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Buchrezension: Götz Aly auf der Suche nach dem Warum

Buchrezension: Götz Aly auf der Suche nach dem Warum

Buchrezension: Götz Aly auf der Suche nach dem Warum

Der Historiker Götz Aly sitzt vor einer Bücherwand und gestikuliert mit den Händen.
Der Historiker Götz Aly sitzt vor einer Bücherwand und gestikuliert mit den Händen.
Der Historiker Götz Aly. Foto: IMAGO / Sabine Gudath
Buchrezension
 

Götz Aly auf der Suche nach dem Warum

Der Historiker Götz Aly bleibt eine Reizfigur der deutschen Geschichtsschreibung. In seinem neuen Buch zeichnet er das ambivalente Verhältnis des deutschen Volkes zum NS-Regime nach. Das mag oft irritieren, lesenswert ist es dennoch.
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Der Historiker Götz Aly genießt bei vielen Autoren und Lesern dieser Zeitung keinen guten Ruf. Thorsten Hinz hat vor einigen Jahren (Lesen Sie den Text hier) gemeint, dass Aly „das Bild einer schuldig gewordenen Volksgemeinschaft, nicht weit entfernt von Goldhagens ‘Hitlers willigen Vollstreckern’“ zeichne. Auch Karlheinz Weißmann glaubt, dass Aly in seinem aktuellen, hier zu besprechenden Buch „von einer tatsächlichen Kollektivschuld der Deutschen“ ausgehe (Lesen Sie den Text hier).

Aly hat seit seinem Buch „Hitlers Volksstaat“ (Frankfurt am Main 2005) tatsächlich immer wieder die These vertreten, dass sehr viele nichtjüdische Deutsche ab 1933, wenn auch meist indirekt, beruflich und wirtschaftlich von der sukzessiven Entrechtung, Enteignung und sogar der Ermordung der Juden profitiert hätten. Daran hält Aly auch in seinem jüngsten Buch fest, das ein Resümee seiner vorangegangenen Publikationen über die Beziehungen zwischen NS-Regime und deutschem Volk zwischen 1933 und 1945 inklusive der Ursachen, die zum Holocaust führten, darstellt.

Das Regime verstand es gemäß Alys Darstellung, sich zunächst durch eine umfangreiche Sozialgesetzgebung und forcierte wirtschaftliche Aufbaumaßnahmen die Loyalität der Masse des Volkes zu sichern. Viele nichtjüdische Deutsche aus allen Schichten fanden eine neue wirtschaftliche Existenz oder stiegen sogar sozial auf, auch weil die aus dem Staatsdienst und vielen Berufen exkludierten Juden ihnen die Plätze frei machten. Finanziert wurde diese „Konsensdiktatur“ der Anfangsjahre jedoch durch eine alle Grenzen sprengende Staatsverschuldung, die bald auf regulärem Weg nicht mehr zu konsolidieren war.

Hitler beging „blutige Konkursverschleppung“

Nach dem Beginn der forcierten Aufrüstung in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre ging der NS-Staat immer mehr zu kaum verborgenem Raub über. Dieser traf zunächst vor allem die deutschen Juden, bald jedoch in Form von „Raubkriegen“ auch fast ganz Europa. Die „Regierungspolitik Hitlerdeutschlands“ bezeichnet Aly als die „hochkriminell durchorganisierte, blutigste Konkursverschleppung der Weltgeschichte“.

Die Hauptopfer dieser Politik waren in erster Linie die slawischen Völker in Osteuropa und die europäischen Juden, die an vorletzter und letzter Stelle in der rassistischen Nahrungskette des Nationalsozialismus standen. Ihre über die Ausbeutung hinausgehende Dezimierung sollte unter anderem Lebensmittel für die Deutschen frei machen. Auch der Ende 1941 gefasste Beschluss zur vollständigen „Ausrottung“ der Juden sei demnach in diesem Kontext zu sehen.

Zu diesem Zeitpunkt war die „gute Zeit“ der Beziehungen zwischen Regime und den „inkludierten“ Teilen des deutschen Volkes schon lange vorbei. Die Deutschen wünschten sich keinen Krieg; und, nachdem er begonnen hatte, sein baldmöglichstes Ende. Um so schlechter die Aussichten darauf, um so mehr schwand die positive Zustimmung zum Regime.

