Herr Elsässer, ist das das Ende von „Compact“?
Jürgen Elsässer: Compact wird noch Schlagzeilen machen, wenn Frau Faeser längst vergessen ist! Was wir in unserem Motto als „Mut zur Wahrheit“ bezeichnen, das läßt sich nicht verbieten: Sie können uns die Arbeitsmittel rauben, sie können uns die Konten sperren – aber sie können uns nicht unsere Ideen nehmen und die Kraft, mit der wir an sie glauben. Unser Schatz ist das, was wir im Kopf haben und im Herzen tragen, und wir werden nicht aufhören, damit dieses Regime zu bekämpfen!
Starke Worte, aber ist das nicht nur Pfeifen im Walde?
Elsässer: Ich bin überzeugt, daß dieser selbstherrliche Schlag gegen die Demokratie und die Freiheit der Presse Frau Faeser noch leid tun wird. Am Ende wird sie sich damit das eigene politische Grab geschaufelt haben und zum Sturz des Regimes beitragen.
Diese radikale Rhetorik ist eines der Argumente, mit denen die Ministerin das Verbot begründet.
Elsässer: Genau wie die Mainstream-Presse erweckt Frau Faeser den Eindruck, wir wollten das „System“ stürzen. Kostprobe aus ihrer achtzigseitigen Verbotsbegründung: „Der Sturz des politischen Systems wird offensiv als zentrale Zielvorstellung vertreten. So Elsässer exemplarisch offiziell auf einer Compact-Spendengala 2023: ‘Wir wollen das Regime stürzen.’“
Moment, „Regime“ und „System“ sind nicht dasselbe.
Elsässer: Eben, das ist ein bedeutender Unterschied! Bei „System“ könnte man mißverstehen, daß wir die freiheitlich-demokratische Grundordnung bekämpfen und sie durch ein autoritäres System ersetzen wollen. Das aber ist mit Sicherheit falsch! Aber genau deshalb münzt die Verbotsbegründung „Regime“ auch einfach zu „System“ um.
Elsässer: „Die Ampel ist nicht bloß eine Regierung – sie ist Teil eines Regimes“
Ihre Ehefrau hat allerdings mehrmals in offenbar abgehörten Telefonaten gesagt, „wir wollen das System stürzen“.
Elsässer: In privaten Gesprächen oder Telefonaten formuliert man ja flapsig, sagt mal „Regime“, dann „System“, dann wieder „Regierung“. An den abgehörten Telefonaten ist etwas anderes auffällig: Der Geheimdienst hat uns seit Jahren angezapft – und das von Ihnen zitierte ist das Einzige, was sie uns in dieser Hinsicht vorwerfen? Beziehungsweise gegen uns mißbrauchen können. Das heißt, selbst in Privattelefonaten gab es also keine Gewaltaufrufe, kein Nazi-Sprech, keine Pläne für Gewalthandlungen, nada!
Im Grunde ist, was Faeser bei der Telefonabhörung gefunden hat oder vielmehr: nicht gefunden hat, der Beweis für unsere Friedfertigkeit und Verfassungstreue. Compact steht nämlich voll und ganz hinter unserer demokratischen Ordnung und dem Grundgesetz. Und es sind wir, die diese gegen die wahren Verfassungs- und Demokratiefeinde verteidigen, die heute nämlich in der Regierung sitzen, und deren Regime wir stürzen werden.
Sie wollen eine demokratisch gewählte Regierung stürzen?
Elsässer: Wir wollen sie demokratisch stürzen, wie 1989 bei der Friedlichen Revolution in der DDR und den anschließenden freien Wahlen. Zuerst wird das Regime durch friedliche Massendemonstrationen verunsichert und zerbricht, muß dann freien Wahlen zustimmen, die in einer Art Runder Tisch organisiert werden. Und diese freien Wahlen führen dann zu einer neuen Regierung, die den echten Volkswillen repräsentiert.
Regime hin oder her, freie Wahlen haben wir doch. Was soll also Ihre „freie Wahlen“ von unseren heute unterscheiden?
