Studentische Antifa-Störer bei der Vorlesung von Bernd Lucke an der Hamburger Uni Foto: picture alliance/Markus Scholz/dpa
Debattenkultur

Wo der Mob regiert, hat der Geist das Nachsehen

Thomas de Maizière (CDU) darf nicht lesen, Christian Lindner darf nicht sprechen, Bernd Lucke darf nicht lehren. Wer bisher geglaubt hatte, die Diskursfähigkeit unserer Gesellschaft hätte einen nicht mehr zu unterbietenden Tiefpunkt erreicht, dem dürfte ein Blick an unsere Universitäten, und somit in die intellektuelle Zukunft, nochmal eine ganz neue, tiefpessimistische Ebene der Ernüchterung verschaffen.

Hat die amtierende Meinungselite in Medien, Politik und Kultur vor allem ein Problem mit allem, was irgendwie rechts oder zumindest tatsächlich noch richtig konservativ ist, sind die Studenten von heute, das Establishment von morgen, schon nicht mehr in der Lage, auch nur kleinste Abweichungen von ihrer grün-sozialistischen Agenda auszuhalten, ohne dabei ins Hyperventilieren, ins Schreien und ins Randalieren zu geraten.

Selbst Adorno kam unter Beschuß

Die Mischung aus nach Außen getragener Selbstüberschätzung und innerer Unsicherheit über die wahrhaftige Substanz der eigenen Ideen und Gedanken, führte schon immer zu einer gewissen Grundwut vieler angehender Akademiker auf alle Andersdenkenden. Dies galt und gilt vor allem dann, wenn dieses Andersdenken von den Hochschülern als konservativ, rechts oder neoliberal eingestuft wird.

Sind Studenten in der Regel doch nun mal naturgemäß in einem Alter, in dem auch Menschen mit Verstand oft noch so herzgesteuert sind, daß sie Sozialisten sind. Frühere Studentengenerationen hatten allerdings noch den Anstand und geistigen Horizont, zumindest die gereiften Meinungen ihrer Professoren und Dozenten auszuhalten und schweren Herzens zu ertragen. Sei es vielleicht auch nur, aus anerzogenem Respekt gegenüber dem Alter und den Lebensleistungen der Dozenten.

Eine Ausnahme bildet hier freilich die völlig verzogene 68er-Generation und ihre bis ins Mark intolerante Studentenrevolte. Eine Bewegung, bei der nicht die Revolution ihre Kinder fraß, sondern umgekehrt. Selbst die geistigen Väter des Kulturmarxismus waren den linken Studenten von damals plötzlich nicht mehr revolutionär genug. „Das Gefühl, mit einem Mal als Reaktionär angegriffen zu werden, hat immerhin etwas Überraschendes“, sagte Theodor W. Adorno, nachdem es wiederholt zu massiven Protesten in seinen Vorlesungen gekommen war.

Das Denken verflacht

Die einstige linke Galionsfigur sah sich gezwungen, ihre Universitätslehrtätigkeit einzustellen und wurde damit zu einem der ersten Opfer des linksextremen Meinungsterrors. Auch wenn sich die Stimmung an den Unis und in der Gesellschaft in den Folgejahren wieder etwas entspannte, die Stoßrichtung blieb die Gleiche. Auf ihrem berühmten „Marsch durch die Institutionen“ beseitigte die politische Linke nach und nach alles, was nicht zu 100 Prozent auf ihrer ach so progressiven Linie war.

Bei einer Generation, die im Geiste einer Revolte handelt, der Adorno nicht mehr links genug war, nützen all die Umdeutungsversuche des klassischen Liberalismus nach links und sämtliche Abgrenzungen nach rechts einfach nichts mehr. Viele derer, die da jetzt von links angegriffen werden, haben die Beschneidung der Meinungsfreiheit viel zu lange selbst mitgemacht, als daß sie sich nun berechtigt und glaubhaft darüber beklagen könnten.

Als die Grenzen des Sagbaren immer enger wurden, haben sie ihre Sprache an die neuen Regeln angepaßt oder geschwiegen. Das Denken verflachte auch dadurch immer mehr. Wo der Mob regiert, hat der Geist das Nachsehen. Der linksgrüne Meinungsterror an unseren Universitäten ist nur der Vorgeschmack auf den Ungeist, der bald mehr denn je das ganze Land regieren wird.

Studentische Antifa-Störer bei der Vorlesung von Bernd Lucke an der Hamburger Uni Foto: picture alliance/Markus Scholz/dpa

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