In vier Verszeilen hat der Liedermacher Wolf Biermann einst das Dilemma des DDR-Stararchitekten Hermann Henselmann (1905–1995) zusammengefasst: „Und Henselmann kriegte Haue/Damit er die Straße baut/Und weil er sie dann gebaut hat/Hat man ihn wieder verhaut.“ Gemeint war die Berliner Stalinallee, als deren Erbauer Henselmann landläufig gilt, obwohl er lediglich die vier markanten Türme am Frankfurter Tor und am Strausberger Platz, dem östlichen und westlichen Ende der Allee, zu verantworten hat. Das Bauensemble – 13 Stockwerke mit Kuppel – sind allerdings der spektakulärste Teil der sozialistischen Vorzeigemagistrale, heute als Karl-Marx-Allee bekannt.
Und immerhin erhielt Henselmann 1951 vom Nationalpreis, der den Architekten für „Gute Leistungen beim Aufbau der Stalinallee“ im Kollektiv verliehen wurde, 100.000 Mark. Das war in der frühen DDR eine geradezu utopische Summe. Um so mehr dürfte Henselmann an der offiziellen Begründung geschluckt haben: Die Auszeichnung würdigte die Abkehr vom westlichen Konstruktivismus und den Beginn eines neuen „nationalen“ Baustils im „Geiste des sozialistischen Realismus“.
Dabei wollte Henselmann wie die anderen vier Meisterarchitekten Hanns Hopp, Richard Paulick, Kurt Leicht ganz andere Maßstäbe setzen. Die internationale Moderne sollte in der DDR-Hauptstadt Einzug halten. Wie sie lavierten, versuchten den Auftrag der Partei zu hintertreiben, davon erzählt Florentine Anders in ihrem Roman „Die Allee“. Es ist ein sehr persönliches Buch, denn Anders ist Henselmanns Enkelin. Und die Journalistin, die der Hermann-Henselmann-Stiftung vorsteht, hat für ihr Erstlingswerk tief in der Familiengeschichte gewühlt.
Es beginnt mit einem versuchten Selbstmord
Es ging ihr nicht nur um die architektonischen Spuren, die ihr Großvater hinterlassen hat, sondern auch um die menschlichen Verletzungen, die ein jähzorniger Patriarch bei seiner Frau, den acht Kindern und auch den Enkeln hinterlassen hat. Der Blick auf den Großvater muss subjektiv ausfallen, weil jede ihrer Onkel und Tanten eine andere Geschichte zu erzählen hätte, sagt Anders. Dabei liebt sie die zahlreichen Anekdoten. Da sie einen Roman und keine Biographie geschrieben hat, scheut sie sich nicht, diese in ihr Werk einzubauen, ebenso wie private Aufzeichnungen und auch eingesehene Stasiakten.
Die Familie Henselmann war eine Ausnahme in der DDR. Sie bekam ausreichend Wohnraum, verfügte über eine Haushälterin und lebte das mondäne Leben, das die Sozialisten jenen Bürgerlichen gestatteten, die sie im Arbeiter- und Bauernstaat halten wollten. Henselmann galt als Vorzeigearchitekt, der Institute leiten durfte, Titel wie den des Chefarchitekten beim Magistrat von Groß-Berlin erhielt, von seinen Visionen aber nur wenig umsetzen durfte. Den Frust darüber bekommen die Kinder zu spüren, die den cholerischen Vater fürchten. Dass Tochter Isa, die Mutter der Autorin, im Krieg ein Hörtrauma erlitten hat, bleibt unentdeckt. Und sie wird hart bestraft, wenn sie nicht auf die Anweisungen des Vaters hört. Sohn Andreas wird fürs Bettnässen verprügelt und versteckt sich im Heizungskeller.
