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Neue Verteidigungsleitlinien: Drohnenwahn in der Alpenrepublik

Neue Verteidigungsleitlinien: Drohnenwahn in der Alpenrepublik

Neue Verteidigungsleitlinien: Drohnenwahn in der Alpenrepublik

Ein Schweizer Soldat posiert mit einer Angriffsdrohne auf dem Schiessplatz Wichlen in Elm. Können die Drohnen Panzer ersetzen? Foto: picture alliance/KEYSTONE | GIAN EHRENZELLER
Ein Schweizer Soldat posiert mit einer Angriffsdrohne auf dem Schiessplatz Wichlen in Elm. Können die Drohnen Panzer ersetzen? Foto: picture alliance/KEYSTONE | GIAN EHRENZELLER
Ein Schweizer Soldat posiert mit einer Angriffsdrohne auf dem Schiessplatz Wichlen in Elm. Foto: picture alliance/KEYSTONE | GIAN EHRENZELLER
Neue Verteidigungsleitlinien
 

Drohnenwahn in der Alpenrepublik

Plötzlich will die Schweiz ihre altgedienten Panzer auf den Schrotthaufen der Geschichte schicken – und stattdessen auf Drohnen und Cyberabwehr setzen. Doch ist das wirklich eine sinnvolle Strategie?
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Als Reaktion auf die mehrfach gescheiterten Panzerdurchbrüche im Ukrainekrieg forderte der sozialdemokratische Schweizer Bundesrat Beat Jans, sämtliche Panzer der eidgenössischen Armee durch modernere und günstigere Drohnen sowie Kampfrobotik zu ersetzen. Das sei „angesichts der technologischen Entwicklung und der finanziellen Möglichkeiten“ aus Sicht des Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartements (EJPD) „alternativlos“, berichtete die Zürcher Boulevardzeitung Blick am 24. Juli.

Für seinen Kabinettskollegen Guy Parmelin von der rechten Schweizerischen Volkspartei (SVP), zuständig für Wirtschaft, Bildung und Forschung (WBF) sowie aktuell auch Staatsoberhaupt, sei zumindest der Verzicht auf neue Panzer „aus Finanzierungssicht verständlich und realistisch“ – selbst wenn so die zur Verfügung stehende Panzerzahl mittel- bis langfristig weiter reduziert wird. Dabei sind beispielsweise die sechs Jahrzehnte alten Schützenpanzer des US-Typs M113 der Schweizer Armee schon mehrfach wegen technischer Probleme nicht einsatzfähig gewesen.

Die aktuellen „Leitlinien des Bundesrates für die Verteidigung“ sind nicht ganz so revolutionär, aber auch der christdemokratische Bundesrat Martin Pfister, in der siebenköpfigen Fachministerriege der Schweiz zuständig für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS), will 80 Prozent der Mittel für Cyberabwehr und Luftverteidigung verwenden – was der Armeeführung Sorgen bereitet. Denn seit dem Zweiten Weltkrieg beherrschten die stählernen Kolosse die Schlachtfelder. Trotz ständiger technischer Weiterentwicklung blieb ihr Konstruktionsprinzip im Wesentlichen unverändert – ebenso wie die Methoden zu ihrer Bekämpfung.

Drohnen können Panzer nicht immer ersetzen

Das massenhafte Auftauchen der Kampfdrohne hat alles verändert. Ist sie der Asteroideneinschlag, der das Schicksal der Dinosaurier auf Ketten besiegelt? Dabei stellte der Rüstungskonzern Rheinmetall erst 2022 den neuen futuristischen Panther KF51 vor, sowie jüngst in Kooperation mit der italienischen Firma Leonardo den New Main Battle Tank (NMBT) mit allerhand digitaler High-Tech. Sind die Newcomer schon Alteisen? Diese Frage stellen sich nicht nur Hersteller und Militärs, sondern auch das Panzermuseum Munster in der Lüneburger Heide. Das Dokumentationszentrum ist mehr als ein Museum. Natürlich sieht man dort den legendären Tiger der Wehrmacht sowie seinen Gegenspieler T-34 der Roten Armee.

Aber man widmet sich auch intensiv der Forschung zu Aspekten des Landkrieges. Der wissenschaftliche Direktor Ralf Raths (49) ist Mitglied der Deutschen Kommission für Militärgeschichte und durch zahlreiche Youtube-Videos bekannt, in denen er sogar popkulturelle Phänomene des Panzers analysiert. In seinem jüngsten Vortrag mit dem bemerkenswerten Titel „Die Zukünfte des Panzers“ skizziert er drei theoretische Szenarien für „Die Entwicklung des Panzers im Zeitalter der Drohnen“.

Der Panzer wurde schon oft totgesagt, erstmalig 1917, also erst ein Jahr nach seinem Auftreten. Einen praktischen Beleg dafür, dass sie nicht überflüssig sind, sieht Raths darin, dass beide Konfliktparteien im Ukraine-Krieg weiterhin Panzer zahlreich einsetzen. Und so einfach wie es in Social-Media-Videos scheint, mit einer Drohne einen Panzer auszuschalten, ist es eben nicht. Die etlichen Fehlversuche landen auch nicht auf den Videokanälen. Doch das Wichtigste: Drohnen können die militärische Aufgabe von Panzern nicht erfüllen. Letzten Endes geht es immer noch darum, Boden zu gewinnen und zu besetzen bzw. zu verteidigen.

