Vor vier Jahren war Karl Lauterbach die bekannteste Alarmsirene von Corona. Der damalige Bundesgesundheitsminister drängte vergeblich auf eine allgemeine Impflicht (JF berichtete) und im Juli 2022, als der Ukraine-Krieg und hohe Energiepreise die Schlagzeilen bestimmten, mahnte der SPD-Politiker die zweite Corona-Impfung an und malte überlastete Intensivstationen an die Wand, sollten wir ohne weitere Schutzmaßnahmen und Masken in den Herbst hineingehen.
Inzwischen ist der Gesundheitsökonom nur noch Vorsitzender des Forschungsausschusses des Bundestages und verkündet nun in der Rheinischen Post angesichts des Hantavirus-Ausbruchs auf dem Kreuzfahrtschiff „Hondius“ im Südatlanik: „Eine Pandemie droht nicht, weil die Übertragbarkeit des Virus dafür nicht ausreicht.“
Die eher milde Omikron-Variante von Sars-CoV-2 ist tatsächlich ansteckender als das Hantavirus – aber die südamerikanische Andes-Version kann auch von Mensch zu Mensch übertragen werden, und sie ist tödlicher als die mitteleuropäische Puumala-Variante, wie schon mehrere Ausbrüche zeigten. Und das nur 108 Meter lange, aber exklusive niederländische Schiff der „Polar Class 6“-Eisklasse mit lediglich 80 Passagierkabinen, das am 1. April von der südargentinischen Kleinstadt Ushuaia ablegte, war offenbar ein Hantavirus-Hotspot, wie man in Coronazeiten formuliert hätte.
Die Hantavirusinfektion wird identifiziert
Schon am 6. April entwickelte ein 70jähriger Niederländer, der mit seiner Frau seit Monaten Argentinien, Chile und Uruguay bereiste, unspezifische Symptome wie Fieber, Kopfschmerzen und Bauchschmerzen. Wenige Tage später verstarb er unter schwerer Atemnot.

Etliche Passagiere und Besatzungsmitglieder zeigten danach Symptome wie Fieber, Magen-Darm-Probleme bis zu Lungenversagen. Am 24. April erreicht das Schiff die Südatlantikinsel St. Helena, wo Napoleon seine letzten sechs Lebensjahre verbrachte und nun mehr als zwei Dutzend Passagiere von Bord gingen – jedoch ohne internationale Kontaktverfolgung. An Hantaviren denkt da noch niemand. Die Ehefrau des verstorbenen Niederländers reist mit dem Leichnam Richtung Europa ab, kollabiert jedoch am Umsteigeflughafen Johannesburg und verstirbt dort. Ihre Kontakte werden von jetzt an weiterverfolgt.
Der nun aufkeimende Verdacht auf eine Hantavirusinfektion wird später labormedizinisch nachgewiesen – und als die leichter übertragbare Andes-Variante verifiziert. Weitere Verdachtsfälle werden nun auch aus Ländern wie Deutschland, Großbritannien, den Niederlanden und der Schweiz vermeldet. Die Weltgesundheitsorganisation WHO beginnt gemeinsam mit nationalen Behörden eine internationale Untersuchung. Die MS Hondius wird vor dem portugiesischen Kap Verde isoliert, mehrere Patienten medizinisch evakuiert.
Die Infizierten werden medizinisch betreut
Bis 11. Mai vermeldet die WHO sieben bestätigte Infektionen, zwei Verdachtsfälle und die drei Todesfälle, darunter ist eine mit den toten Niederländern befreundete Deutsche. Die Kontaktperson der Toten wird von der Düsseldorfer Feuerwehr mit einem Spezialfahrzeug, insgesamt 17 Einsatzkräften und sieben weiteren Fahrzeugen vom Flughafen Amsterdam zur Uniklinik Düsseldorf gebracht. Nun beginnen die Gesundheitsbehörden in Europa, Afrika und Nordamerika damit, Kontaktpersonen der Passagiere systematisch weite zuverfolgen.
Ein weiterer Hondius-Passagier ist nach seiner Rückkehr in die Schweiz nun positiv auf die Andes-Variante des Hantavirus getestet worden. Er wird derzeit im Universitätsspital Zürich behandelt. Drei weitere Personen werden jetzt in den Niederlanden und eine in Südafrika intensivmedizinisch betreut.