Elsässer: Wir haben heute keine freien Wahlen. Die Altparteien verhindern die freie Artikulation der AfD, die Medien sind gleichgeschaltet wie in der DDR, dazu der Straßenterror der vom Staat finanzierten Antifa. Freie Wahlen bedeutet Gleichberechtigung für alle Parteien in der öffentlichen Darstellung. Das war der Unterschied zwischen den freien Wahlen in der DDR im März 1990 und den vorherigen unfreien Wahlen im Mai 1989.
„In Deutschland herrscht ein Regime aus Regierung, Medien und politischen Vorfeldorganisationen“
Wenn wirklich alles rechtsstaatlich ablaufen soll, warum dann ständig diese zweideutige Sprache, die zwar in der Tat demokratische, aber ebenso revolutionär-gewaltsame Prozesse beschreiben kann?
Elsässer: Unsere Ausdrucksweise ist nicht zweideutig, sondern im Gegenteil sehr präzise: Denn die Ampel ist nicht nur eine Regierung, sondern auch Teil eines Regimes. Das sehen Sie daran, daß mittlerweile, ganz gleich wie die Wahlen ausgehen, immer die gleiche Politik gemacht wird und teilweise gar die gleichen Parteien und Politiker an der Macht sind. Weil nämlich das demokratische System der Regierungswechsel längst von antidemokratischen Machtstrukturen überwuchert ist.
Was meinen Sie? Es steht dem Volk frei, bei der nächsten Bundestagswahl die AfD, das BSW oder auch zum Beispiel die Tierschutzpartei an die Macht zu wählen.
Elsässer: Theoretisch ja, tatsächlich aber haben, ähnlich wie in der DDR, die BRD-Blockparteien ein Gespinst aus Vorfeldorganisationen und GEZ-Medien geschaffen, das – verflochten mit den privaten Medien und gesellschaftlichen Organisationen, deren Personal sich aus dem gleichen soziokulturellen Milieu rekrutiert – zu einer Art politischem Betonblock ausgehärtet ist. Und dieser ist es, was ich mit „Regime“ meine.
Deshalb reicht es eben nicht, nur alle vier Jahre die Regierung neu zu wählen, sondern es müssen auch diese Strukturen aufgelöst werden. Denn nur dann kann sich wieder das freie Spiel der Demokratie entwickeln, in dem der Wählerwille auch einen wahren Politikwechsel zu bringen vermag.
Und nur dann kann auch wieder echte Meinungspluralität entstehen, statt daß, wie jetzt, in den zentralen gesellschaftlichen Fragen die relevanten Medien alle mehr oder weniger die gleiche Richtung vertreten. Und wenn diesen deshalb irgendwann die Leser davonlaufen, werden sie mit Staatsgeldern gepäppelt.
„Die Linke hat sich mit dem Großkapital gegen das Volk verbündet“
In den Siebzigern und Achtzigern waren Sie organisierter Kommunist. In den Neunzigern wurden Sie zu einem der bekanntesten linksradikalen Journalisten Deutschlands, der etwa offen forderte, dem angeblich rechten Historiker Ernst Nolte „aufs Maul“ zu hauen oder „Baseballschläger“ gegen Antisemiten einzusetzen. Haben Sie wirklich aufgehört, den Staat stürzen und Gewalt einsetzen zu wollen, nur weil Sie im Laufe der 2000er Jahre zur Rechten gefunden haben?
Elsässer: Ich bin ja nicht der erste Linke, der früher Schwachsinn geredet, inzwischen aber gereift sich besonnen hat. Diesen Wandel, ein Prozeß, der sich über zehn Jahre hinzog, habe ich 2022 in meiner Autobiographie „Ich bin Deutscher. Wie ein Linker zum Patrioten wurde“ beschrieben.
Was um so bemerkenswerter ist, da Sie als der Begründer der sogenannten „Antideutschen“ gelten, einer besonders rabiaten antinationalen Strömung innerhalb der deutschen Linken, der selbst die übliche antinationale Linke noch zu „national“ ist.
