Filme, die sich mit einer Blickrichtung, die man patriotisch nennen kann, deutscher Zeitgeschichte annehmen, sind selten geworden in Regenbogengermania. Aber es gibt sie. Der Sport, der sich – muss es im Jahr einer Fußball-WM noch extra betont werden? – hervorragend für Bildschirm und Leinwand eignet, ist dabei oft das willkommene Zugpferd. Man denke an „Das Wunder von Bern“ (2003), Sönke Wortmanns großartige filmische Rekonstruktion des deutschen WM-Triumphs von 1954, die den damals noch liebenswert kleinen Louis Klamroth, heute Quasselshow-Moderator, bekannt machte. Marcus H. Rosenmüller erzählte in „Trautmann“ (2018) ebenfalls eine Fußballgeschichte, die des deutschen Tormanns Bernd Trautmann, der in England bei Manchester City zum gefeierten Helden des Rasensports wurde.
Die stand wohl auch, bewusst oder unbewusst, Pate bei der Produktion von „Adams Acht“. Das klingt nach „Ocean’s Eleven“ (2001), ist aber tatsächlich keine Gauner-, sondern ebenfalls eine Sportgeschichte. Die Rolle von König Fußball nimmt dabei der Rudersport ein, eine der wenigen olympischen Disziplinen, in denen Deutschland noch Medaillen holt. Wie der deutsche Rudersport zur Blüte gelangte, davon handelt der um historische Einbettung und Liebe zu urdeutschen Tugenden bemühte Sportfilm von Regisseur Hannu Salonen („Ich bin Dagobert“, „Oktoberfest 1900“).
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Protagonist des Streifens ist der von Hitler-Darsteller Oliver Masucci gespielte Karl Adam, der zu Beginn – es ist das Jahr 1947 – im westholsteinischen Itzehoe erst mal die alliierte Entnazifizierung über sich ergehen lassen muss. Immerhin war er unter Hitler Napola-Ausbilder. Damit gehört der vielseitig begabte Mathematik-, Physik- und Sportlehrer allerdings auch zu einem Personal, das für den Aufbau der Bundesrepublik dringend gebraucht wird.
„Manfred braucht ’ne starke Hand!“
Acht Jahre später hat es den Kaderschmied nach Ratzeburg verschlagen, einen Ort in Südostholstein, der berühmt ist für seine malerische Seenlandschaft – und die damalige Grenze zur Ostzone. Die verläuft mitten durch den See, was die Drehbuchautoren Domenik Pockberger und Stephan Falk geschickt für dramatische Zuspitzungen nutzen, um der Geschichte eines fabelhaften Aufstiegs den nötigen Pfiff zu geben. Und Kameramann Felix Cramer, der schon mit dem Boris-Becker-Film „Der Rebell – Von Leimen nach Wimbledon“ seine Vorliebe für Sportgeschichten unter Beweis gestellt hat, nutzt den Schauplatz der Handlung für herrliche Landschaftsaufnahmen. Mit im Boot saßen für den Filmdreh übrigens fünf echte Rudermeister: Leon Kleinschmidt, Jakob Schmölzer, Till Neumann, Oscar Krause und Moritz Wolff.

„Manfred braucht ’ne starke Hand!“ Mit diesen Worten wendet sich die ratlos wirkende Mutter von Manfred Rulffs (Leonard Kunz, bekannt aus der Serie „Das Boot“ und dem Kriegsfilm „Der Tiger“) an Karl Adam. Der Vater des Halbstarken ist im Krieg geblieben. Jetzt sorgt er dauernd für Unruhe. Karl schwebt ein Boxtraining vor, damit die vielen vaterlosen Einzelkämpfer, junge Männer wie Manfred, die nicht wissen, wohin mit ihrer Wut, Dampf ablassen können. Boxen? Es gebe hier vier Seen, wird Karl beschieden, er solle es mal mit Wassersport probieren.
Er setzt also die jungen Schnösel in einen Ruder-Achter und gibt ihnen damit mehr als ein Ventil: eine Aufgabe, die nur gemeinschaftlich zu lösen ist. Zur Motivation kramt Karl die alten Napola-Sprüche wieder hervor und postuliert: „Die Starken ziehen die Schwachen mit!“ Damit er so aber nicht zu sehr in unkorrekte Fahrwasser gerät, ringt er in kurzen Rückblenden redlich mit den Dämonen seiner unrühmlichen Vergangenheit.
Ob das für ein Wunder von Rom reicht?
Karls unorthodoxer Führungsstil resultiert in einem verblüffenden Erfolg bei den deutschen Rudermeisterschaften. Erich Buddenhauser (Heino Ferch), der die Konkurrenz betreut, rümpft die Nase über den zusammengewürfelten Haufen. Doch der Chef des Deutschen Ruderverbands (Axel Milberg) spricht ein Machtwort: Ausgerechnet Adams Acht dürfen die Bundesrepublik bei der EM in Polen vertreten. Dort läuft es nicht wie erhofft, und Karl Adam muss eine der schwersten Entscheidungen seines Lebens treffen.
Parallel erzählt wird die Geschichte von Bugmann Hans Lenk, dem links gepolten Philosophen, den alle Ari nennen (Kurzform für Aristoteles). Seine Geliebte Ulla (Svenja Jung) lebt nur wenige Kilometer und doch eine ganze Welt entfernt auf der anderen Seite des Ratzeburger Sees. Da wird das Paddelboot zum Traumschiff, mit dem Ari freilich nicht über die sieben Weltmeere schippert, sondern über die Zonengrenze, der Liebe entgegen. Und das kann gefährlich werden.
Viele Widerstände also auf dem Weg zu den Olympischen Spielen 1960 in Rom, bei denen Adams Acht spektakulär Geschichte schreiben könnten, sofern sie sich eisern an seine Kampfdevise halten: „Nicht der Stärkere gewinnt, sondern der, der am wenigsten Fehler macht.“ Ob das für ein Wunder von Rom reicht? Die aufregend inszenierte Antwort darauf ist ab jetzt im Kino zu sehen.






