Knabenchor, Patrioten-Rap und Gregor Gysi

Kaisers royaler Wochenrückblick

Seid vorsichtig mit dem, was ihr euch wünscht, es könnte in Erfüllung gehen. Wieviel an diesem alten Spruch dran ist, hat jetzt ein kleines Mädchen aus Berlin erfahren, das unbedingt im Leipziger Thomanerchor singen wollte. Wobei man wohl mit einiger Sicherheit davon ausgehen kann, daß hier eher die Mutter des Kindes der Vater des Gedankens und die treibende Kraft des Wunsches war.

Dafür, daß ihre Tochter in dem Knabenchor singen darf, klagte die Rechtsanwältin sogar vor dem Berliner Verwaltungsgericht. Weil das Berliner Verwaltungsgericht eben das Berliner Verwaltungsgericht ist, hat man die Mutter dort auch nicht ausgelacht, sondern gab ihr tatsächlich Recht. Nicht das Geschlecht, sondern die künstlerische Bewertung der Stimme soll darüber Ausschlag geben, ob ein Mädchen in einem Knabenchor singen darf, fanden die Richter. Der Chor der Stadt Leipzig fügte sich und lud das Mädchen zum Vorsingen ein. Ganz nach Vorschrift. Zu einem festgelegten Termin.

Da das Mädchen genauso wie andere Bewerber behandelt werden soll, müsse sie auch zu den vorgegebenen Terminen vorsingen, so die Stadt. Ansonsten sei das Aufnahmeverfahren beendet. Das war dann aber doch ein bißchen zu viel Gleichberechtigung für die klagefreudige Anwaltsmutter, die in der Vergangenheit auch schon versucht hatte, ihre Tochter zum Sangesknaben des Staats- und Domchor Berlin zu klagen. Sie bat um einen Aufschub von vier Monaten. In dieser Zeit wollte die Mutter Courage von der Spree ihre Kleine den „Knabenchorklang erlernen“ lassen.

Patrioten-Rapper gegen MTV

Offenbar hatte Mutter Natur, die bekanntermaßen von Geschlechtern keine Ahnung hat, dem Mädchen eine Mädchenstimme verpaßt. Das wird man ja wohl noch ändern dürfen, fand die Mutter. Darf man nicht, findet Leipzig. „Eine solche stimmliche ‘Umerziehung‘ entspricht weder dem Menschenbild der Leitung des Chores noch seiner Auffassung vom Kindeswohl“, hieß es in einer offiziellen Stellungnahme. Von der verhinderten Knabensängerinnen-Mutter dürften wir aber nicht zum letzten Mal etwas gehört haben.

Ungewohnte Töne gab es dieser Tage auch im Deutschrap zu hören. Wo sonst Frauenfeindlichkeit, Drogendealer, Antisemitismus und Gewalt verherrlicht werden, schafften es die patriotischen Hip-Hopper Chris Ares & Prototyp mit ihrem Song „Neuer Deutscher Standard“ als erste rechte Rapper in die offiziellen Downloadcharts. Sehr zum Ärger der Förderer von frauenfeindlichem, antisemitischem und gewaltverherrlichenden Drogendealer-Rap. Die Autoren der Genre-Medien heulten sich die meist sowieso schon ziemlich zugequollenen Augen aus.

MTV sah sich gar genötigt, eine Stellungnahme zu dem für die dortigen Redakteure offenbar erschreckend wertebetonten Track zu veröffentlichen. Für jüngere Leser muß man vielleicht erklären: MTV ist ein TV-Sender, der in der Steinzeit des analogen Musikfernsehens einmal von Bedeutung war. Das ist schon lange vorbei. Beim Verfassen der Stellungnahme gegen Rechts-Rap konnten sich die Bionade-Gangster von MTV aber noch einmal so richtig schön relevant fühlen. „Wir bei MTV stehen für eine offene, multikulturelle Gesellschaft, demokratische Grundwerte und gegen jede Form von Rassismus und Rechtsextremismus. Wir haben vor allem: Kein Bock auf Nazis“, schrieben die Wohlstandskinder aus der Musikredaktion. Sie kratzten all den angesparten Mut zusammen, den sie sich gegen arabische Clan-Rapper seit Jahren sicherheitshalber verkniffen haben.

Gysi redet beim „Politischen Gottesdienst“

Der Frust darüber, daß sie mit der Veröffentlichung der offiziellen Charts auch die Namen der beiden Patrioten nennen mußten, saß tief. So tief, daß sie deren Video nicht online gestellt und die Platzierung von „Neuer Deutscher Standard“ mit einem Sender-Emblem in Regenbogenfarben bebildert haben. Daß man Rapper mit so einem „Schwulen-Diss“ so richtig hart treffen kann, haben die MTV-Redakteure vermutlich von ihren islamischen Lieblingsrappern gelernt.

Am Donnerstag war Tag der Deutschen Einheit. Während Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in Kiel eine „wunderschöne Gedenkfeier“ hatte, gemeinsam mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und ohne störendes Volk, hielt der letzte Vorsitzende der SED, Gregor Gysi (Linkspartei), beim „Politischen Gottesdienst“ in Karlsruhe eine – wie der SWR es nannte –„launige Rede“. Der Gottesdienst in der Stadtkirche Durlach stand unter dem Motto „Alle Mauern sollen niederfallen“. Gysi ist eben ein so anständiger Mann, daß er sich die Moral gleich doppelt leisten kann.

Vorhang auf für Kaisers Wochenrückblick Foto: picture alliance/imageBROKER / JF-Montage

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