Elsässer: Eine wichtige Rolle für mein Umdenken spielte die Erkenntnis, wie sehr wir uns als antinationale Linke vom Volk entfernt hatten, für welches einzutreten doch Sinn und Zweck der Linken ist. Deshalb muß sich die Linke heute mit dem Großkapital verbünden, um ihre von der Mehrheit des Volkes nämlich meist abgelehnte Politik durchzusetzen, wofür sie sich dann im Gegenzug zur Lobby dieser Kräfte macht. Zum Beispiel Bill Gates: früher wäre er das klassische Ziel linker Kritik gewesen, heute ist die Linke sein eifrigster Unterstützer.
„Wenn ich den Namen ‘Bill Gates’ sage, meine ich ‘die Juden’ – das ist doch gaga!“
Genau solche antisemitischen Reden wirft Frau Faesers Verbotsbegründung Ihnen ebenfalls vor.
Elsässer: Das ist doch völlig gaga! Weder ist Gates Jude, noch hat meine obige Aussage auch nur das Geringste mit Juden zu tun. Dennoch aber, so in der Tat die Logik von Frau Faesers Verbotsbegründung, kritisiere ich „Bill Gates stellvertretend für die Juden“.
Was hat es damit auf sich?
Elsässer: Es handelt sich angeblich um sogenannten „politischen Antisemitismus“: Weil wirkliche Antisemiten glauben, daß die Juden die Weltelite kontrollierten, reicht es bereits, daß ich von „globalistischer Elite“ beziehungsweise von Leuten wie Gates oder Klaus Schwab spreche, um meine Person als antisemitisch zur verleumden. Auch wenn ich gar nicht behaupte, daß „die Juden“ irgend etwas mit diesen Leuten zu tun haben – wundern Sie sich nicht, wenn Ihnen das wirr vorkommt!
Dafür warnen Sie vor der jüdischen Bewegung „Chabad Lubawitscha“, die weltweit ihren Einfluß ausbaue – womit Sie, so wirft Ihnen die Verbotsbegründung vor, in Wahrheit alle Juden meinten.
Elsässer: In der Tat dominiert diese fundamentalistische jüdische Sekte die gegenwärtige israelische Regierung und ist weltweit die am besten organisierte zionistische Gruppe. Was wir bei Compact aber auch schreiben ist, daß die Mehrheit sowohl der Juden als auch der Israeli „Chabad Lubawitscher“ ablehnt und daß wir sie darin unterstützen.
Das heißt, wir greifen in Wahrheit nicht „die Juden“ an, wie Faesers Verbotsbegründung einfach behauptet, sondern eine faschistische Gruppe, die die Juden bedroht. Zum Beispiel indem sie wie in den deutschen jüdischen Gemeinden, den Einfluß der liberalen Juden mit ihren rabiaten Methoden zurückdrängt. Sie sehen, welch absurde Konstruktion der „politische Antisemitismus“ ist.
Bezeichnend für das intellektuelle Niveau der Verbotsbegründung ist übrigens: Ich hatte die Lubawitscher und verwandte Strömungen in einem Compact-Artikel als „Die Irren von Zion“ bezeichnet. Faeser sieht darin eine Anlehnung an die berüchtigten „Protokolle der Weisen von Zion“. Sie und ihre Antifa-Klippschüler wissen nicht: „Die Irren von Zion“ ist ein Buchtitel von Henryk M. Broder, der damit, ähnlich wie ich, ultraorthodoxe Fundamentalisten meinte. Ich habe Ende der neunziger Jahre sogar ein Interview mit Broder dazu gemacht.
Und den gleichen Unsinn stellt der zweite Antisemitismus-Vorwurf der Verbotsbegründung dar, der sogenannten „sekundären Antisemitismus“. Dessen machen wir uns angeblich schuldig, weil wir etwa geschrieben haben „der ewige Schuldkult zerstört die Psyche der Deutschen“ oder „es ist schädliche Geschichtsklitterung zulasten Deutschlands zu verkennen, daß sowohl vor wie auch während des zweiten Weltkriegs von allen Seiten schwere Verbrechen verübt wurden“.
„Der Antisemitismus steckt nicht in unseren Texten, sondern in den Köpfen der ‘Faeschisten’“
Was ist daran antisemitisch?
