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JF-Reportage: Zwischen Raketenterror und Protesten – So läuft das zivile Leben in der Ukraine

JF-Reportage: Zwischen Raketenterror und Protesten – So läuft das zivile Leben in der Ukraine

JF-Reportage: Zwischen Raketenterror und Protesten – So läuft das zivile Leben in der Ukraine

Ein riesiges Wandgemälde mit einer ukrainischen Soldatin ziert ein Haus in der Hauptstadt der Ukraine am Rande des Besuchs des deutschen Verteidigungsministers. Auf dem Programm stehen politische Gespräche.
Ein riesiges Wandgemälde mit einer ukrainischen Soldatin ziert ein Haus in der Hauptstadt der Ukraine am Rande des Besuchs des deutschen Verteidigungsministers. Auf dem Programm stehen politische Gespräche.
Riesiges Wandbild in Kiew ehrt die Armee: Russlands Infrastruktur ist das wichtigste Ziel. Foto: picture alliance/dpa | Kay Nietfeld
JF-Reportage
 

Zwischen Raketenterror und Protesten – So läuft das zivile Leben in der Ukraine

Gestern noch russischer Raketenhagel, heute eine Demonstration gegen Präsident Selenskyj. Mehr als vier Jahre nach Kriegsbeginn macht sich in der Ukraine hinter der Front Unzufriedenheit mit der Regierung breit. JF-Reporter Ferdinand Vogel ist vor Ort.
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Auf den Märkten rund um die Metrostation Lukjaniwska verkaufen Seniorinnen Blumen, Obst, eingelegtes Gemüse und jene kleinen Alltagsutensilien, die sich auf einem Klapptisch ausbreiten lassen und ein bisschen zusätzliches Geld einbringen. Die Härte des Lebens ist ihnen ins Gesicht geschrieben, tiefe Falten und Furchen, die nicht erst dieser Krieg gezogen hat, auch wenn er sie weiter vertieft haben dürfte. Einige wischen sich immer wieder mit einem Tuch den Schweiß aus dem Gesicht, vielleicht manchmal auch die Tränen, wobei in der flammenden Sommerhitze kaum zu unterscheiden ist, was davon gerade über die Wangen läuft.

Hinter ihnen erhebt sich nicht mehr das gewöhnliche Kiewer Straßenbild, das hier im vergangenen Jahr noch aus Apotheken, kleinen Läden, einem Einkaufszentrum und den alltäglichen Wegen von Menschen bestand, die auf dem Heimweg etwas zu essen kauften oder Medikamente abholten, sondern eine verwüstete Häuserzeile aus geborstenen Fassaden, verbranntem Beton, verbogenen Trägern und offenen Räumen, in denen das private Hab und Gut der Bewohner zwischen Staub, Glassplittern und verkohlten Resten liegt. Nach den vor Ort zusammengetragenen Angaben schlug etwa ein halbes Dutzend ballistischer Raketen in diesem Gebiet ein.

Das Bild zeigt einen beschossenen Markt in Kiew, der Hauptstadt der Ukraine.
Der Markt an der Bahnstation Lukjaniwska: Spuren der Einschläge deutlich erkennbar. Foto: JF

Bei dem kombinierten Angriff am 09. Juli kamen mindestens 20 Menschen ums Leben, während Rettungsmannschaften in Kiew noch am Morgen Verschüttete aus den aufgerissenen Wohnhäusern bargen. Ende Juli wiederholte sich das Muster in den folgenden Tagen immer wieder. Einer der schwersten Angriffe fand am 31. Juli statt. Russland griff die Hauptstadt mit 35 Raketen, darunter 27 ballistischen Flugkörpern, und 185 Drohnen an. Nur eine der ballistischen Raketen wurde abgefangen. Zehn Menschen starben, Dutzende wurden verletzt, Wohngebäude, eine Schule und weitere zivile Infrastruktur wurden beschädigt. Wenige Tage später folgte ein weiterer Angriff mit mindestens neun Toten und mehr als 30 Verletzten.

Russlands Motive sind unklar

Es sind keine isolierten Ereignisse mehr, sondern eine Serie von Schlägen, bei denen Russland sichtbar die Lücken der ukrainischen Flugabwehr ausnutzt und zunehmend jene Waffen einsetzt, gegen die Kiew ohne Patriot-Munition, anders als gegen Shahed-Drohnen, kaum eine Handhabe besitzt.

Russland erklärt nach solchen Nächten regelmäßig, ausschließlich militärische oder militärisch relevante Ziele getroffen zu haben. Die Wirklichkeit in Lukjaniwka sieht weniger sauber aus. Dort lagen Apotheken, kleine Geschäfte und die wirtschaftliche Existenz von Menschen am Boden, die nun entweder tot, verwundet oder um das Wenige gebracht worden sind, das sie sich über Jahre aufgebaut hatten. Es ist möglich, dass russische Aufklärung in der Umgebung tatsächlich ein Objekt identifiziert hatte, dem sie militärische Bedeutung zuschrieb. Die Wahrheit eines einzelnen Zielvorgangs lässt sich von außen nicht immer zweifelsfrei rekonstruieren.

