Herr Dr. Boll, Aufregung bis in die USA: Soll Ihr neuer Film „Citizen Vigilante“ in Deutschland aus politischen Gründen nicht gezeigt werden?
Uwe Boll: Ganz klar ja, mein Film beschäftigt sich kritisch mit Migrantenkriminalität, und das soll verhindert werden.
Wie kommen Sie darauf?
Boll: Die FSK hat dem Film eine Altersfreigabe verweigert und stattdessen mit der Klassifizierung „KK“ – „Kein Kennzeichen“ – versehen. Das bedeutet, dass ihn nicht nur Jugendliche unter 18 Jahren nicht sehen sollen, sondern niemand.
Ist Ihr Film also verboten?
Boll: Formal nein, aber er kann ohne eine Altersfreigabe nicht vermarktet werden.
Das heißt, man könnte ihn im Ausland bestellen?
Boll: Ja, oder ich könnte zum Beispiel mit einer Kiste DVDs Sex-Shops abklappern, weil dort niemand unter 18 reindarf und fragen, ob sie bereit wären, den Film auszulegen. Sie sehen, wie absurd das ist. Fakt ist, er kann hierzulande nicht in den regulären Verkauf, also im Buchhandel, in Elektronikmärkten, bei Amazon etc. angeboten und auch nicht per Kino, Streamingdiensten oder Fernsehen vertrieben werden.
De facto kommt die Verweigerung einer Altersfreigabe also einem Verbot gleich, denn das normale Publikum kann der Film so nicht mehr erreichen – und genau darum geht es ja auch. (Hinweis: Nach Erscheinen des Interviews hat die FSK zumindest partiell eingelenkt und wenigstens eine Altersfreigabe für Kinos erteilt.)
Also Zensur?
Boll: Natürlich, nichts anderes ist das, politische Zensur.
Boll: „Was soll das, erwachsene, mündige Bürger von einem Film fernzuhalten?“
Allerdings haben auch andere Filme schon ein „KK“ erhalten.
Boll: Abgesehen davon, dass das an sich fragwürdig ist, denn wenn ein Streifen nicht für Jugendliche freigegeben wird, ist das ja in Ordnung. Aber was soll das, einen Film von erwachsenen, mündigen Bürgern fernzuhalten? Die können schließlich selbst entscheiden.
Doch wie auch immer, für ein „KK“ müsste mein Film übermäßig obszön oder gewalttätig sein. Das aber ist nicht der Fall, sein Gewaltniveau ist vielmehr mit dem üblicher Action-Blockbuster vergleichbar, wie „John Wick“ mit Keanu Reeves oder „The Equalizer“ mit Denzel Washington, die ohne Probleme überall zu sehen sind.
In der offiziellen Beurteilungsbegründung der FSK ist die Rede von einer „Vielzahl an massiven und detailreichen Gewaltszenen“ in Ihrem Film und zwar mit „teilweise hinrichtungsartigem Charakter“, zudem „Zertrümmerung von Händen“ sowie „Erschießungs- und Verbrennungsopfer werden explizit gezeigt“.
Boll: Also nichts anderes als das, was man in anderen Actionfilmen auch sieht, die aber dennoch sogar teilweise schon ab 16 freigegeben sind. Gucken Sie sich doch mal bei den Streamingdiensten um! Sogar in einer Serie wie „Yellowstone“ ist zu sehen, wie jemandem in den Kopf geschossen wird. Nein, das Gewaltlevel meines Films bewegt sich nach üblichen Maßstäben zwischen einer Freigabe ab 16 und ab 18 – auf gar keinen Fall aber jenseits dessen.
„Die Hauptfigur meines Films geht schließlich selbst zu weit“
In der Tat stellen die meisten dieser Filme Gewalt sogar als etwas „Cooles“ dar, ja feiern sie regelrecht, wenn die tatsächlichen oder vermeintlichen Bösen ihr Fett wegbekommen. In Ihrem Film dagegen ist die Gewalt zwiespältig, insofern als den Opfern Genugtuung verschafft, aber auch neues Unrecht geschaffen wird.
