In einer der aus deutscher Sicht eindrücklichsten Szenen des Buches beschreibt US-Vizepräsident JD Vance seinen Besuch bei der Münchener Sicherheitskonferenz im Februar 2024. Zu dieser Zeit noch einfacher Senator, traf er auf den damaligen Bundeskanzler Olaf Scholz, den er fast mitleidig als angenehmen und durchaus wohlmeinenden Menschen charakterisiert, „who didn’t quite understand how the world order he had grown up in had fallen apart“.
Es passe, so Vance weiter, dass Scholz bei seinem Amtseid auf den Gottesbezug verzichtet habe. Damit stehe er stellvertretend für eine Elite, die sich von ihrem kulturellen Fundament verabschiedet habe und sich jetzt wundere, warum die Weltordnung, die sie kannte, über ihnen zusammenbricht.
In seinem sehr lesenswerten neuen Buch „Communion: Finding My Way Back to Faith“ beschreibt Vance zuerst seinen persönlichen Weg vom Glauben zum Atheismus und wieder zurück, um im zweiten Teil die formative Rolle des Christentums für Gesellschaft und Politik zu betonen. Lesern von „Hillbilly Elegy“, Vances 2016 erschienenem Erstlingswerk (Lesen Sie hier die JF-Rezension), wird gerade zu Beginn einiges bekannt vorkommen. Die zentrale Bedeutung seiner Großeltern mütterlicherseits – Mamaw und Papaw –, die seinen nicht vorhandenen Vater und seine drogensüchtige Mutter ersetzten; die brutale Lebenswirklichkeit der weißen Arbeiterklasse in den Appalachen; seinen Aufstieg über das Marine Corps der US-Streitkräfte zur Yale Law School bis zum Topverdiener in einer Investmentfirma des deutschstämmigen Milliardärs Peter Thiel.
Sein Weg zum Glauben begann an der Yale Law School
Im Zentrum von „Communion“ steht jedoch das Christentum, welches in „Hillbilly Elegy“ kaum eine Rolle gespielt hat, und das bedeutet bei JD Vance zuerst die radikale Abkehr vom evangelikalen Glauben seiner Kindheit und Jugend. Zwei Gründe hätten dazu beigetragen: zuerst der Tod seiner Großmutter 2005, die ihm einen authentischen Glauben vorgelebt und durchaus robust auf den sonntäglichen Kirchgang bestanden habe, und zweitens die von ihm empfundene mangelnde Lebensrelevanz der Kirche.
Vance erinnert hier an den Fall Terry Schiavo, einer Frau, die 15 Jahre im Wachkoma lag, bevor 2005 die lebenserhaltenden Maßnahmen eingestellt wurden, ein Fall, der monatelang erbittert in der Öffentlichkeit diskutiert worden ist. Natürlich sei solch eine Diskussion wichtig, aber warum schweige die Kirche zu den alltäglichen Nöten ihrer Gläubigen, um all ihre Kräfte auf einen, wenn auch tragischen, Einzelfall zu konzentrieren?
Sein Weg zurück zum Glauben begann ausgerechnet an der Yale Law School, einem Ort, so säkular, wie man ihn sich nur vorstellen könne. Als im Rückblick lebensverändernd beschreibt Vance einen Vortrag Peter Thiels, den er 2011 während seiner Zeit in Yale besuchte, in dem der Investor betonte, dass jede Karriere einem höheren Zweck dienen müsse. Seit diesem Ereignis gilt Thiel als Mentor von JD Vance, der bereits mehrere Millionen in die politischen Kampagnen des Aufsteigers investiert hat.
Vance wurde als Schwächling abgetan
Vance nicht wohlgesonnene Kritiker heben vor allem einen Satz des Buches hervor: „I found liberation in guilt.“ Es ist in der Tat ein bemerkenswertes Eingeständnis eigener Sündhaftigkeit und dementsprechend eigener Erlösungsbedürftigkeit, die Vance hier zum Ausdruck bringt. Dass der linksliberale Zeitgeist mit solch einem Menschenbild fremdelt, liegt auf der Hand. In einer Zeit, in der der Selbstverwirklichung des Individuums als goldenem Kalb der Gegenwart gehuldigt wird, werden urchristliche Konzepte von Schuld, Sünde und Vergebung nur noch als störend empfunden.
Vance wurde als Schwächling abgetan, der sich in die leeren Versprechungen einer Institution flüchte, die auf Unterdrückung beruhe. Zu diesen heftigen Reaktionen beigetragen hat auch seine Entscheidung, sich 2019 katholisch taufen zu lassen mit der Begründung, er fühle sich von der Stabilität der katholischen Doktrin und dem Sakrament der Buße besonders angezogen. Wer die Anerkenntnis der eigenen Schuld als Schwäche abkanzelt, verkörpert eine sinnentleerte Arroganz und Unerbittlichkeit, vor der man sich nur fürchten kann.
JD Vance will 2028 Präsident werden
JD Vance will 2028 Präsident werden. Alles ist diesem Ziel untergeordnet, auch dieses Buch, welches die christliche Basis mobilisieren soll. Dennoch nimmt man ihm seine Sorge vor einem Verschwinden des Christentums ab. Ihn treibt die Frage um, was das Vakuum füllen wird, wenn die „shared moral language“ einer zweitausendjährigen Tradition verschwindet. Dies ist in der Tat genau die Frage, die über das Überleben der westlichen Zivilisation entscheiden wird. „Communion“ beginnt beim Persönlichen, um anschließend die Notwendigkeit des christlichen Glaubens für das große Ganze zu betonen.
Vance verteidigt das christlich-kulturelle Fundament des Westens mit einer Leidenschaft, die in Europa als nicht mehr zeitgemäß gilt. Dieser Stolz auf das Eigene ist die Voraussetzung für eine erfolgreiche Selbstbehauptung in einer antagonistischen Welt. In den USA ist dieser Stolz zumindest bei einem Teil der Elite noch vorhanden, in Europa schon lange nicht mehr.