Von russischen Fernsehmoderatoren und im russischen Internet populären Militärexperten wird die Kampagne jedoch folgendermaßen eingeordnet: Man will, dass die Ukraine angesichts dieser Raketenschläge auf Kiew kapituliert und die Sinnlosigkeit jeglichen Widerstands einsieht.

Streumunition ist auf dem Vormarsch

Berüchtigt sind die sogenannten Double-Tap-Angriffe, bei denen nach einem ersten Einschlag ein zweiter Angriff folgt, sobald Feuerwehrleute, Sanitäter und andere Ersthelfer am Ort eingetroffen sind. Auch der Einsatz von Streumunition und Waffen mit großflächiger Splitterwirkung ist längst nicht mehr nur ein Bild aus den vordersten Städten des Donbass. Durchlöcherte Fahrzeuge, Fassaden mit zahllosen kleinen Einschlägen, Mülltonnen und Straßenschilder, die aussehen, als seien sie von einem Hagel aus Metall durchbohrt worden, zeigen, was diese Waffen in einem menschlichen Körper anrichten würden.

Das Bild zeigt Raketeneinschläge in Kiew, der Hauptstadt der Ukraine.
Einschläge in Kiew: Zivilisten leiden unter den russischen Luftangriffen. Foto: privat

Anders als eine einzelne schwere Explosion verteilt Streumunition ihre Wirkung über eine größere Fläche, wobei nicht ein präzises Objekt, sondern ein ganzer Raum mit Splittern belegt wird. In einer Stadt bedeutet das, dass jeder, der zur falschen Minute auf einem Gehweg steht, am Fenster sitzt oder mit dem Auto durch eine Kreuzung fährt, zum Ziel der physikalischen Wirkung wird.

Mittlerweile erreichen die russischen Raketen an manchen Abenden die so schnell die Städte, dass gar keine Zeit mehr für die Menschen bleibt, sich in Sicherheit zu bringen. In den letzten Angriffen starben etliche Zivilisten beim Lauf in Richtung Schutzkeller oder Garage. Der Bürgermeister von Kiew, Klitschko, steht unter permanenter Kritik, weil er es nicht geschafft hat nach vier Jahren Krieg für ausreichend Schutzräume zu sorgen.

Die Angst ist allgegenwärtig

Die Menschen rund in der Ukraine sind müde. Das geben sie offen zu. Vier Jahre Luftalarm, zerstörte Energieversorgung, Nachrichten von der Front und Beerdigungen lassen sich nicht in heroische Phrasen auflösen. Dennoch entsteht nicht der Eindruck, dass diese Müdigkeit unmittelbar in den Wunsch nach Aufgabe umschlägt. Die Gespräche verlaufen meist nüchterner. Man wolle, dass der Krieg endet, aber nicht so, dass Russland nach einer Pause zurückkehren könne. Man habe Angst vor den Raketen, aber ebenso vor einer Besatzung, deren Folgen man aus Butscha, Isjum, Mariupol und den zurückeroberten Ortschaften kennt.

Das Bild zeigt eine zerstörte Apotheke in Kiew, der Hauptstadt der Ukraine.
Eine zerstörte Apotheke in Kiew: Bürger kritisieren Mangel an Schutzräumen. Foto: JF

Der russische Luftkrieg zermürbt, er beschädigt Wirtschaft, Infrastruktur und Nervenkostüm, doch historisch haben flächendeckende Bombardierungen von Städten nur selten jene schnelle politische Kapitulation erzeugt, die ihre Planer erwarteten. Weder die deutsche Bombenkampagne gegen Großbritannien noch die späteren alliierten Angriffe auf deutsche Städte brachen eine Gesellschaft allein durch Luftkampagnen.

Die Ukraine setzt Kampagne gegen russische Öl-Infrastruktur fort

Während in Kiew Trümmer geräumt werden, läuft die ukrainische Gegenkampagne weiter. Sie ist weniger spektakulär als der Einschlag einer ballistischen Rakete in einem Wohngebiet, aber operativ zunehmend bedeutsam. Ukrainische Langstreckendrohnen greifen Raffinerien, Treibstofflager, Flugplätze und Logistikzentren tief in Russland an. Ende Juli und Anfang August trafen ukrainische Drohnen mehrere russische Ölraffinerien, darunter Anlagen in Rjasan und im weit entfernten Baschkortostan, außerdem Lager in Kaluga sowie den Militärflugplatz Engels.