Boll: Eben, die Hauptfigur Sanders nimmt angesichts des Versagens von Polizei und Politik die Dinge selbst in die Hand und begibt sich auf einen Rachefeldzug vor allem gegen eine Gruppe Migranten, die eine 15jährige vergewaltigt haben. Dabei ist er aber keineswegs der strahlende Held, sondern selbst eine zweifelhafte Figur mit charakterlichen und moralischen Defiziten, die in ihrem Kampf um Gerechtigkeit für die Opfer schließlich selbst zu weit geht. Es ist also nicht so, dass der Zuschauer uneingeschränkt auf Sanders Seite steht, sondern Distanz zu ihm aufbaut und ab einem gewissen Punkt auch zu seinen Taten.
Das sieht die FSK anders, laut ihrer Beurteilung „legitimiert“ der Film „Selbstjustiz“.
Boll: Mit diesem Thema habe ich mich bereits an der Uni beschäftigt. Mein dritter Film hieß „Amoklauf“, ich habe „Heart of America“ gedreht, in dem es um das Schulmassaker von Littleton geht oder „Assault on Wall Street“, in dem ein einfacher Mann zur Waffe greift und sich an Investmentbankern rächt, um nur einige zu nennen. Doch nie war das ein Problem. Daher nein, dass „Citizen Vigilante“ angeblich Selbstjustiz legitimiert, ist vorgeschoben.
„Wären Neonazis statt Migranten die Täter, gäbe es keine Probleme“
In einer Stellungnahme, die Sie zunächst auf dem Portal „Tichys Einblick“, dann in der „Berliner Zeitung“ veröffentlicht haben, schreiben Sie: „Also, was ist der wirkliche Grund für das ‘Verbot’? Unsere Hauptfigur wird zum gesuchten Terroristen und parallel zum Social-Media-Helden, weil er Verbrecher zur Strecke bringt und auch gegen Massenvergewaltiger vorgeht … die junge Migranten sind.“
Boll: Ja, ich bin überzeugt, hätte ich eine Gruppe Neonazis das Mädchen vergewaltigen und anschließend zum Ziel von Selbstjustiz werden lassen, wäre die Beurteilung der FSK anders ausgefallen, es hätte keine Probleme gegeben.
Warum haben Sie das nicht gemacht?
Boll: Weil mir kein Fall einer Massenvergewaltigung durch Neonazis hierzulande bekannt ist, sondern die Täter gemäß der Kriminalitätsstatistik eigentlich leider stets Migranten sind.
Tatsächlich beruht die Vergewaltigung in Ihrem Film auf einem realen Fall 2020 im Hamburger Stadtpark.
Boll: Ja, denn ich bin ein Filmemacher, der sich gerne mit der Realität klar und hart auseinandersetzt. Als dann 2023 in dem Fall das Urteil erging, musste von den neun Verurteilten nur ein einziger ins Gefängnis – Strafmaß zwei Jahre und neun Monate. Bei den übrigen acht wurde die Strafe entweder zur Bewährung ausgesetzt oder die Entscheidung darüber im Rahmen einer sogenannten Vorbewährung zunächst offengehalten.
Denn da die Männer zum Tatzeitpunkt zwischen 17 und 20 Jahre alt waren, wurde das Jugendstrafrecht angewandt, bei dem der Erziehungsgedanke vor Bestrafung rangiert. Das Landgericht Hamburg begründete die Bewährung zudem mit dem langen zeitlichen Abstand zur Tat 2020 und der seither positiven sozialen Entwicklung der Vergewaltiger.
Sowohl Richter als auch Presse sprachen damals von den armen traumatisierten Tätern. In meinen Augen eine Verhöhnung des Opfers. Doch dem Gericht scheint der Opferschutz egal gewesen zu sein, denn immerhin lebt das arme Mädchen ja weiter in derselben Stadt wie die frei herumlaufenden Täter, die zudem nicht einmal Reue gezeigt haben.
„Man will, dass möglichst wenig Menschen den Film sehen“
Im Film nimmt Ihr Protagonist nun quasi fiktiv Rache an diesen, was sie nicht überleben. Sie glauben, das ist es, von dem die FSK-Verantwortlichen nicht wollen, dass die Zuschauer es sehen?
Boll: Wir haben der FSK angeboten, einzelne Szenen zu schneiden, falls diese in ihren Augen zu drastisch sind. Bezeichnenderweise ist sie darauf aber nicht eingegangen. Das zeigt, es geht nicht wie behauptet um Jugendschutz, sondern um politische Zensur.
