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Mode-Revival: Die Rückkehr des Heroin Chic

Mode-Revival: Die Rückkehr des Heroin Chic

Mode-Revival: Die Rückkehr des Heroin Chic

Man sieht Kate Moss, die Ikone des Heroin Chic, wie sie ein pinkes und ein braunes Kleid trägt und hot aussieht
Man sieht Kate Moss, die Ikone des Heroin Chic, wie sie ein pinkes und ein braunes Kleid trägt und hot aussieht
Mode-Ikone Kate Moss war in den 90ern der Inbegriff des Heroin Chic. Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Richard Drew / picture alliance / AP | MALCOLM CLARKE / Montage: KI-generiert
Mode-Revival
 

Die Rückkehr des Heroin Chic

Der Heroin Chic ist zurück: Schlanke Models, Ringe unter den Augen, melancholischer Blick. Dabei schien dieser Trend doch vor wenigen Jahren noch überwunden.
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Erinnern wir uns an die Zeit vor zehn Jahren: Der Sommer war vom pink-violetten Fotofilter eingefärbt, die Mädels trugen High-Waist-Hosen, und Facebook wurde langsam out. Radio Galaxy spielte „I Took a Pill in Ibiza“ in Dauerschleife und der Schmuckgigant Claire’s machte einen Heidenumsatz an Halsbändern.

Zu jener Zeit regierte der Gott der Üppigkeit: Augenbrauen wie Dachbalken, voluminös geschminkte Lippen und gezielte Konturierungen mit Bronzer, um das Gesicht noch femininer zu machen – eine fast schon beleidigende Leihgabe aus der Drag-Queen-Szene. Der Gipfel all dessen war der Aufstieg der Trash-Fernsehen-Ikone Kylie Jenner. Zuvor noch schmallippig und flachbrüstig, war sie innerhalb weniger Jahre durch einige chirurgische Eingriffe zu einer kurvigen und fülligen Göttin aufgestiegen.

Mit D-Körbchen und wuchtigem Hinterteil war Jenner derart prägend für diese Zeit, dass Marken wie Fashion Nova mit Kleidung für Sanduhr-Figuren aus dem Boden schossen.  Auch die Mode des „Trap“, einer speziellen Form des Hip-Hop aus den US-Südstaaten schlug ein wie eine Bombe: Afro-Frisuren, „grills“, also edelsteinbesetzte Zahnprothesen und andere ghettoeske Elemente prägten den Street Style.

Ihre Jeans saßen wirklich meilenweit unter den Hüftknochen

All das fühlt sich nun so fern an, als wäre es nicht nur eine Dekade her. Nichts veraltet so schnell wie die Moden von gestern. Denn das, was unser Modeuniversum zur jetzigen Zeit mit aller Kraft erobert, ist das klare Vorgestern: die frühen 2000er Jahre! Hier bebten die Nachwehen des Heroin Chic der neunziger Jahre. Was man darunter versteht? Ultradünne Körper, definierte Wangenknochen und Augenringe unter blasser Haut. Melancholische Kulleruagen und der Reiz des leicht Kaputten. Das Geheimnis? Zigaretten zum Frühstück, Heroin zum Abendbrot. Also in etwa der Look von Kate Moss im Jahre 1994.

Die schlanken Victoria’s-Secret-Engel der early 2000s werden solch ein exzentrisches Programm nicht verfolgt haben, aber der im Volksmund so genannte „Magerwahn“ blieb doch bestehen. Die Mode forderte schließlich auch nichts anderes: tiefsitzende Hüftjeans, bauchfreie Tops. Beim Anblick Keira Knightleys auf dem roten Teppich 2003 war selbst ich als Low-Rise-Ultra entsetzt: Ihre Jeans saßen wirklich meilenweit unter den Hüftknochen und entblößten nur beinahe ein Stück Unterleib.

Ein Alptraum für die Nieren, aber ein kantiges Zugeständnis an die Modegötter! Nun kommt der „Magerwahn“ offenbar zurück: weniger Ghetto und Kurven, mehr sportlich-diszipliniertes Clean Girl. Die deutsche Rapperin Shirin David lieferte mit „Bauch Beine Po“ („Geh ins Gymmie, werde skinny/mach’ daraus eine Show“) vor zwei Jahren die Hymne zu dieser Zeit, wo Mädels Yogahosen tragen, weil man wie eine dünne Fitness-Mom von vor 20 Jahren aussehen will.

Luxusmarken greifen wieder auf dünne Models zurück

Ein Gang durch den H&M und man entdeckt die altbekannten Hüftjeans, die Mama schon verteufelte. Auf der Straße tragen Teenies die Königsdisziplin, bauchfrei mit Hüftjeans, was eigentlich nur in der Hitzewelle ohne größere Schäden möglich ist und bei 20 Grad nur mit eisernem Willen und großer Leidensfähigkeit (oder erkrankter Niere).

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Dennoch sind wir mittlerweil gnädiger in der Kategorisierung, wer als schlank gilt. Ich erinnere mich noch an die Serie „Doctor’s Diary“, wo es der Running Gag war, dass Dr. Gretchen Haase (Spoiler: nicht fett!) ja so fett sei. 2008 ging also eine etwas femininer gebaute Frau noch als dick durch. Befremdlich aus der heutigen Perspektive, wo „Geh ins Gymmie, werde skinny“ zur Gefahr für einen Anorexie-Trend unter Teenagern wird. Auch auf den Laufstegen wird die Stimmung „leichter“: Cornelia Bartsch, Chefin der Model
agentur IZAIO, beklagte zuletzt, dass Körper mit mehr Gewicht deutlich weniger gebucht würden.

Gerade Luxusmarken greifen wieder mehr auf dünne Models mit Straight Sizes zurück, welche gerade mal zwischen 32 und 34 schwanken. Wirklich kritische Ausmaße nimmt der Schlankheitstrend in den Nischen an: Ozempic boomt als Abnehmmittel, Pro-Magersucht-Anwandlungen und der Hashtag #SkinnyTok, unter welchem sich Minderjährige Tips zum Schlankbleiben erteilen. Viele Stimmen fragen sich zu Recht: Ist das alles eine Rückkehr zum Nuller-Magerwahn?

„Erinnern wir uns an die Zeit vor zehn Jahren“

Ich sage nein. Ich glaube nicht daran, dass der Magerchic sich durchsetzt. Er ist nur eine Tendenz, die sehr laut herumprotzt. Sie wird, wie andere absurde Trends, eine Randerscheinung bleiben und höchstens in Ansätzen auf den Mainstream einwirken.  Aber die Rückkehr zum „traditionellen“ Supermodeltum mit 90-60-90-Maßen ist nur ein vorhersehbares Kontrastprogramm zu dem Curvy-Diversity-Trend seit Mitte der 2010er Jahre. Zyklisches Weltgeschehen. Das Motto vieler Fashionblogger „Vintage fashion, not vintage values“ können sie selbst allerdings nicht mehr einhalten: Schließlich kann man Low-rise-Jeans nur schwerlich mit einem Rettungsring um die Hüften tragen.

Die skinny Girls haben nun ihre Prime und werden vielleicht irgendwann wieder von den Kardashianerinnen abgelöst. Und dann werden wir wieder sagen: „Erinnern wir uns an die Zeit vor zehn Jahren.“

Aus der JF-Ausgabe 38/26.

Mode-Ikone Kate Moss war in den 90ern der Inbegriff des Heroin Chic. Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Richard Drew / picture alliance / AP | MALCOLM CLARKE / Montage: KI-generiert
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