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Rituelles Gedenken: Volkstrauertag: „Ehre den toten Soldaten!“

Rituelles Gedenken: Volkstrauertag: „Ehre den toten Soldaten!“

Rituelles Gedenken: Volkstrauertag: „Ehre den toten Soldaten!“

Eine Rose liegt zum Volkstrauertag auf dem Grab eines unbekannten Soldaten
Eine Rose liegt zum Volkstrauertag auf dem Grab eines unbekannten Soldaten
Eine gelbe Rose liegt auf einem Grabstein eines unbekannten Soldaten. Foto: picture alliance/dpa/Wichmann-TV | Martin Wichmann
Rituelles Gedenken
 

Volkstrauertag: „Ehre den toten Soldaten!“

Der Volkstrauertag gehört zu den wenigen Feiertagen, die nach wie vor einen rituellen Charakter haben. Im Bundestag, aber auch in den Städten und Gemeinden des Landes wird es Veranstaltungen geben. Der Ablauf wirkt überall ähnlich: Kranzniederlegungen, getragene Musik, die Repräsentanten des Staates und der Kirchen halten, dunkel gekleidet, ihre Ansprachen. Auch deren Inhalt ist fixiert, im Hinblick darauf, diesen Tag als Mahnung zum Frieden zu begreifen, sich der Opfer von Gewalt und Verfolgung zu erinnern – insbesondere derjenigen, die Opfer deutscher Gewalt und Verfolgung waren – und zuletzt auch der Toten beider Weltkriege zu gedenken.

Wir haben uns daran so sehr gewöhnt, daß zweierlei aus dem Blick geraten ist: der ursprüngliche Sinn des Volkstrauertags, und die Art und Weise, wie diese Tradition nach 1945 wieder aufgenommen wurde. Als der Volkstrauertag vor einhundert Jahren auf Initiative des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge eingeführt wurde, bestand weder im Hinblick auf das Datum noch die eigentliche Absicht Einigkeit. Konsensfähig war nur, daß überhaupt ein Gedenken notwendig sei.

Besatzungsmächte hatten Gedenken an Kriegstote untersagt

Das hatte ganz wesentlich damit zu tun, daß es seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts, also des Zeitalters der modernen Massenkriege, Formen der Erinnerung an die Gefallenen gab. Dabei standen aber die Toten und der Ruhm bestimmter militärischer Verbände im Vordergrund. Die demokratische Tendenz war schon deutlich, kam aber noch nicht in der Weise zum Durchbruch wie nach dem Ersten Weltkrieg, als alle beteiligten Nationen unter dem Schock der riesigen Verluste an Menschenleben standen.

Das hat auch in den Siegerstaaten dazu geführt, die älteren Formen des Gedenkens in Frage zu stellen und an ihre Stelle die Ehrung des „Unbekannten Soldaten“ zu rücken. Eine Idee, gegen die es in Deutschland, schon weil sie in Großbritannien und Frankreich zuerst aufgekommen war, erhebliche Reserven gab. Trotzdem war unverkennbar, daß das, was der Volkstrauertag bewirken sollte, im Grunde einer ganz ähnlichen Absicht folgte: Ausdruck des Leids über das Sterben der vielen sonst Namenlosen und gleichzeitig Respekt für ihre Pflichterfüllung oder ihre Opferbereitschaft.

Die Nationalsozialisten haben nach 1933 mit der Umwidmung des Volkstrauertags in den „Heldengedenktag“ den ersten Gedanken abgedrängt und den zweiten übersteigert. Was nach dem Zusammenbruch dazu führte, daß die Besatzungsmächte jedes offizielle Gedenken an die Kriegstoten untersagten. Eine Situation, die sich erst im Gefolge der Gründung von Bundesrepublik und DDR änderte. Während man im Osten eine Art spiegelverkehrten „Heldengedenktag“ – den Tag der Opfer des Faschismus – beging, wurde im Westen der Volkstrauertag wiedereingeführt. Detaillierte Anweisungen dazu, wie er zu begehen war, vermied man.

Stillschweigender Konsens beherrschte den Volkstrauertag bis in die 70er

Es wurde darauf vertraut, daß vor Ort eine würdige und angemessene Form der Gestaltung gefunden würde. Tatsächlich hat sich dieser stillschweigende Konsens lange gehalten. Man setzte auf die Denkmäler für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs auch die Namen der Gefallenen des Zweiten oder errichtete neue. In den Kirchen lagen die Totenbücher aus, am Volkstrauertag erschienen die Veteranen mit ihren Vereinsfahnen zum Gottesdienst, der Geistliche nahm an der folgenden Kranzniederlegung teil und sprach die passenden Worte.

Erst in den 1970er Jahren änderte sich alles, begannen Pastoren Soldaten in Uniform den Zutritt zum Gottesdienst zu verweigern, sollten die Fahnen nicht mehr in den Kirchraum, störten linke Gruppen die Feiern, griffen die Teilnehmer an, beschmierten, demolierten, schleiften die Denkmäler. Widerstand dagegen gab es kaum, aber hier und da faule Kompromisse, ließ man die Veranstaltungen hinter Polizeikordons in irgendwelchen Winkeln abhalten, versetzte die Monumente, widmete sie um oder „ergänzte“ sie durch solche für Deserteure. Vor allem aber wurde der Volkstrauertag inhaltlich entkernt, sollte weder vom „Volk“ noch von dessen „Trauer“ um die gefallenen Soldaten länger die Rede sein, fanden die sich bestenfalls eingereiht in eine anonyme Aufzählung der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft, oder auch das nicht mehr, weil „Täter“ keine „Opfer“ sein könnten.

Auch wenn die Lage ruhiger geworden ist. An dieses Tabu wird nicht gerührt. Es ist deshalb Zeit, darauf hinzuweisen, was eigentlich beabsichtigt war, als sich die Gründer der Bundesrepublik vor siebzig Jahren entschlossen, die Tradition des Volkstrauertags wieder aufzunehmen. Eugen Gerstenmaier, der zur Bekennenden Kirche und zum Kreisauer Kreis gehört hatte, an der Erhebung des 20. Juli beteiligt war und bei Kriegsende aus dem Zuchthaus befreit wurde, Gründer und Leiter des Evangelischen Hilfswerks, der größten karitativen Organisation Westdeutschlands, und seit 1949 Bundestagsabgeordneter der CDU, sprach 1952 davon, daß ein „Heldengedenktag“ für die Deutschen nicht mehr möglich sei, daß am Volkstrauertag auch der Zivil- und Vertreibungsopfer zu gedenken sei, auch derjenigen, die sich gegen das Regime erhoben und aller übrigen, die durch die Tyrannei ihr Leben verloren. Aber am Anfang habe etwas anderes zu stehen: „Ehre den toten Soldaten! Ehre denen, die reinen Herzens für das Vaterland starben!“

Eine gelbe Rose liegt auf einem Grabstein eines unbekannten Soldaten. Foto: picture alliance/dpa/Wichmann-TV | Martin Wichmann
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