Die FSK will, dass möglichst wenige Menschen „Citizen Vigilante“ sehen, der es nach meiner Recherche als einziger Actionfilm wagt, die wahre Realität in Europas Straßen, Hinterhöfen und Gebüschen abzubilden. Dabei bilden sich diese Leute ein, sie würden mit so etwas unsere Demokratie schützen.
Doch das Gegenteil ist der Fall, sie zerstören sie damit. Denn was sie nicht verstehen, „Citizen Vigilante“ ist zwar eine fiktionale, aber klare Bestandsaufnahme der gescheiterten Migrationspolitik nach Europa.
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„Citizen Vigilante“ ist also nicht nur ein Action-, sondern auch ein politischer Film?
Boll: Natürlich. Schon in meinem vorigen Spielfilm „Run“ von 2025 habe ich aufgezeigt, dass die Masseneinwanderung aus Afrika mittlerweile eine Lose-Lose-Situation ist – für uns Europäer wie für die Migranten. Denn wir bekommen eben keine Fachkräfte, sondern Einwanderer in die Sozialsysteme, und die Migranten merken auch, dass sie nicht mehr willkommen sind. „Citizen Vigilante“ zeigt nun, wie die Opfer dieser Einwanderung verhöhnt und dass Täter beschützt werden – von unserem eigenen Rechtssystem!
Es mag ja sein, dass ein Täter traumatisiert ist, nur ist das der Frau, der er ein Messer in den Hals rammt, scheißegal. Ob ein solcher Täter aufgrund psychischer Probleme handelt, ist letztlich insofern unerheblich, als wir ein Anrecht darauf haben, hier in Deutschland geschützt zu leben. Und auch das Stadtbild hat sich verändert, da hat Herr Merz einfach recht, und darüber muss eine Debatte möglich sein.
Vor allem aber müssen wir bei Kriminalität und vor allem bei Gewalttaten ganz schnell abschieben und ebenso, wenn Leute sich weigern, sich zu integrieren oder zu arbeiten. Denn das ist nicht in unserem Interesse, ebensowenig wie der Umstand, dass bei uns Menschen durch die Stadt ziehen und „Bringt alle Juden um“ rufen.
Dabei ist mir völlig egal, welche Religion einer hat, aber bei Fanatismus ist bei mir Schluss. Daher bin ich auch gegen diese öffentlichen Gebete. Nichts dagegen, wenn man das zu Hause oder in der Moschee macht. Aber in der Öffentlichkeit – das sind in Wahrheit doch Machtdemonstrationen!
Ich bin auch nicht per se gegen Migration, aber wer zu uns kommt, der muss sich benehmen. Und wer das nicht tut, der muss wieder gehen – und zwar gleich und nicht Jahre später, nachdem er uns erst noch viel Geld gekostet hat. Wenn etwa einer klaut oder mit einem Messer bewaffnet durch die Stadt zieht, sollte jeder Richter in der Lage sein, festzustellen, dass so einer sein Asylrecht verwirkt hat und abgeschoben wird.
Das ist es, was Sie als die Meta-Botschaft Ihres Films verstehen?
Boll: Absolut.
„Eine Warnung davor, was passiert, wenn der Staat die Bürger alleinläßt“
Deshalb wird Ihnen nun von einigen vorgeworfen, Sie stachelten zu Hass und Gewalt auf und Ihr Film sei ein rechtsradikal-rassistisches Machwerk, das Ausschreitungen wie unlängst im irischen Belfast Vorschub leiste.
Boll: Das ist kompletter Quatsch. So wie niemand einen Amoklauf begeht, weil er ein gewalttätiges Videospiel gespielt hat, kommt es auch nicht zu Ausschreitungen, weil man sich einen Actionfilm ansieht. Vielmehr ist es erwiesen, dass Menschen normalerweise dann zu Gewalt greifen, wenn sie in eine für sie katastrophale Situation geraten.
Natürlich verurteile ich die Ausschreitungen von Belfast, aber man kann nicht die Kausalität ausblenden, dass sie eine Reaktion auf die Zustände sind – konkret darauf, dass ein Einwanderer vor laufender Kamera versucht hatte, einem Einheimischen den Kopf abzuschneiden. Und „Citizen Vigilante“ ist folglich keine Aufforderung zur Selbstjustiz, sondern vielmehr das genaue Gegenteil, nämlich eine Warnung davor! Eine Warnung, was passiert, wenn Politik und Polizei die Bürger alleine lassen.
