Der Besuch beim Friseur ist derzeit illegal
Der Besuch beim Friseur ist derzeit illegal Foto: picture alliance / ZB | Z6944 Sascha Steinach
Illegal beim Friseur

„Ich möchte, daß es meinen Kunden gut geht. Das ist meine Motivation“

Am Morgen klingelt das Handy: „Du, ein Bekannter hat mir einen Friseurtermin vermittelt. Ich frag gern, ob du mitkommen kannst.“ Also Jacke an, Maske auf und los. Wer seit November 2020 nicht mehr die Haare geschnitten bekommen und keine Glatze hat, der freut sich in den unwirklichen Corona-Zeiten auch über einen Friseurbesuch. Selbst wenn dieser illegal ist.

Denn Friseursalons sind seit dem 16. Dezember in ganz Deutschland per staatlicher Verordnung geschlossen. Im Internet äußern sich seither viele wütend über diese Einschränkung, einige kritisieren das gleichzeitige staatliche Versagen an anderer Stelle. Eine Twitter-Nutzerin schrieb etwa: „Wer hätte gedacht, daß wir mal in einer Zeit leben, in der man leichter an Drogen als an einen Friseur kommt.“ Für den Satz erhielt sie tausendfachen Zuspruch.

Tatsächlich ist es nicht leicht, im Lockdown an einen frischen Haarschnitt zu kommen. Nicht jeder kennt einen Friseur, schon gar nicht einen, der dazu bereit ist, schwarz zur Schere zu greifen. Immer wieder liest man Schlagzeilen wie „Corona-Verbot: Polizei sprengt illegalen Friseur-Salon in Keller – 20 Anzeigen – drei Festnahmen“. Vor allem den Betreibern drohen drastische Strafen. Dennoch gibt es sie, und das nicht nur für schwerreiche Fußballstars. Je nach Standpunkt sind das dann gierige, mutige, unsolidarische, kriminelle oder anständige Männer und Frauen, die die hohe Nachfrage auf dem Markt bedienen und auch in Ausnahmesituationen für ihre Kunden da sind.

Vorher selbständig, jetzt ohne offizielle Arbeit

Ohne Navi findet man den Ort mit weniger als 50 Einwohnern irgendwo in Mecklenburg-Vorpommern nur schwer. Die Friseurin wartet an der Straße, weist das Auto hinter den Hof, sodaß es etwas versteckt steht und vor neugierigen Blicken geschützt ist. Sie habe ihr Handwerk im Westen Berlins gelernt, sei vor einigen Jahren aber wieder zurück in ihre Heimat gezogen, erzählt sie, während sie sich die Schürze umbindet.

Anschließend habe sie selbständig als mobile Friseurin gearbeitet, unter anderem auch in Pflegeeinrichtungen. Mit Beginn der Corona-Einschränkungen im vergangenen Frühjahr sei dies aber komplett weggefallen. Außerdem würden die Betreiber nun Betreuer einstellen, die früher mal Friseure waren und ließen diese den Bewohnern die Haare schneiden. „Der erste Lockdown war der ausschlaggebende Punkt, daß ich mich dazu entschied, die Selbständigkeit aufzugeben und mich als Salonleiterin anstellen zu lassen.“ Doch als solche gearbeitet habe sie bislang nicht, immer seien die Lockdown-Verlängerungen dazwischengekommen.

„Wir sind hier eine verschworene Gemeinschaft“

Ihr improvisierter Salon zu Hause bietet alles, was der Kunde benötigt: Spiegel, Scheren, Kamm, Rasierapparate und eine freundliche Dienstleisterin, die ihr Handwerk versteht. Während die Mutter von zwei Kindern mit Schere und Kamm um den Kopf wirbelt, erzählt sie ganz offen, wie es dazu gekommen sei, daß sie derzeit schwarzarbeite.

„Als der zweite Lockdown kam, baten mich Freunde, ob ich ihnen nicht mal die Haare schneiden könnte.“ Schließlich sprach sich dies herum. Selbst ihre Tochter bringe auffallend viele Freunde mit nach Hause, die dann ganz zufällig fragten, ob sie, die Friseurin ohne offizielle Arbeit, ihnen den Lockdown-Pelz zurechtstutzen könne.

Angst habe sie keine. Ab und zu fahre mal ein Polizeiauto lang. „Doch wir sind hier eine verschworene Gemeinschaft. Der Ort hat keine 30 Häuser.“ Außerdem dürfe nicht jeder zu ihr. „Mein Mann oder ich sollten die Person schon kennen, sonst mache ich das nicht.“ Schließlich sei man in Sachen Anschwärzen hier wieder schon so weit wie in der DDR.

Ums Geld geht es ihr nicht

Ob sie denn kein schlechtes Gewissen habe, wenn sie arbeite, ohne Steuern zu zahlen, während andere sich brav an die Verordnungen halten? „Nein“, schießt es wie aus der Pistole. „Ich bin niemandem verpflichtet außer meinen Kunden. Ich möchte, daß es meinen Kunden gut geht. Das ist meine Motivation.“

Daß es ihr nicht ums Geld geht, glaubt man ihr. Sie bewohnt mit ihrem Mann und den Kindern einen Hof in vierter Generation. Nach Berlin oder Hamburg, wo in den vergangenen Jahren so viele Menschen aus der Region hingezogen sind, wolle sie nicht. Auch wenn sie dort deutlich mehr verdienen könnte.

In diesem Jahr, hofft die erstaunlich gelassene Frau, wolle sie nun endlich im neuen Salon anfangen. Es ist nicht sicher, ob sie dort dann einige ihrer neuen Kunden wiedersehen wird. Sollte der Lockdown inklusive der Friseurschließungen diese Woche aber erneut verlängert werden, dann kommen sie bestimmt wieder hier her, mitten in die Schattenwirtschaft im platten Land.

Der Besuch beim Friseur ist derzeit illegal Foto: picture alliance / ZB | Z6944 Sascha Steinach

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