Auch KI wird im Krieg der Zukunft eine Rolle spielen

Dennoch muss „der Panzer seine Existenz transformieren“, sagt Raths. Der Panzer sei als schweres Duellsystem technisch in der Zeit des Kalten Krieges eingefroren. Seine Hauptrolle als „Vorschlaghammer“ war das Bekämpfen gegnerischer Panzer in dynamischen Intensivgefechten. Das Auftauchen von Drohnenschwärmen stellt dies in Frage. Aber Industrie, Politik und Militär verharren derzeit noch in den Kategorien der 1980er Jahre, wie die Rüstungsmesse Eurosatory 2026 im Juni bei Paris zeigte. Raths zeichnet drei evolutionäre Entwicklungsrichtungen auf, die diskussionswürdig sind:

  • Szenario 1: Aufklärung und Drohnenangriffe führten dazu, dass die Panzer „schleichen“ müssen. Manche sprechen von der „Ära des vorsichtigen Panzers“. Das Versteckspiel erfordert Aufklärungsschutz durch Techniken, um Drohnen zu verwirren („Jamming“) oder die Wärme-/Strahlungssignatur zu verringern. Damit verändert sich auch der Kampfauftrag, von der massierten Stoßkraft hin zu Sniper-Feuer über große Distanzen und direkten Feuerschutz für die Infanterie. Dadurch könnte der Drehturm eingespart werden, was verwundbare Stellen sowie Gewicht und Kosten minimiert.
  • Szenario 2: Bei der Entwicklung der drei Hauptkategorien Panzerung, Feuerkraft und Mobilität zieht Raths einen Vergleich zur Entwicklung der Schlachtschiffe vom Panzerkreuzer zum Flugzeugträger. So wie der Flugzeugträger durch die Flieger einen großen Aktionsradius aufspannen kann, könnte dies auch ein Drohnenträger-Panzer tun. Dieser könnte einen mobilen Abwehrschirm darstellen und wäre das Zentrum einer vernetzten Einheit, unter deren Kuppel Steilfeuer möglich wäre.
  • Szenario 3: Die Panzerkrise ist nicht nur Folge der Drohnen. Auch Minen, mangelhafte Ausbildung und Führung tragen dazu bei. Liegt die Zukunft also in ferngelenkten Kampfrobotern? Armeen experimentieren bereits mit Unmanned Ground Vehicles (UGV). Solche werden im Ukraine-Krieg bereits eingesetzt: Verwundete bergen, Material und Munition an die Front bringen – und kämpfen. Erwartet wird ein menschenleereres Schlachtfeld. Ein historischer Vorläufer ist der „Ladungsträger Goliath“, der im Zweiten Weltkrieg durch Kabelsteuerung Sprengladungen in gegnerische Stellungen lenken konnte.

Auf der Messe Eurosatory präsentierte Frankreich bereits einen robotisierten Kampfpanzer. Der Capacité Intermédiaire (Capint) basiert auf einem Leopard-2-A8-Chassis und ist mit einem unbemannten Ascalon-Turm ausgestattet, der eine Glattrohrkanone mit Ladeautomat trägt. Der logische nächste Schritt wäre dann die Steuerung per KI. Die Frage ist nur, was geschieht, wenn die menschliche Fernlenkung gekappt wird und die Entscheidungen im Gefecht der KI überlassen werden.


Neue Leitlinien für die Verteidigung der Schweiz

Zur Stärkung der Verteidigungsfähigkeit würden Einsatzkonzeption, Führungsstrukturen und Organisation der Schweizer Armee angepasst. Mit der Neuausrichtung reagiere man auf die veränderte Bedrohungslage und die aktuelle Technologieentwicklung – insbesondere in den Bereichen Drohnen, Robotik und KI. Zur Abwehr „hybrider Aktionen“ schütze die Schweizer Armee kritische Infrastrukturen und zentrale Verkehrs- und Versorgungsachsen. Dies umfasse künftig auch den Schutz gegen Mini-Drohnen.

Konventionelle Panzer oder Kampfjets seien zwar nach wie vor relevant, aber sie müssten hinsichtlich ihrer Wirkung und Wirtschaftlichkeit überprüft werden: „Angriffsdrohnen und -roboter oder Lenkwaffen können beispielsweise eine ähnliche Wirkung erzielen“, heißt es in den neuen Leitlinien für die Verteidigung. Zu diesem Zweck soll bis 2028 „ein erstes (Miliz-)Drohnenbataillon mit Fähigkeiten zur Aufklärung sowie zur Bekämpfung von Zielen – beispielsweise zur Abwehr von Angriffsdrohnen mit Abfangdrohnen – aufgestellt werden“. Ein neues „Kommando Drohnen und Robotik“ bilde dabei den organisatorischen Kern der „Transformation“. (fis)


Aus der JF-Ausgabe 36/26.

Ein Schweizer Soldat posiert mit einer Angriffsdrohne auf dem Schiessplatz Wichlen in Elm. Foto: picture alliance/KEYSTONE | GIAN EHRENZELLER
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