Elsässer: Daß ich damit – ebenso wie ich ja angeblich gar nicht Bill Gates meine, wenn ich von ihm spreche, sondern „die Juden“ – auch hier nicht das meine, was ich sage, sondern in Wahrheit damit nur „die Aufarbeitung des NS-Judenmords neutralisieren“ will. Sagen wir es doch mal, wie es ist: Der Antisemitismus ist nicht in unseren Texten – sondern im Kopf der sie lesenden „Faeschisten“. Es ist, wie wenn der Psychiater beim Rohrschach-Test dem Patienten ein paar Tintenkleckse zeigt und dieser aufgebracht reagiert: „Hören Sie auf, mir diese perversen Bilder zu zeigen!“
In der Tat liest sich die Verbotsbegründung in großen Teilen wie eine Verschwörungstheorie. Nicht darin genannt ist allerdings, daß Sie den damaligen iranischen Staatspräsidenten Mahmud Ahmadineschād publizistisch unterstützt und 2012 auch an einer Audienz bei ihm in Teheran teilgenommen haben. Obwohl er als Holocaustleugner gilt und wiederholt bekundet hatte, Israel auslöschen zu wollen.
Elsässer: Das war damals eine gemischte Reisegruppe, bei der auch ein FDP-Politiker dabei war, und natürlich nutzt man als Journalist die Möglichkeit, sich vor Ort einen Eindruck zu verschaffen und auch einmal mit iranischen Repräsentanten direkt zu reden.
Zuvor schon hatten Sie Partei für Ahmadineschād ergriffen, etwa bei der Niederschlagung der Unruhen 2009 wegen vermuteten Wahlbetrugs, wobei Sie die Protestierenden übel beschimpft haben.
Elsässer: Ich habe damals in der Tat klar Stellung gegen die bezogen, die ihn stürzen wollten und ziemlich populistisch von diesen Leuten als „Teheraner Disco-Miezen, Drogenjunkies und Strichjungen des Finanzkapitals“ geschrieben.
Denn: „Farbenrevolutionen“, wie wir sie ja auch aus anderen Ländern kennen, haben noch nirgends dazu führt, daß sich etwas verbessert, auch nicht in puncto Demokratie, sondern nur dazu, daß bei ihrem Erfolg andere eingesperrt und gefoltert werden als vorher. Vor allem aber verschlechtert sich immer die wirtschaftliche Lage des einfachen Volkes.
Denn ein zwar nicht sonderlich sympathisches, aber von den globalen Eliten unabhängiges Regime wie im Iran ist immerhin in der Lage, die Versorgung der Grundbedürfnisse des Volkes sicherzustellen. Kommen dagegen Regime an die Macht, die sich von diesen Eliten abhängig machen und das Land der Globalisierung öffnen, verarmen die einfachen Leute. Siehe zum Beispiel Serbien.
Oder auch der Irak Saddams: Er führte einen diktatorischen Staat – aber immerhin einen Staat! Erst mit seinem Sturz wurde das Land zu einem sogenannten failed state: zu einem schwarzen Loch in dem die Gewalt der Banden und Milizen allgegenwärtig ist und in dem heute weder Gesundheitssystem noch Müllabfuhr funktionieren.
„Wir zensieren nicht, das überlassen wir dem Faeser-Regime”
Zurück zur Verbotsbegründung, in der sich als einziges überzeugendes Beispiel für Antisemitismus zwei Leserkommentare zu „Compact“-Artikeln finden, in denen es heißt, „unsere parlamentarische Schein-Demokratie wird gesteuert von transatlantisch-zionistischen Eliten“ und „alle US-Präsidenten sind nur Judenknechte“. Warum löschen Sie solche Kommentare nicht?
Elsässer: Weil wir Kommentare und Leserbriefe nur zensieren, wenn sie strafrechtlich relevant sind. Ansonsten gilt das Prinzip der freien Rede, auch wenn dummes oder abstruses Zeug vertreten wird. Leute und Positionen „unterhalb der Strafbarkeitsschwelle“ zu verfolgen, das überlassen wir dem Faeser-Regime.
Und zum Vorwurf des Antisemitismus: 2014 beschuldigte mich die frühere Grünen-Vorsitzenden Jutta Ditfurth, ein „glühender Antisemit“ zu sein. Ich habe sie daraufhin wegen Verleumdung verklagt und zwar durch alle Instanzen und mit Erfolg, weil sie keinen Beweis dafür vorlegen konnte, sondern nur, wie Faeser heute, freche Unterstellungen machte.