Brände und Betriebsunterbrechungen zwingen Russland dazu, Flugabwehr über ein riesiges Territorium zu verteilen, während sich jeder zusätzliche Schutz einer Raffinerie, eines Hafens oder eines Flugplatzes an anderer Stelle als Lücke bemerkbar macht. Die ukrainische Kampagne verursacht dabei auch zivile Opfer. Anfang August meldeten russische Behörden mindestens acht Tote bei ukrainischen Drohnenangriffen in mehreren Regionen, darunter ein Kind bei einem Einschlag nahe einem Spielplatz.

Dieser Teil des Krieges ist nicht sauber, und auch ukrainische Waffen treffen Menschen, die nicht an der Front stehen. Der Unterschied liegt dennoch in der grundsätzlichen Zielsetzung der Kampagne, die sich sichtbar gegen Raffinerien, militärische Flugplätze, Treibstoffversorgung und logistische Knoten richtet, also gegen jene Infrastruktur, mit der Russland den Krieg materiell aufrechterhält.

Russland hat langsamen Erfolg im Donbas

Seit Mitte Juli geraten außerdem Lager des russischen Onlinehändlers Wildberries unter Beschuss. Das Unternehmen ist im zivilen Alltag Russlands von enormer Bedeutung und unterhält eines der größten Logistiknetze des Landes. Nach ukrainischer Darstellung werden über diese Struktur zugleich Güter und Komponenten befördert, die für die Versorgung von Militär und Rüstungswirtschaft relevant sind.

Mehr als ein Dutzend Wildberries-Standorte sollen innerhalb weniger Wochen angegriffen worden sein. Und Im Süden ist die Wirkung der ukrainischen Mittelstrecken- und Langstreckendrohnen noch unmittelbarer. In den besetzten Teilen der Oblaste Cherson und Saporischschja sowie auf der Krim wird nicht nur auf einzelne Depots geschossen, sondern auf das gesamte System, das russische Truppen und die Halbinsel miteinander verbindet. Die dortige Drohnenkriegsführung zermürbt die russischen Truppen zunehmend.

Im Donbas indessen schiebt sich Russland weiter in Richtung des ukrainischen Festungsgürtels. Hier hat Russland weiter langsamen Erfolg.

Die Wahlen könnten eine Verschnaufpause bringen

Indessen richtet sich politisch der Blick auf die Dumawahlen im Herbst. In ukrainischen und westlichen Sicherheitskreisen wird damit gerechnet, dass der Kreml eine weitere größere Mobilisierungsmaßnahme eher nach dem Urnengang als davor anordnen könnte, um die innenpolitischen Kosten nicht unmittelbar in den Wahlkampf zu tragen.

Auch die Ukraine zahlt einen Blutzoll, der sich nicht hinter russischen Verlustzahlen verbergen lässt. Die Ukraine hält stand, aber sie tut es nicht ohne Verluste, und diese Verluste liegen nicht abstrakt.  In der Kiewer U-Bahn steht eine Mutter mit ihrer vielleicht fünfjährigen Tochter an der Hand, die Tränen zurückhaltend, während sie in der anderen das Bild ihres gefallenen Mannes trägt. Das sind Szenen, die hängenbleiben.

Das Bild zeigt eine Kirche in Lemberg, eine Stadt in der Ukraine.
Der Pfarrer Taras Mykhalchuk in der Garnisonskirche der Heiligen Apostel Peter und Paul in Lemberg: Gefallene Ukrainer zur letzten Ruhe begleitet. Foto: JF

Politisch wächst der Druck auf Selenskyj

Nach der Entlassung von Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow gingen in Kiew und anderen Städten Tausende auf die Straße. Viele Demonstranten waren jung, viele wirkten nicht wie mobilisierte Frontsoldaten, sondern wie jene Generation, die noch zwischen zivilem Leben, möglicher Einberufung und wachsender politischer Verantwortung steht.

Das Bild zeigt eine Demonstration in Lemberg, einer Stadt in der Ukraine.
Überwiegend junge Ukrainer demonstrieren gegen Selenskyj und die Militärführung: Große Reformen gefordert. Foto: JF

Sie forderten nicht das Ende des Widerstands, sondern Reformen, eine modernere Armee, eine transparentere Beschaffung und die Wiedereinsetzung Fedorows, der als Architekt der ukrainischen Drohnenentwicklung und als Modernisierer galt. Die Proteste richteten sich gegen Präsident Wolodymyr Selenskyj und gegen ein militärisches System, dem Teile der Öffentlichkeit vorwerfen, zu langsam zu lernen und zu viele Menschen in überkommenen Strukturen zu verbrauchen. Selenskyj ersetzte schließlich den bisherigen Oberbefehlshaber Oleksandr Syrskyj durch Mychajlo Drapatyj, doch die Forderung nach Fedorows Rückkehr blieb bestehen.

Riesiges Wandbild in Kiew ehrt die Armee: Russlands Infrastruktur ist das wichtigste Ziel. Foto: picture alliance/dpa | Kay Nietfeld
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