Meinungsfreiheit

Der Geächtete

Vor gut drei Jahren veröffentlichte Thilo Sarrazin das Buch „Deutschland schafft sich ab“, in dem er darstellte, wie eine falsche Zuwanderungs- und Sozialpolitik den Abstieg des Landes bewirkt. Asoziales Verhalten wird belohnt, während die Leistungsträger – die steuerzahlenden, gesetzestreuen, oft unterbezahlten Durchschnittsverdiener – in Haftung dafür genommen werden.

Sarrazin brachte mit dem Buch die politischen und medialen Funktionseliten gegen sich auf. Schutz boten ihm seine Leser. Rund 1,5 Millionen Exemplare wurden verkauft, womit es zu den erfolgreichsten Sachbüchern in deutscher Sprache gehört.

Parallel dazu wurde ein Exempel statuiert. Sarrazins Thesen wurden als rassistisch, biologistisch, tendenziell rechtsextremistisch hingestellt und er in eine halbe Paria-Position gerückt. Wo immer in den Medien sein Name fällt, wird ihm sofort das Adjektiv „umstritten“ angeheftet. Das berührte und berührt seine gesellschaftliche Existenz.

Sarrazin verlor seinen Posten bei der Bundesbank, vermochte es aber, seine ungeschmälerten Pensionsansprüche zu sichern. Anschließend wurde seine Frau, die als Lehrerin arbeitete, aus dem Berliner Schuldienst gemobbt. Über ihre Erfahrungen verfaßte sie gleichfalls ein Buch, das auf reges Interesse stieß. Doch auch sie erfuhr weiterhin eine gesellschaftliche Ächtung. Vereinbarte Lesungen wurden ohne Begründung abgesagt, wobei sich die evangelische Kirche hervortat.

Der Verkaufserfolg von „Deutschland schafft sich ab“ ist kein Beleg für Meinungsfreiheit

Das macht es schwer, den Verkaufserfolg von „Deutschland schafft sich ab“ als Beleg für die Meinungsfreiheit zu bewerten. Das Buch war das berühmte Ventil, mit dem Druck aus dem Kessel genommen wurde. Aufgestaute Frustration durfte sich im privaten und halböffentlichen Raum entladen und wurde herrschaftstechnisch neutralisiert. Politisch hat sich nichts geändert.

Das Ehepaar Thilo und Ursula Sarrazin: Ätzende Kritik am Regierungsprogramm Foto: picture alliance / dpa
Das Ehepaar Thilo und Ursula Sarrazin: Auch seine Frau wurde gemobbt. Foto: picture alliance / dpa

Im Gegenteil, die Leser wissen nun, daß ihr Unbehagen sie zwar nicht trügt, doch wissen sie auch, daß sie sich ins Abseits stellen, wenn sie ihre Meinung öffentlich vertreten. Nicht jeder besitzt Sarrazins finanzielles Polster, das ihn solchen Belastungen ertragen läßt. Der Meinungskorridor hat sich seitdem weiter verengt, und das Netz der „Politischen Korrektheit“, des sprachlichen Systems, das die Wirklichkeit zum Verschwinden bringen will, ist noch enger gezogen.

Sarrazin verarbeitete in „Der neue Tugendterror“ persönliche Erfahrungen

Diese Erfahrungen bilden den Anlaß für das neue Buch, in dem Sarrazin sich als exemplarische Zielscheibe eines „Tugendterrors“ beschreibt. Es enthält die bedrückende Schilderung der Medienkampagne, die nach dem Erscheinen von „Deutschland schafft sich ab“ gegen ihn losbrach. Den zweiten Teil bilden die Exkurse über Struktur und Genese des Meinungsterrors, der im Gleichheitswahn wurzelt. Der abschließende Teil enthält „Vierzehn Axiome des Tugendwahns im Deutschland der Gegenwart“.

Typisch ist das Verhalten eines Spiegel-Redakteurs, der seine Suggestivfrage an einen jungen Perser mit der Behauptung einleitete, Sarrazin habe Migranten als faul und desinteressiert bezeichnet, worauf der Befragte erwartungsgemäß antwortet, daß ihn dieser Rassismus kränke. Als Sarrazin dem Journalisten schrieb, diese Behauptung habe er nirgendwo gemacht, antwortete der ihm, er habe seine Aussagen eben pointiert zusammengefaßt. Gegen soviel geballte Niedertracht ist selbst ein Erfolgsautor wehrlos. Es handelt sich um einen politischen Vernichtungskampf, in dem der Journalist als Büttel agiert.

