Müssen Neubauten zwangsweise unästhetisch sein? Müssen sie die Baustoffe Glas, Metall und Beton stets so prominent verwenden, müssen sie sich alternativlos auf die Farben Grau, Weiß und Schwarz beschränken? Und ist es ein Naturgesetz, dass es seit circa sechzig Jahren bei ihrer Formgebung nur zwei Optionen zu geben scheint – entweder den Würfel, oder eine fließende, wellende, verschachtelte Gestalt?
Architektur-Reaktionäre dürfen aufatmen. Vor etwa einem Monat wurde im Berliner Ortsteil Schmargendorf ein neues Wohnhaus eingeweiht, bei welchem man glauben könnte, es handele sich um ein Kleinod aus der Reformarchitektur. Erkerfenster, rote Dachziegel, abgerundete Dachgauben, symmetrische Fassade und ein betonter Mittelrisalit versetzen den Betrachter unwillkürlich ins frühe 20. Jahrhundert. Laut dem Internetauftritt des Architekten Ralf Schmitz spielten dabei allerdings nicht bloß nostalgische Gefühle eine Rolle, vielmehr sollte sich das Gebäude in die Nachbarschaft einfügen.
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Gerade im Berliner Südwesten findet sich jener Baustil schließlich zahlreich. Der einzige Nachteil des Ganzen: So schmuck wie es aussieht, wird die Miete im Neubau vermutlich ziemlich saftig sein.
In Lübeck wird die Altstadt rekonstruiert
Ähnliche Projekte finden sich über ganz Deutschland verteilt. In Hamburg-Uhlenhorst steht seit 2024 ein ähnlich schmuckes Mansardenhaus – entworfen und gebaut von Architekten Ralf Schmitz und Sebastian Treese –, ebenso wie das 2018 fertiggestellte „Haus von Heinsberg“ in Düsseldorf-Niederkassel im Backstein-Stufengiebel-Stil. Ein neoklassisches Einfamilienhaus findet sich seit 2019 in Königstein im Taunus, mit preußisch anmutendem Flachdach und grünen Fensterläden. Reminiszent an die Landhausarchitektur ist die 2018 fertiggestellte „Villa Westfalen“ des Architekturbüros „Nöfer Architekten“, welche sich in der gleichnamigen Region findet.
Derartige Projekte beschränken sich in Deutschland nicht auf einzelne Häuser. Große mediale Aufmerksamkeit erreichte etwa die Rekonstruktion der Frankfurter Altstadt bis zum Jahr 2018, zu deren Initiatoren unter anderem der JF-Autor Claus Wolfschlag gehörte (JF berichtete), und während der auch mehrere völlig neu entworfene Häuser im altmodischen Stil errichtet wurden. Wenig überraschend verunglimpften Kommentatoren aus dem linken Spektrum das Projekt denn auch als „geschichtsrevisionistisch“ – konnten sich in der Debatte jedoch aus einem simplen Grund nicht durchsetzen: Das Projekt „Neue Frankfurter Altstadt“ fand bei den Bürgern breite Akzeptanz.
Ähnliches ereignet sich derzeit in Lübeck, wo das im Krieg fast vollständig zerstörte Gründungsviertel ebenfalls nicht bloß wieder aufgebaut, sondern um neue Gebäude erweitert wird, die der Ästhetik des Vergangenen entsprechen. Insgesamt 38 Grundstücksparzellen unterschiedlicher Größe sollen bebaut werden. Bislang fielen Anfeindungen aus.
In Polen baut man ganze Schlösser
Noch viel größere Ausmaße haben Projekte dieser Art in unserem Nachbarland Polen erreicht. Im Westen des Landes, in Stobnica, wurde auf einer Insel etwa eine komplette mittelalterlich anmutende Burg neu errichtet. Ja ja, das mag nach Disney-Kitsch klingen, aber auch die Schlösser von König Ludwig II. (Lesen Sie hier ein JF-Stück über Ludwig II.) waren ja nichts anderes als von Wagner-Opern beeinflusste Fieberträume und sind heute allgemein als großartige Architekturkunstwerke akzeptiert. Mit seinen ockerfarbenen Mauern und Türmen, die sich im Wasser des Stobnica-Sees spiegeln, macht die Anlage atmosphärisch jedenfalls ganz schön was her und mag eines Tages mal als Filmkulisse dienen.
Auch in der Altstadt Krakaus entdeckt man den Zauber des Neu-Alten. Nachdem dort Ende der 1980er Jahre ein historisches Nebengebäude abgerissen worden war, blieb die Fläche anschließend jahrzehntelang leer. 2021 wurde dort schließlich ein Neubau fertiggestellt, der sich in die umgebende Architektur einfügt, sie aber nicht einfach wiederholt. Es gehe dabei auch darum, das Monopol moderner Anbauten an historischen Gebäuden zu brechen, betonte die damalige Denkmalschutzbeauftragte der Woiwodschaft Kleinpolen, Monika Bogdanowska. Es sei einfacher, eine stereotyp moderne Fassade zu entwerfen und diese mit „stilistischer Aufrichtigkeit“ zu rechtfertigen, als „etwas zu entwerfen, das tatsächlich mit der Straßenumgebung verschmilzt“.






