald Martenstein zerpflückt den woken Tugendterror, den er insbesondere in der Zeitung Der Tagesspiegel erleben musste. Die Kabarettisten Monika Gruber, Dieter Nuhr und Andreas Rebers führen augenzwinkernd durch die Absurditäten von Cancel Culture und identitätspolitischer Wirrnis. Sie sind leidgeprüft, wegen satirischer Witze gegen Links in die rechte Ecke gestellt zu werden, bleiben aber unbeeindruckt.

Wenn das mal keine Dialektik ist

„Die Absurdität der linksidentitären Sprachverschwurbelung benötigt für die humoristische Verwendung kaum noch Übertreibung“, feixt Nuhr. Und Rebers frotzelt in Richtung Medien: „Für mich sind Klimaproteste eigentlich keine Proteste, sondern PR plus Sendezeit.“ Monika Maron und Peter Schneider beschreiben mit feinem literarischem Gespür, wie ursprüngliche Freiheitsverheißungen schleichend umgedeutet und dem dogmatischen Radikalismus geopfert wurden. Wenn das mal keine Dialektik ist.

Gerade der Wechsel der Tonlagen macht den Band lebendig: mal essayistisch, mal sachlicher, dann wieder kabarettistisch zugespitzt und stets unterhaltsam. Aus den Kultur- und Sprachkämpfen der linken Diskurse ergibt sich immerhin die Erkenntnis, dass Debatten in Deutschland schneller moralisch werden, als dass sie klug werden.

Könnte „rechts“ zur neuen Intellektuellenheimat werden?

Wohl jede Generation kämpft mit politischen Irrtümern, und recht notorisch sind es linke Irrtümer. Die Pointe ist: Dass Linke mit reiferen Lebensjahren zum Liberalismus oder Konservatismus abwandern, erscheint als häufiges Phänomen; der umgekehrte Weg, vom Konservativen in Richtung links stellt für rechte Intellektuelle eher keine Option dar.

Kulke und Mohr haben mit ihrer Anthologie ein Dokument der Zeitgeschichte geschaffen, das weit über den Moment hinauswirkt. Sie demonstrieren, dass der Verlust einer politischen Peer-Group auch in Humor und Hoffnung neue Freiheit eröffnet. Dort wo der Rechtsstaat, die Marktwirtschaft und die parlamentarische Demokratie die wesentlichen Errungenschaften sind. So steht der Band auch sinnbildlich für die zukünftige Sinnsuche einer Gesellschaft im 21. Jahrhundert – und stellt die Frage in den Raum, ob „rechts“ für deutsche Intellektuelle zur neuen geistigen Heimat werden könne. Das mag der Leser zunächst für sich selbst erwägen. So entfaltet sich die eigentliche Wirkung des Buches: ein Denken zu ermutigen, das in Bewegung bei sich selbst bleibt.

Aus der JF-Ausgabe 21/26.

Passanten auf einer Straßenkreuzung – werden sie nach links oder rechts gehen? Foto: picture alliance / newscom | Jelly Tse
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