Interessant übrigens, daß dieser Elsässer-Ditfurth-Prozeß aktuell in keinem Medium erwähnt wird, obwohl er damals hohe Wellen schlug und heute sogar einen eigenen Wikipedia-Eintrag hat.
Nicht überzeugen vermögen auch die in der Verbotsbegründung genannten Indizien dafür, daß „Compact“ Hitler verehre, vor allem angesichts dessen – was die Verbotsbegründung verschweigt –, daß Ihr Magazin geradezu penetrant den Nationalsozialismus als Negativreferenz verwendet und unentwegt davor warnt, ein neuer Faschismus ziehe herauf. Ein Vorwurf irritiert aber dennoch: Warum loben, bewerben und vertreiben Sie offenbar das Kochbuch „Die 88 besten Fleischgerichte aus dem Reich“ des Rechtsextremisten Tommy Frenck? Der Inhalt, das bestätigt die Verbotsbegründung, ist zwar harmlos, aber der Neonazicode „88“ steht in der Tat für „Heil Hitler“.
Elsässer: „In der Tat“? Und was ist mit dem Autokennzeichen HH – steht das nicht viel eindeutiger für Heil Hitler? Diese ganze Numerologie, dieses Jagen nach Codes und Chiffrieren, die angeblich für Nazi-Sprech stehen sollen, ist doch ein Stück aus dem Irrenhaus. Unser Buchshop hatte gut und gerne 1.000 Titel im Angebot, darunter auch die Memoiren von Egon Krenz. Sind wir deswegen Verteidiger des SED-Regimes?
Wollen Sie mit „Compact“ neben normalen Bürgern auch Extremisten ansprechen? Zumindest scheinen Sie keine Berührungsängste diesbezüglich zu haben.
Elsässer: Wir verkaufen, was Kunden nachfragen. Wir sind Geschäftsleute. Was nicht auf dem Index steht, wird angeboten.
„Bei ‘Compact’ sind wir stolz darauf, Populisten zu sein“
Nicht nur in dieser Hinsicht erinnert „Compact“ an Ihre linke politische Herkunft, wo Abgrenzung gegenüber Extremisten bekanntlich unüblich ist. Auch Ihr Selbstverständnis als Journalist und zugleich politischer Aktivist und Organisator – so ein weiterer Vorwurf der Verbotsbegründung – wirkt ehrlich gesagt klassisch links.
Elsässer: Durchaus, nehmen Sie die linken Blätter, für die ich früher geschrieben habe, Konkret oder die Junge Welt, die haben alle ein entsprechendes aktivistisches Verständnis ihrer journalistischen Arbeit – nur werden sie dafür nicht kriminalisiert.
Allerdings muß ich klarstellen: Wir sprechen von meiner Person, nicht vom Medium Compact. Es entspricht meinem persönlichen Naturell als Journalist, für das wofür ich schreibe auch im politischen Leben einzustehen.Wovon wir also wie gesagt nicht sprechen, ist Compact, denn alles was unsere Redaktion organisiert, Konferenzen oder Pressefeste, sind klassische Mittel, um für das Magazin zu werben.
Was Compact tut, ist also nicht, wie die Verbotsbegründung behauptet, politischen Widerstand zu organisieren, sondern politischen Widerstand publizistisch zu begleiten.
„Compact“ begreift sich doch selbst als Teil des Widerstands.
Elsässer: Als publizistische Begleitung.
Was ist der Unterschied?
Elsässer: Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Im März 2020 habe ich im Editorial den Begriff „Corona-Diktatur“ erfunden. Wie ein Lauffeuer hat sich das von unserer Leserschaft aus in der Corona-kritischen Szene popularisiert, wurde später gar zum „Unwort des Jahres“. Publizistik kann also etwa Begriffe prägen, die die Massen ergreifen und so das Volk aufbringen.
Ist das nicht Volksverhetzung?