Vorab-Verrisse von Sarrazins Buch wirken unfreiwillig komisch

Sarrazins Schilderungen sind so entlarvend, daß der kritisierte Berufsstand schon vorab mit ausführlichen Verrissen reagierte, die oft unfreiwillig komisch, auf jeden Fall aber uninspiriert sind. Im politisch korrekten Vokabular bestreiten die Verfasser die Existenz der Politischen Korrektheit im deutschen Journalismus. Sie bekennen, frei und unbehelligt von sachfremden Einflüssen alles schreiben zu dürfen, was alle anderen ebenfalls schreiben.

Das scheint Sarrazins Bild einer „ideologisierten Medienklasse“, der „Experten für Kritik und Sinngebung“ und ihrer „Kronzeugen aus den Geisteswissenschaften“ zu bestätigen. Sie rekrutiere sich aus Absolventen der Politikwissenschaft, Germanistik und Geschichte, sei ohne Lebenspraxis und habe keine Ahnung von Problemlösungen. Sie wirke mit einer inkompetenten politischen Klasse zusammen, die ihren „großenteils willfährigen Resonanzboden“ bilde.

Sarrazin erneuert das Modell von der Priesterherrschaft der Intellektuellen, das Arnold Gehlen und Helmut Schelsky vor 40 oder 45 Jahren formuliert haben. Doch ist es noch zeitgemäß? Es war plausibel, als die staatlich finanzierten elektronischen Medien ein Monopol innehatten, sichere Arbeitsplätze boten und die Zeitungskrise in weiter Ferne lag. An den Universitäten wurden die gesellschaftswissenschaftlichen Fächer ausgebaut und mit sicheren Planstellen ausgestattet. Dadurch verfestigte sich der Eindruck einer „unverantwortlich gestellten Klasse“, die es sich leisten konnte, das eigene Ethos „in eine Zumutung an alle Menschen zu verwandeln“ (Gehlen) und durch „soziale Wertsetzung“ (Schelsky) Macht auszuüben.

Die Angst vor sozialem Abstieg macht viele Journalisten gefügig

Seitdem haben etablierte Zeitungen ihr Erscheinen eingestellt oder die Anzahl der Mitarbeiter verringert. Wer eben noch die Kanzlerin ins Weiße Haus begleiten durfte, kann heute gezwungen sein, den Lebensunterhalt hinter einer Laden- oder Biertheke zu bestreiten. Der akademische Mittelbau wird mit Zeitverträgen abgespeist. Die Angst vor der sozialen Deklassierung geht um und macht gefügig. Das sorgt für Scham, die nach Kompensation ruft.

Das erklärt die Aggression gegen Autoren wie Sarrazin, die sich der Anpassung verweigern. Die Herrschaftsattitüde entpuppt sich als ein Barmen um Aufmerksamkeit, das forcierte Engagement als camouflierte Duckmäuserei. Die meisten Priester und Sinngeber sind in Wahrheit abhängige Lohnschreiber und -redner, oft ohne echte Kenntnisse, ohne kulturelle und geschichtliche Einsichten, unfähig zu fundierten Problemanalysen.

Als Betätigungsfeld bleibt nur das Denunzieren, der eifernde Dienst an der Ideologie, die de facto auch die Staatsideologie ist. Bei aller vordergründigen Aufmüpfigkeit gegen Politiker sind die Medienvertreter von der Politik abhängig. Man denke nur an die verschämte Diskussion über finanzielle Beihilfen des Staates für die sogenannte Qualitätspresse.

Politisch korrekte Jagdszenen sind weder neu noch originell

Der Gipfel der Freiheit, Karrikatur von James Gillray (1793) Foto: Wikipedia
Der Gipfel der Freiheit, Karrikatur von James Gillray (1793) Foto: Wikipedia

Um die Struktur und Genese des Tugendterrors zu analysieren, greift Sarrazin auf die „Schweigespirale“ von Elisabeth Noelle-Neumann sowie auf ihren Schüler, den Mainzer Kommunikationswissenschaftler Hans Mathias Kepplinger, zurück. Er zitiert Verhaltensforscher, und zeigt anhand von George Orwell, wie die „Dekadenz der Sprache“ zu einer „Dekadenz des Denkens“ führt. Er schlägt Bögen zu Machiavellis „Fürst“ und zu Tocquevilles Amerika-Buch, zur mittelalterlichen Inquisition und zur puritanischen Hexenjagd von Salem.

