BERLIN. Die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) eingesetzte „Paneuropäische Kommission Klima und Gesundheit“ verlangt, den Klimawandel als „gesundheitlichen Notstand von internationaler Tragweite“ einzustufen. In einem 54seitigen Bericht, der dem Spiegel vorliegt, fordert die elfköpfige Gruppe, zu der auch der ehemalige Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) gehört, die Ausrufung der höchsten Alarmstufe, die die WHO zuletzt beim Ausbruch der Corona-Pandemie nutzte. „Klimawandel müsste eigentlich schon lange ganz oben auf der Agenda der WHO stehen“, betonte Lauterbach gegenüber dem Spiegel.
Die nun angestrengte Einstufung gab der Bundesregierung und den Ländern ab 2020 Anlass, die restriktiven Corona-Maßnahmen inklusive Lockdowns zu beschließen. Doch Lauterbach ist sich sicher, dass bereits mögliche Hitzetote etwa eine solche Notlage begründen. „Die Dimension der Gesundheitsgefahr, die vom Klimawandel ausgeht, ist weit jenseits derer, die von den meisten Pandemien droht.“ Daher ergebe es „keinen Sinn mehr, die Definition eines Gesundheitsnotfalls auf eine Pandemie zu begrenzen“, mahnte der 63jährige.
WHO-Kommission beschwört Bedrohung, während Klimarat von Extremszenarien abrückt
Der Bericht sollte am Sonntag in Genf vorgestellt werden – unmittelbar vor Beginn der 79. Weltgesundheitsversammlung, die bis zum 23. Mai tagt. Die Konferenz bildet das höchste Entscheidungsgremium der WHO. In ihrem Schreiben begründet die Kommission ihre Forderung mit gesundheitlichen Risiken, die sich aus dem Klimawandel ergäben. Konkret heißt es darin: „Die Klimakrise stellt eine Bedrohung für Sicherheit, sozialen Zusammenhalt, Menschenrechte und Gesundheit dar.“
Besonders in Europa seien die Temperaturen in den vergangenen Jahrzehnten doppelt so stark gestiegen wie im globalen Mittel. Im Rekordhitzejahr 2024 hätten allein auf dem Kontinent rund 63.000 Menschen hitzebedingte Todesursachen erlitten. Der Weltklimarat der Vereinten Nationen hat sein Extremszenario, auf dem die strengen Klimaschutz-Anforderungen an Staaten und Unternehmen beruhen, derweil zurückgezogen.
Da zahlreiche Länder – vor allem China, Russland und die „Dritte Welt“ – diesen Zielen nicht ausreichend nachkämen und die USA dadurch einen wirtschaftlichen Wettbewerbsnachteil sehen, stieg die Regierung unter Präsident Donald Trump im Januar 2026 aus dem Pariser Klimaabkommen aus. Bereits zuvor waren die Vereinigten Staaten aus der WHO ausgetreten. Zumindest die internationale Umsetzung der von der Kommission anberaumten Agenda steht damit auf tönernen Füßen.
Zahlreiche Eingriffe sind geplant
Bislang sehen die WHO-Regularien keine Notfallerklärung aufgrund des Klimawandels vor. Das liegt auch daran, dass der Begriff „Notlage“ durch Krankheitsausbrüche definiert wurde. Das Gremium will deshalb nach einem neuen Wort suchen, das auch über Krankheiten hinausgehende vorgebliche Notlagen begründet. Dieses Vorhaben würde den Weg für neue Eingriffe in die Staatssouveränität und das Leben der Bürger freimachen, wie die Kommission dezidiert erklärt.
Dazu zählen die Streichung von Subventionen für fossile Brennstoffe auf nationaler Ebene und der Aufbau eines WHO-Informationszentrums für Klima und Gesundheit. Dieses soll Regierungen mit Daten versorgen und alle zwei Jahre Überprüfungen vornehmen, wie gut die Mitgliedsstaaten ihre Gesundheitssysteme auf die Folgen des Klimawandels vorbereitet haben. Weiter schlägt die Kommission vor, die Vorschriften so anzupassen, dass die Organisation bei extremen Hitzewellen künftig koordinierte Gegenmaßnahmen einleiten könne.
Lauterbach hält an Untergangsprognosen fest
Auf X unterstrich Lauterbach, der seit Mai den Forschungsausschuss im Bundestag leitet, die Dringlichkeit seines mit ausgearbeiteten Plans. „Das gesamte Überleben der Menschheit und die Bewohnbarkeit unseres Planeten hängen davon ab, ob wir den Klimawandel bewältigen oder nicht.“ Dem Gesundheitsökonom zufolge habe sich der Klimawandel „zu einem internationalen Gesundheitsnotfall entwickelt“ und solle demnach von der WHO „so behandelt werden“.
Zudem würde die schnellere Umsetzung der sogenannten Energiewende nicht nur dabei helfen, Hitzetote, Feinstaub und „Klimakatastrophen“ zu reduzieren. Auch hält Lauterbach diese für ein Mittel, Energiepreise zu senken und „Wirtschaftswachstum durch neue Märkte“ zu schaffen. Lediglich „Lobbyismus und Populismus“ würden gegen seine Erzählung sprechen.
16 Uhr stellen wir heute unseren WHO Bericht „Klima und Gesundheit“ vor. Schnellere Energiewende würde bedeuten: weniger Tote durch Hitze, Feinstaub und Klimakatastrophen, weniger teure Energie, Wirtschaftswachstum durch neue Märkte. Dagegen sprechen Lobbyismus und Populismus pic.twitter.com/3LajvX90tg
— Prof. Karl Lauterbach (@Karl_Lauterbach) May 17, 2026
Die „Paneuropäische Kommission Klima und Gesundheit“ wurde vor einem Jahr vom Europa-Büro der WHO einberufen und steht unter Leitung der früheren isländischen Ministerpräsidentin Katrín Jakobsdóttir. Weiteres Mitglied ist die dänische Ex-EU-Klimakommissarin Connie Hedegaard. (rsz)







