BERLIN. Die SPD hat die Chefin des Filmfestivals Berlinale, Tricia Tuttle, gegen Kritik verteidigt. „Tuttle hat Vielfalt ermöglicht und Debatten zugelassen“, betonte die stellvertretende Fraktionsvorsitzende Wiebke Esdar am Mittwoch. Genau das mache ein internationales Publikumsfestival aus. „Wir freuen uns daher, wenn Tricia Tuttle weitermacht und dieses Festival weiterhin mit Offenheit, Klarheit und Professionalität führt.“
Tuttle war zuletzt massiv in die Kritik geraten, weil die Berlinale auch in diesem Jahr zum Schauplatz für anti-israelische Ausfälle wurde. Der palästinensische Regisseur Abdallah Alkhatib hatte der Bundesregierung am Samstag in einer Dankesrede für die Auszeichnung seines Films „Chronicles from the Siege“ vorgeworfen, „Partner des Völkermords in Gaza zu sein“. Zudem sagte er: „Wir werden uns an jeden erinnern, der an unserer Seite stand, und wir werden uns an jeden erinnern, der gegen uns war.“
Tuttle bezog gegen diese Äußerung nicht Stellung. Zudem hatte sie sich bereits am 15. Februar gemeinsam mit der Crew von „Chronicles of the Siege“ ablichten lassen, wobei zahlreiche Crew-Mitglieder Palästinensertücher und zwei Crew-Mitglieder „Palästina“-Fahnen in die Kamera hielten.
Sitzung am Donnerstag ohne Ergebnis
Am Mittwoch berichtete die Bild, daß Kulturstaatsminister Wolfram Weimer Tuttle wegen des Eklats ablösen lassen wolle. Tatsächlich fand am Donnerstagvormittag eine Aufsichtsratssitzung der Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin GmbH statt, die die Berlinale verantwortet. Eine Ablösung Tuttles wurde im Anschluß allerdings nicht verkündet. „Die Gespräche über die Ausrichtung der Berlinale werden in den kommenden Tagen zwischen der Intendantin, Tricia Tuttle, und dem Aufsichtsratsgremium fortgesetzt“, teilte ein Sprecher Weimers mit.
Die AfD kritisierte das scharf. „Unter dem Deckmantel der Kunstfreiheit bekommt der Antisemitismus auf der Berlinale zum wiederholten Male die große Bühne“, klagte der kulturpolitische Sprecher der AfD-Fraktion im Deutschen Bundestag, Götz Frömming. „Eine Abberufung der Leiterin wäre das Mindeste gewesen. Weimer hat seinen Laden nicht im Griff.“
Unterstützung hatte die US-Amerikanerin Tuttle am Mittwoch von der Deutschen Filmakademie erhalten. Redefreiheit sei der Raum, den Filmschaffende bräuchten, um ihre Kunst zu gestalten, hieß es in einer Protestnote. „Wir sind erschrocken über die Verletzung dieses Raumes und den Versuch der politischen Einflußnahme in Bezug auf die Leitung eines der bekanntesten und bedeutendsten Filmfestivals der Welt.“
Auch Wegner lobte Tuttle
Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) hatte zwar Alkhatibs anti-israelischen Auftritt kritisiert und von „Doppelmoral“ und inszenierten „moralischen Tribunalen“ gesprochen. Allerdings sprach er Tuttle und Jury-Präsident Wim Wenders seine Unterstützung aus. Sie hätten alles dafür getan, um der Berlinale „einen würdigen Rahmen zu geben“, und mit „Feingefühl, Offenheit und Dialogbereitschaft“ durch das Festival geführt.
Wenders war zum Auftakt des Filmfestivals bei der Anti-Israel-Fraktion in die Kritik geraten. Bei einer Pressekonferenz hatte er auf den Vorwurf des Journalisten Tilo Jung, die Lage im Gazastreifen nicht anzusprechen, gesagt: „Wir können nicht in die Politik hineingehen. Wir müssen uns aus der Politik heraushalten.“ Daraufhin unterzeichneten mehr als 80 Künstler einen offenen Brief, in dem sie der Berlinale „Zensur“ vorwarfen.
Tuttle wies diesen Vorwurf in einem Interview mit der Fachzeitschrift Hollywood Reporter in der vergangenen Woche zurück. „Es stimmt nicht, daß wir Filmemacher zum Schweigen bringen. Es stimmt nicht, daß unsere Programm-Macher Filmemacher einschüchtern. In Wahrheit ist das Gegenteil richtig.“ (ser)