Der Staat hat die Gewalthoheit, aber er muss sie auch wahrnehmen und hart durchgreifen. Und zwar nicht, um Leute zu verfolgen, die andere im Internet beleidigen, sondern gegen Menschen, die wirklich gefährlich sind, die einbrechen, rauben, schlagen, vergewaltigen oder morden. Und tut er das nicht, dann führt genau das früher oder später zu Gewalt wie in Belfast.
Tatsächlich haben Sie neben reinen Unterhaltungsfilmen auch solche mit sozialkritischem Anklang gedreht, etwa über die Affäre Barschel, den Gefängnismord von Siegburg, den Terroranschlag in Hanau, den Völkermord von Darfur oder den Holocaust in Auschwitz. Weshalb man bisher dachte, Sie wären eher ein linker Filmemacher – zusätzlich dazu, dass Sie in der Vergangenheit Sympathie für den Linksaußen der US-Demokraten Bernie Sanders bekundet haben. Ist das vorbei oder betrachten Sie sich nach wie vor als links?
Boll: Unbedingt, meine Eltern haben immer SPD gewählt und ich meistens auch, zum Beispiel, ich muss es gestehen, Olaf Scholz. Natürlich, wenn man älter wird, wird man auch ein bisschen konservativer, aber keineswegs verstehe ich mich etwa als Rechter. Vielmehr fühle ich mich inzwischen bei keiner Partei mehr zu Hause.
„Entwicklung eines Ausforschungssystems mit faschistischen Zügen“
Wenn Sie klassischerweise sozialkritisch sind und das früher vielleicht einmal links, heute aber rechts ist, sind Sie dann nicht notwendigerweise nun ein Rechter?
Boll: Richtig ist, dass da etwas ins Rutschen geraten ist. Viele auf der Rechten sind es heute, die gegen die Beschneidungen der Meinungsfreiheit aufstehen, gegen Zensur, Trusted Flagger und solchen totalitären Müll. Während die linke Zensurblase sich Staat und Medien gefügig gemacht und ein Repressions- und Ausforschungssystem etabliert hat, das mittlerweile faschistische Züge entwickelt.
Diese Leute glauben wirklich, niemand außer ihnen könne die Dinge richtig beurteilen und daher müssten alle anderen mehr oder weniger entmündigt werden. Das beste Beispiel dafür ist die Idee eines AfD-Verbots, was, wenn es tatsächlich käme, nichts anderes als das Ende der Demokratie in Deutschland bedeuten würde.
In den USA und Kanada ist Ihr Film am 19. Juni problemlos und sogar mit beachtlichem Erfolg gestartet.
Boll: Ja, mittlerweile ist es dem Film gelungen, in den USA bei dem Streaminggiganten Amazon Prime als auch bei AppleTV Platz eins zu belegen. Das ist tatsächlich unglaublich, denn um uns herum sind nur Filme mit Budgets von 100 Milionen Dollar plus. Das ist gegebenenfalls das Resultat der Unterstützung von Elon Musk auf X. Es wird jetzt höchste Zeit, dass der Rest der Welt reagiert und den Film veröffentlicht – am besten in den Kinos.
Wird man „Citizen Vigilante“ früher oder später also auch bei uns sehen können?
Boll: Im Moment ist das „dank“ der FSK leider nicht möglich. Aber am 15. Oktober erscheint in Österreich die deutschsprachige DVD, die man jetzt schon auf der Seite www.gameware.at vorbestellen kann. Allen, die mich und den Film auf diese Weise unterstützen, bin ich herzlich dankbar!
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Dr. Uwe Boll hat über 35 Spielfilme gedreht und über fünfzig produziert. Spezialisiert auf kostengünstige Actionfilme, ist er vor allem für seine Videospielverfilmungen bekannt, wie „Far Cry“ (2008) mit Til Schweiger. Außerdem drehte er unter anderem mit Jason Statham, Ben Kingsley, Ron Perlman, Burt Reynolds oder Geraldine Chaplin. Geboren 1965 in Wermelskirchen im Bergischen Land, studierte er BWL und Germanistik, bevor er 1991 seine Filmfirma BOLU gründete.