Der Roman beginnt mit einem versuchten Selbstmord: Henselmanns Tochter Isa läuft im Spätsommer 1960 direkt vor einen himmelblauen Trabant auf die Kreuzung Frankfurter Tor, wird von diesem erfasst und auf den Asphalt geschleudert und – überlebt, aber ihr linkes Bein wird so zerstört, dass es verkürzt werden muss. Die 18jährige wehrte sich so gegen eine Zwangsverlobung mit einem in die DDR übergelaufenen BND-Mann. Im Roman folgt ein Zeitsprung in jenes Jahr 1931, als Henselmann am Anfang seiner erfolgversprechenden Karriere steht. Das Herz seiner ebenso von moderner Architektur träumenden Geliebten, der erst 16jährigen Irene „Isi“ gewinnt der zehn Jahre ältere endgültig, als er ihr sein erstes Werk zeigt: die 1930 in radikal moderner Form errichtete Villa Kenwin am Genfer See.
Berlin scheint Henselmann zeitweise anzuöden
Mit der Machergreifung der Nationalsozialisten endet die freiberufliche Tätigkeit. Der Sohn eines aus Russland stammenden jüdischen Vaters und einer „deutschblütigen“ Mutter entwirft Neusiedlerhöfe im Wartheland und Rüstungsanlagen im Sudetenland, Prag und Polen. Verbindungen zum kommunistischen Untergrund nutzt Henselmann sofort nach Kriegsende für seine Karriere. Er wird Stadtbaurat in Gotha, dann Leiter der Hochschule für Bauwesen in Weimar, bevor er nach Berlin beordert wird. Er soll mithelfen, den Ostteil der zerstörten Stadt aufzubauen.

Erneut laviert Henselmann. Aber letztlich passt er sich der Situation an, findet er Wege zu den Spitzen der Partei, versucht aber immer wieder, Impulse so setzen. Anders findet dafür das Zitat: „Wenn sie Scheiße wollen, dann baue ich ihnen die bessere Scheiße als die anderen.“ Oder weniger drastisch: so traditionell wie nötig, so modern wie möglich. Um Emanzipation von ihrem Mann ringt daneben die Architektin Henselmann. Während die Kinder ihre Liebe suchen, entwirft sie lieber Einbauküchen für die „Arbeiterpaläste“.
Berlin scheint Henselmann zeitweise so anzuöden, dass er nach Dresden will. Aber die dortige Hochschule lehnt dankend ab. Und wenn Henselmann alles hinwerfen möchte, ist Bertolt Brecht rechtzeitig bei seinem Freund, um ihn zu beruhigen: „Die Arbeit der Klasse sei eben noch nicht reif für die Moderne“, lässt Anders den Dramatiker sagen: „Der Künstler dürfe sich nicht über das Volk erheben, sondern müsse den Menschen kleinere Schritte zumuten und sie behutsam in die richtige Richtung bewegen. Erst wenn sich das Bewusstsein verändert habe, werde auch die neue Form populär werden.“
Henselmann bleibt mit der Stalin-Allee verbunden
Am Ende habe sich die Recherche immer mehr verselbständigt. Irgendwann sei ihr aufgefallen, dass ihre Familiengeschichte letztlich auch einhundert Jahre deutscher Architektur- und Baugeschichte widerspiegle, sagt Anders. Davon künden auch jene wegweisenden Entwürfe ihres Großvaters, mit denen er das inzwischen zu Normierung und industriellem Plattenbau übergegangene Politbüro erschreckte. So der eines 300 Meter hohen, einer Rakete nachempfundenen und von einem Sputnik gekrönten Turm in Berlin als Manifest der Zukunftsbegeisterung.
Es bleibt beim Entwurf; den „Telespargel“ genannten Fernsehturm mit seiner Kugel bauen andere. Immerhin werden seine Entwürfe für das Haus des Lehrers samt Kongresshalle sowie die Uni-Hochhäuser in Leipzig und Jena verwirklicht – Symbole für einen Paradigmenwechsel im Arbeiterstaat, der in den späten 1960er Jahren den Anschluss an die westliche Architektur der Moderne sucht – vorübergehend. Doch letztlich wird Henselmann wohl für alle Zeit mit der Stalinallee verbunden bleiben, selbst im Roman „Die Allee“.






