Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron nannte den Messerangriff ein „Drama“, die Hintergründe sind jedoch komplexer Foto: picture alliance/Michael Esdourrubailh/MAXPPP/dpa
Pariser Messerattacke

Die Folgen des menschengemachten Kulturwandels

Auf Seite vier der heutigen FAZ findet sich ein Artikel zu Anschlägen auf Moscheen und deren ideologische Hintergründe; der Text nimmt etwa zwei Drittel des Formats ein. Die Tendenz ist eindeutig: „Feuer und kein Aufschrei“; der Verfasser referiert ohne Kommentar die Anschauung, daß die Täter vorschnell als seelisch krank bezeichnet würden, obwohl doch Islamophobie das Motiv sei, und daß die AfD und Thilo Sarrazin irgendwie Verantwortung für ein gesellschaftliches Klima trügen, in dem Islamfeindlichkeit zu derartigen Angriffen führt.

Auf Seite sieben unter der Rubrik „Deutschland und die Welt“ findet sich ein anderer Artikel, eine halbe Spalte, der den Anschlag auf ein Pariser Polizeirevier betrifft und die offizielle Lesart kurz referiert: ein Mitarbeiter des Amtes hat am Donnerstag vier seiner Kollegen mit einem Messer attackiert und getötet, danach wurde er selbst erschossen; eine Kollegin überlebte schwerverletzt. Mittlerweile gingen die Behörden von einem terroristischen Hintergrund aus.

Für diese Verteilung der Gewichte mag Verständnis aufbringen, wer noch genug guten Glauben hat, um den üblichen Erklärungen in solchen oder ähnlichen Fällen zu trauen: Wenn es zuerst heißt, der Täter habe unter persönlichen Problemen oder psychischen Störungen gelitten, und nur zögernd, fast widerwillig der eigentliche Hintergrund zur Sprache kommt. Hier, daß der aus dem Überseedepartement Martinique stammende Täter 2017 zum Islam konvertiert ist und sich seitdem offenbar in raschem Tempo radikalisiert hat. Radikalisiert bis zu dem Punkt, an dem er es für eine Allah wohlgefällige Tat halten konnte, seine ahnungslosen Mitmenschen zu töten.

Jede Tat soll als Einzelfall erscheinen

Wahrscheinlich wußten die Verantwortlichen von Anfang an über diesen Kontext Bescheid, und wahrscheinlich haben sie sich von Anfang an entschlossen, ihn zu kaschieren. Noch am Freitagmorgen erklärte die Sprecherin der französischen Regierung, Sibeth Nidaye, daß es keine Indizien für einen terroristischen Hintergrund gebe. Hinter dieser und anderen Beschwichtigungen steht mehr als ein tagespolitisches Kalkül. Dahinter steht die Absicht, zu verharmlosen und den Eindruck zu erwecken, als ob man es bei jedem neuen Anschlag mit einen isolierten Vorgang zu tun hat, ein „wahres Drama“ (Emmanuel Macron), die Tat eines Einzelnen, die bedauerliche Opfer fordert, für sich genommen tragisch, aber so unvermeidbar wie Blitz, Sturmflut oder Lawine. Das Ziel dieses Vorgehens ist, jedes Nachdenken über den Ursache-Wirkung-Zusammenhang zu unterbinden und die garstigen Folgen des menschengemachten Kulturwandels auszublenden.

Denn das, was man uns als „Buntheit“, „Diversität“, „offene Gesellschaft“ verkauft, muß unbedingt als Fortschritt erscheinen, der dafür sorgt, daß Europa nicht mehr weiß, homogen und langweilig ist. Eine Annahme, die mittlerweile einen solchen Grad an Selbstverständlichkeit erreicht hat, daß sie kein verantwortlicher Politiker zu leugnen wagt und der Bürger selbst bei der Aussicht auf ein „neues 2015“ ratlos mit den Achseln zuckt. Das ist umso erschütternder, als es für Herrn Jedermann eigentlich nahe liegen müße, bohrende Fragen zu stellen.

Zum Beispiel: Wäre das, was in Paris geschah, vor 50 Jahren denkbar gewesen? Antwort: Nein. Vor 40 Jahren? Antwort. Nein. Vor 30 Jahren? Antwort: Nein. Aber diese Fragen werden nicht gestellt. Sie werden nicht gestellt, weil man die Antwort kennt, vor allem aber, weil man fürchtet, daß die Beantwortung weitere Fragen provozieren müßte: Wer trägt die Schuld daran, daß es so weit gekommen ist? Wie konnten die Institutionen derart versagen? Wo blieb die Zivilcourage? Warum leistete keine etablierte Partei, kein etabliertes Medium Widerstand gegen eine Entwicklung, deren fatale Folgen sehr früh zu erkennen waren?

Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron nannte den Messerangriff ein „Drama“, die Hintergründe sind jedoch komplexer Foto: picture alliance/Michael Esdourrubailh/MAXPPP/dpa

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