Die eigentliche Geburtsstunde des Tugendterrors aber schlägt mit der Französischen Revolution 1789, deren radikalisierte Protagonisten die Gleichheit in der Gesellschaft erzwingen wollten. Diese Ausführungen sind evident, doch sie enthalten wenig Neues. Sie zeigen immerhin, daß auch die von den politisch Korrekten ausgelösten Jagdszenen weder neu noch originell sind. Die „Hetzmeute der Rechtgläubigen“ (Peter Furth) ist ein relativ konstantes Phänomen in der Geschichte.

Kruden Thesen werden fundierte Antithese entgegengestellt

Den größten Teil nehmen die Darstellung und Dekonstruktion der „Vierzehn Tabus“ ein. Zu ihnen zählt Sarrazin die Vergottung der Gleichheit, die Verachtung der Sekundärtugenden und des Leistungsgedankens, die Thesen von der Gleichwertigkeit der Kulturen, von der Friedfertigkeit des Islam und von der Überlebtheit der klassischen Familie und des Nationalstaates. Sarrazin persifliert jeweils die offiziösen, politisch korrekten Standpunkte, wobei sich seine Fähigkeit zum Sarkasmus glänzend bewährt.

Aus Gründen der Selbstverwirklichung, des Antirassismus und des Klimaschutzes, spottet er, sei es „richtig, daß die deutsche Familienpolitik die Zielsetzung, die Zahl der Geburten zu erhöhen, längst aufgegeben hat. Besonders wenige Kinder bekommen übrigens Journalisten und Politiker. Das ist zu begrüßen und zeigt, daß sie in mancher Hinsicht eben doch dem allgemeinen Bewußtsein vorauseilen und insofern eine Elite sind.“ Solchen kruden Thesen stellt er dann eine fundierte Antithese entgegen.

Insgesamt aber wirkt das etwas willkürlich, zufällig, punktuell. Zum Beispiel hätten sich weitere Ausführungen darüber gelohnt, in welcher Weise die fehlende Fruchtbarkeit und Generativität der Funktionseliten ihren Horizont beschränkt und ihr Handeln prägt. Über den Egalitarismus respektive den Gleichheitswahn kann man Substantielles nur sagen, wenn man die generellen Probleme thematisiert, die mit dem Aufkommen der Massengesellschaft und -demokratie verbunden sind.

Wer die souveräne Nation verteidigt, ist ein Feind

Wenn die Medienangestellten keine oder bloß vorgetäuschte Priester sind, wessen Lied verbreiten sie dann? Wenn keine reinen Ideen, was bestimmt dann unser öffentliches und politisches Leben? Man muß die Dialektik von materieller Basis und medialem Überbau näher betrachten, als Sarrazin das tut. Der propagierte Gleichheitswahn führt, in die Praxis übersetzt, zu einem völligen Umbau der Gesellschaft, zur Zerstörung von familiären, regionalen und nationalen Strukturen und zur Atomisierung der Individuen.

Wer nach der Logik und den Interessen fragt, die durch diese Entwicklung bedient werden, stößt auf die Strategen und Nutznießer der Globalisierung, jener internationalen Entwicklung, welche die totale Mobilität von Menschen, Gütern, Rohstoffen und Kapital und letztlich die Vereinheitlichung der Welt zum Ziel hat. Für sie sind die Verteidiger der Nationalstaaten und der Volkssouveränität natürliche Feinde.

Es lohnt einfach nicht, sich länger mit den einzelnen sarrazinkritischen Medienvertretern auseinanderzusetzen. Vielmehr müßten die Strukturen, die international verflochtenen Pressekonzerne, die Multis, Stiftungen und Denkfabriken betrachtet werden, denen sie wissentlich oder unwissentlich dienstbar sind. Sarrazins neues Buch ist ein wichtiger Baustein, ein Schlußpunkt und vor allem eine Aufforderung an den politisch interessierten Leser, seinen Blick zu weiten.

JF 10/14

> JF-Buchdienst: Thilo Sarrazin: Der neue Tugendterror

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