Aus „Kraft durch Freude“ wurde „Kraft durch Furcht“

Um sich zumindest die passive Loyalität ihrer „Volksgenossen“ zu erhalten, gingen Hitler, Goebbels und Co. in perfider Weise dazu über, diese zu indirekten Komplizen ihrer Verbrechen zu machen. Indem sie immer wieder vage Andeutungen, allerdings keine klaren Enthüllungen über das Schicksal der Juden und die brutale Besatzungs- und Hungerpolitik im Osten machten, wollten sie die Deutschen in Angst vor Vergeltung der Kriegsgegner versetzen und sie so zum Kampf bis zum Letzten motivieren. Die bis 1937/38 vorhandene „Kraft durch Freude“ wurde durch „Kraft durch Furcht“ (Erich Kästner) ersetzt.

Flankiert von massiv verstärkten Repressionen gegen innere Gegner, gelang es ab 1942 dem Regime, die meisten Deutschen, die in apathische Resignation verfielen und keinen Ausweg mehr zu haben glaubten, bis zum bitteren Ende bei der Stange zu halten. Die nationalsozialistische „Korruption“ der Deutschen erreichte nicht durch Sozialpolitik oder gar ideologischen Konsens, sondern auf quasi mafiösem Weg ihren Höhe- und Endpunkt.

Götz Alys Thesen reizen gewiss zu Widerspruch. Zweifel am Ausmaß der Übereinstimmung von Regime und Volk vor 1939 liegen nahe, ebenso an dem Ausmaß, wie weit die Masse der Deutschen tatsächlich Kenntnis von den Verbrechen im Osten und an den Juden hatte. Die Reduzierung der Motive der deutschen Kriegführung auf „Raub“ lässt alle anderen politischen und militärischen strategischen Ursachen außen vor. Auch in vielen anderen Fällen argumentiert Aly recht einseitig.

Aly spricht nicht von „Kollektivschuld“

Dennoch verdient er nach Überzeugung des Rezensenten Beachtung – auch von rechts. Aly schreibt den Deutschen keinen verbrecherischen Nationalcharakter zu. Er versucht vielmehr zu erklären, „wie sich die Ende 1932 noch ziemlich festen moralischen Normen der allermeisten Deutschen derart schnell verflüssigen“ konnten, um ein derart verbrecherisches System mitzutragen.

Götz Aly: Wie konnte das geschehen? 768 Seiten, S. Fischer Verlag, Jetzt beim JF-Buchdienst bestellen
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Er stellt explizit fest, dass „die einzelnen politischen Elemente, die 1933 zur Regierungsübernahme Hitlers und seiner Partei führten und dann für zwölf Jahre lang die Ausübung von Macht ermöglichten, normalerweise beherrschbar“ seien. „Erst die Koinzidenz, das Zusammentreffen von negativen (Krisen) und positiven (allgemeines soziales Aufstiegsstreben) Faktoren kann sie gefährlich, ja explosiv werden lassen“.

Vergleichbares kann nach seiner Überzeugung auch außerhalb Deutschlands jederzeit wieder geschehen und sich unter dem Vorzeichen von anderen Formen, Methoden und Arten der drastischen Exklusion von „Großgruppen“ jedweder Art überall wiederholen. Als deutsche „Kollektivschuld“– ein Wort, das Aly nicht verwendet beziehungsweise als implizite Erfindung Goebbels’ kennzeichnet – kann man das von ihm beschriebene Verhalten der Deutschen zwischen 1933 und 1945 nicht bezeichnen. Vielmehr handelt es sich um das Ergebnis einer stück- und schrittweisen „Korruption“ nahezu eines ganzen Volkes durch einen Haufen von moralisch völlig skrupellosen Politikern, die alle verfügbaren, auch die verbrecherischsten Mittel zur Macherhaltung nutzten.

Seine Thesen sind diskussionswürdig

Weißmann sagt von Aly nicht zu Unrecht, er sei „als Historiker ein seltsames Exemplar“, bei dem „kluge Einsichten unvermittelt neben bizarren Urteilen stehen“. Seine Geschichte des NS-Systems sprengt alle Schablonen, in denen im heutigen Juste milieu von Wissenschaft, Medien und Politik zeitgeistkonform über die NS-Zeit gesprochen wird.

Seine Einlassungen haben Aly mittlerweile auch bei woken Linken als „Rechten“ verdächtig gemacht. Seine Interpretation des NS-Staates ist unkonventionell, oft unbequem und zweifelhaft, teils aber auch plausibel oder zumindest diskussionswürdig. Trotz seines Umfangs von über 700 Seiten ist das Buch aufgrund seiner flüssigen Erzählweise und des expliziten Verzichts auf jedes Gendern für einen breiteren Leserkreis geeignet.

Aus der JF-Ausgabe 12/26.

Der Historiker Götz Aly. Foto: IMAGO / Sabine Gudath
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