Elsässer: Wenn Sie meinen, daß Empörung über und Protest gegen Mißstände und Machtmißbrauch, wie zum Beispiel 1989 in der DDR, ein Übel sind … Compact war nie Volksverhetzung, sondern immer ein „Hallo-Wach“ für den zu schläfrigen deutschen Michel!
Deshalb also der zuspitzende, propagandistische Stil, den „Compact“ pflegt und der Ihnen den Vorwurf des „Populismus“ einbringt?
Elsässer: Wir sind stolz, Populisten zu sein, und zwar weil Demokraten Populisten sein müssen! Denn nur wenn man das Volk so informiert, daß es die Dinge versteht, kann es sich auch eine Meinung bilden.
Dagegen ist doch das Schlimme am herrschenden Diskurs, daß so verschwurbelt argumentiert wird, daß keiner mehr weiß, um was es eigentlich geht. Was bitte ist denn heute „Rassismus“? Was „Haß und Hetze“? Und was „Delegitimierung des Staates“?
Deshalb bin ich stolz darauf, daß wir bei Compact klar und deutlich schreiben – etwa von „Impfverbrechern“ oder davon, daß „Habeck in den Knast“ gehört.
„Die Linke hat die Herrschaftskritik preisgegeben – heute ist sie in die Rechten ausgewandert“
Woran liegt es, daß Ihre Art zu reden und zu schreiben, solange Sie links waren, über Jahrzehnte nicht zu Ihrer öffentlichen Ausgrenzung geführt hat – wohl aber innerhalb kürzester Zeit, seit Sie es von rechts tun?
Elsässer: Das ist in der Tat sehr spannend, denn es zeigt deutlich die Verschiebung der politisch-ideologischen Vektoren. Früher, als die Linke noch kapitalismuskritisch und antiautoritär war, waren herrschaftskritische Diskurse bei ihr zu Hause. Doch inzwischen ist sie zum Vorkämpfer ihrer einstigen Gegner geworden, des Finanzkapitalismus, des Amerikanismus und der neuen Weltordnung. Ihre Herrschafts- und Kapitalismuskritik dagegen ist zur Rechten ausgewandert.
Und dort ist sie viel gefährlicher, als sie es auf der Linken je war! Denn auf der Rechten verbindet sie sich mit einer immer breiter werdenden Volksströmung. Was, solange sie auf der Linken beheimatet war, nicht drohte, da die aus gutem Grund im Volk schon lange nicht mehr sonderlich populär war.
Dann sind Sie gar kein Rechter, sondern im Grunde immer noch der alte Linke?
Elsässer: Ich vertrete die Auffassung, daß es Links und Rechts gar nicht mehr gibt – und zwar weil sich die sozioökonomische Struktur der Gesellschaft heute nicht mehr mit den Maßstäben des Industriekapitalismus abbilden läßt: Heute beuten nicht mehr Fabrikanten Proletarier aus, sondern eine im Grunde winzige Finanzelite des Casino-Kapitalismus beutet nicht nur die einfachen Leute, sondern auch den Mittelstand und einen Großteil des produzierenden Gewerbes aus – also das, was man früher die Kapitalisten genannt hat. Das zeigt, daß die alten Kategorien nicht mehr taugen.
„Verrat der Linken, die sich den Grünen und ihrem Gender-Wokeness-Schwachsinn unterworfen hat“
Als Sie 2010 „Compact“ gegründet haben, wurde es als „Querfront“-Magazin beschrieben, das Linke, Rechte und sogenannte „Truther“ – auf Deutsch gemeinhin „Verschwörungstheoretiker“ genannt – zusammenbringt: Eine damals fast unbekannte, neue Mischung, deren enormer Erfolg heute, wie etwa die Corona-Proteste gezeigt haben, weit über „Compact“ hinausgeht. Wieso ahnten Sie früher als die meisten diese neue Bewegung voraus?
Elsässer: Tatsächlich gehen ihre Anfänge bereits auf die Reaktionen der organisierten Linken auf den 11. September 2001 zurück: nämlich den Teil der Linken zu stigmatisieren, der es wagte, dazu kritische Fragen zu stellen. Bedauerlicherweise fehlt der organisierten Linken – leider einschließlich Sarah Wagenknechts – bis heute der Schneid, mit Rechten oder auch nur mit andersdenkenden Linken in Dialog zu treten.