Das Kreuzfahrtschiff fuhr mit den verbliebenen Passagieren Richtung Kanarische Inseln weiter. Die Regionalregierung des Urlaubsparadieses verweigerte mit dem Hinweis auf eine potentielle Überlastung der lokalen Gesundheitssysteme zunächst eine Aufnahme. Am 10. Mai konnten 147 Passagiere unter strengen Hygienemaßnahmen in Teneriffa von Bord gehen und in die organisierten Evakuierungsflüge in sechs europäische Länder sowie nach Kanada einsteigen.
Die Inkubationszeit beträgt fünf Tage bis zwei Monate
Hantaviren sind keinem chinesischen Labor entwichen und auch kein Ergebnis amerikanischer oder sowjetischer Gain-of-function-Forschung, sondern weltweit verbreitet. Im Koreakrieg erkrankten am Fluss Hantan über 3.000 US-Soldaten an hämorrhagischen Fieber und Nierenversagen, doch erst 1977 konnte der südkoreanische Medizinprofessor Lee Ho-wang die Ursache – das Hantavirus – isolieren.
Nagetiere, Spitzmäuse, Maulwürfe und Fledermäuse übertragen es und scheiden es über Speichel, Urin und den Kot aus. Über den Kontakt mit den infizierten Ausscheidungen, wenn beispielsweise kontaminierter Staub aufgewirbelt und eingeatmet wird, kann dieser recht umweltresistente Erreger zu einer Infektion führen.
Mitteleuropäische Hantavirus-Arten verursachen vorwiegend grippeähnliche Symptome mit Kopf-, Bauch- und Rückenschmerzen, später Kreislaufprobleme und final Nierenfunktionsstörungen bis zum akuten Nierenversagen, Blutungen und Atemversagen. Eine Infektion kann jedoch auch asymptomatisch verlaufen. Die Inkubationszeit beträgt fünf Tage bis zwei Monate, üblich sind zwei bis vier Wochen. Die Übertragung der mitteleuropäischen Virusvarianten erfolgt bislang nicht von Mensch zu Mensch.
Die Virusvarianten verursachen oft schwere Lungenerkrankungen
Die Diagnose erfolgt nach dem klinischen Bild und der Labordiagnostik. Für Hantavirus-Infektionen existiert momentan noch keine spezifische antivirale Therapie – die Behandlung erfolgt unterstützend (supportiv) oder intensivmedizinisch, abhängig davon, wie schwer die Erkrankung verläuft.
Da Hantavirus-Infektionen relativ selten sind (2024 gab es in Deutschland 424 Fälle) und viele verschiedene Varianten auftreten können, ist es noch ein weiter Weg zu einem gut wirksamen und zugelassenen Einheitsimpfstoff. Ob eines der 13 bekannten Impfstoff- bzw. Gentherapie-Projekte in den USA, Kanada, Südkorea und England bei der Andes-Variante des Hantavirus wirkt, ist nicht bekannt.
Die nordamerikanischen Virusvarianten verursachen oft schwere Lungenerkrankungen. Bekanntester Fall ist die japanische Ehefrau Betsy Machiko Arakawa von Gene Hackman, die 2025 mit 65 Jahren am Hantavirus Pulmonary Syndrome (HPS) in Santa Fe (New Mexico) starb. Der demente und hilflose 95jährige US-Schauspieler überlebte seine Frau nur eine Woche.
Für Panik gibt es keinen Grund
In den 1990er Jahren gab es in Argentinien und Chile schon einige Ausbrüche mit der Andes-Variante, mit Dutzenden Erkrankten und etlichen Toten. Daher war der Ausbruch auf dem Kreuzfahrtschiff eigentlich nicht völlig überraschend. Diese Ausbrüche blieben aber bislang immer lokal begrenzt, und eine Übertragung der Andes-Variante erfolgt nur bei sehr engem Kontakt, etwa bei pflegenden Angehörigen. Eine Übertragung über Aerosole wie bei der Grippe oder Covid-19 ist bislang noch nicht nachgewiesen.
Eine Hantavirus-Pandemie ist daher epidemiologisch sehr unwahrscheinlich. Für Panik gibt es keinen Grund. Wegen der hohen Sterblichkeit (teilweise 30 bis 40 Prozent), der nicht erforschten Übertragungsmechanismen, der schwierigen Frühdiagnostik wegen unspezifischer Symptome und der teilweise sehr langen Inkubationszeit sollte man diesen Virusausbruch jedoch ernster nehmen als manch übertriebene Corona-Hysterie.