Doch dafür ist der Erfolg unserer Richtung in der unorganisierten Linken um so größer, weil immer mehr verstehen, welchen Verrat die organisierte Linke verübt hat, indem sie sich der Meinungsführerschaft der Grünen mit ihrem dekadenten Gender- und Wokeness-Schwachsinn, vor allem aber mit ihrem Lobbyismus für die globale Finanzelite und den Transatlantismus unterworfen hat.
Ihre Absage an die atlantische Allianz wird Ihnen ebenso immer wieder vorgeworfen, wie Sprachrohr Putins zu sein. Tatsächlich haben Sie öffentlich gemacht, daß Sie zwar nicht von Moskau gefördert werden, sich aber zu Beginn darum bemüht haben.
Elsässer: Halt! Anders als immer wieder behauptet, haben wir nie auch nur eine Kopeke oder einen Cent vom russischen Staat oder russischen Institutionen bekommen. Und wir haben auch nie um Geld gebeten, sondern nur – bei einem Besuch in der russischen Botschaft 2014, den ich, wie Sie sagen, selbst öffentlich gemacht habe – um technische Unterstützung in Form von Übersetzungen und Photos. Weil wir nämlich damals die Reden Putins publizieren wollten. Allerdings vergeblich, so daß wir dann eben selbst übersetzen mußten.
Auch wenn Sie sich zu Beginn dieses Gesprächs siegessicher gezeigt haben und Ihnen auch etliche Experten einen juristischen Sieg voraussagen: Dieser Kampf wird enorme Mengen an Geld, Zeit, Kraft verschlingen und Jahre dauern. Am Ende könnten Sie juristisch erfolgreich, zugleich aber ökonomisch ruiniert sein.
Elsässer: Genau das ist nach meiner Meinung auch der Plan dahinter! Faeser weiß genau, daß sie Recht und Verfassung bricht, aber es ist ihr egal, denn sie hat quasi unbegrenzte Mittel aus dem Steuersäckel zur Verfügung. Es geht also nicht um Recht, sondern um den gezielten Mißbrauch des Rechtsstaats, um oppositionelle Kräfte zu binden und aufzureiben.
Und trotzdem wird sie damit nicht durchkommen! Ja, im Grunde ist sie jetzt schon gescheitert: Compact und Elsässer sind jetzt schon hundertmal populärer als vor dem Verbot. Deshalb habe ich auch am Tag der Razzia vor den Fotografen die Trump-Faust geballt, die der nach den Schüssen auf ihn in Pennsylvania so entschlossen emporgereckt und dabei gerufen hat: „Fight!“
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Jürgen Elsässer galt zeitweilig als einer der profiliertesten Köpfe der linksextremen Publizistik. Geboren 1957 im badischen Pforzheim, wurde der Deutsch- und Geschichtslehrer als Student Mitglied, später Funktionär des Kommunistischen Bunds. Ab 1994 schrieb er für die Ex-FDJ-Tageszeitung Junge Welt, bis es 1997 zur Spaltung der Redaktion kam, eine Gruppe um Elsässer das Blatt verließ und die Wochenzeitung Jungle World gründete, die er bis 2000 herausgab. Sie gilt gemeinsam mit der Zeitschrift Bahamas, an der Elsässer ebenfalls beteiligt war, als Hauptorgan der antideutschen Bewegung.
Elsässer schrieb zudem unter anderem für den Freitag, Konkret und das Neue Deutschland, wo er bis 2009 Redakteur war, bis er die Querfront-Bewegung ins Leben rief, als deren Stimme sich das vom ihm 2010 in Berlin gegründete Compact – Magazin für Souveränität versteht. Schließlich schrieb er mehrere Bücher, darunter „Terrorziel Europa. Das gefährliche Doppelspiel der Geheimdienste“ oder das Essay-Bändchen „Nationalstaat und Globalisierung“.
Sehen Sie hier das exklusive JF-TV-Interview mit Jürgen Elsässer am Tag der Razzia in der leergeräumten „Compact“-Redaktion.
Lesen Sie hier ein Portrait Jürgen Elsässers von JF-Reporter Hinrich Rohbohm.






