Anzeige
Anzeige

JF-Reportage aus der Ukraine: „Die Deutschen sind anständige, gute Leute!“

JF-Reportage aus der Ukraine: „Die Deutschen sind anständige, gute Leute!“

JF-Reportage aus der Ukraine: „Die Deutschen sind anständige, gute Leute!“

Die JF begleitet Soldaten der 108. Brigade der Territorialen Verteidigung in der Ostukraine.
Die JF begleitet Soldaten der 108. Brigade der Territorialen Verteidigung in der Ostukraine.
Die JF begleitet Soldaten der 108. Brigade der Territorialen Verteidigung in der Ostukraine. Foto: Vogel
JF-Reportage aus der Ukraine
 

„Die Deutschen sind anständige, gute Leute!“

Der angeblich russische Osten der Ukraine ist anders, als es die Propaganda verbreitet. Zwischen uralten Grabhügeln trotzen in sengender Hitze Menschen dem Drohnenkrieg, die ihre Heimat verteidigen. Ferdinand Vogel berichtet aus der Ukraine für die JF.
Anzeige

„Ich wusste immer, dass die Deutschen anständige, gute Leute sind“, sagt Juri. Er ist ein Veteran der ukrainischen Armee, ein Mann aus dieser Gegend, dessen freundliches Gesicht etwas von der Ruhe jener Menschen besitzt, die schon zu viel erlebt haben, um sich noch wegen jeder Kleinigkeit aufzuregen. Der Satz klingt weniger nach politischer Botschaft als nach einer Feststellung, die er irgendwann für sich getroffen hat. Er hat uns schon im Winter 2025 beherbergt, als wir zusammen mit dem deutschen Kämpfer Tim Schramm bange Stunden und Nächte mit den Soldaten der 108. Brigade, der Wölfe von Samar, in den Stellungen im Raum Saporischschja und Huljajpole verbracht hatten (JF berichtete).

Die Sonne steht beinahe senkrecht über der Oblast Dnipropetrowsk, die Hitze liegt schwer auf den Feldern und drückt selbst durch die Klimaanlage des Autos, während draußen die Steppe vorbeizieht, kilometerweit, manchmal beinahe menschenleer und dann plötzlich wieder unterbrochen von einem jener kleinen Dörfer mit niedrigen Häusern, Gärten und Obstbäumen, deren scheinbare Gemütlichkeit vergessen lässt, dass die Front inzwischen bedrohlich nahegekommen ist, aber auch nur für Minuten, bis wieder eine Ruine oder abgebrannte Tankstelle an uns vorbeizieht. Hier und da sind Soldaten in LKWs zu sehen, die an die Front gekarrt werden. Kurz treffen sich die Blicke eines mittelalten Soldaten, und die unsrigen und wir salutieren ihm aus dem Auto zu und er nickt zurück.

Der Weg führt an einer zerstörten Tankstelle vorbei.
Der Weg führt an einer zerstörten Tankstelle vorbei. Foto: Vogel

Die Straßen werden schlechter, je weiter es hinausgeht. Asphaltflicken liegen auf Asphaltflicken, Schlaglöcher zwingen uns zum ständigen Ausweichen. An den Straßenrändern sitzen alte Frauen unter improvisierten Sonnenschirmen und verkaufen, was hinter ihren Häusern gewachsen ist. Tomaten, Gurken, Kartoffeln, Pflaumen, Äpfel und Aprikosen. Manchmal ein paar Gläser Eingemachtes. Hinter ihnen liegt eine Landschaft, deren Schönheit im August beinahe unverschämt wirkt. Gelbes Gras, tiefgrüne Baumgruppen und Felder bis zum Horizont, darüber ein gewaltiger blauer Himmel, während irgendwo weiter östlich die Artillerie arbeitet und Drohnen nach Menschen suchen.

Der Osten der Ukraine tickt anders

Wir sind in der industriellen Herzkammer der Ostukraine. Dnipro, Hauptstadt der Oblast, war zu sowjetischen Zeiten wegen seiner Raketen- und Rüstungsindustrie eine abgeschottete Stadt und entwickelte sich nach der Unabhängigkeit zu einem der wichtigsten Wirtschafts- und Industriezentren des Landes. Der alte Wohlstand ist noch immer sichtbar, in breiten Straßen und repräsentativen Gebäuden, in Restaurants und einer urbanen Selbstverständlichkeit, die nicht recht zu dem Bild eines verarmten ukrainischen Ostens passen will. Der Krieg hat diese Stadt jedoch transformiert. Sie ist heute eines der großen rückwärtigen Drehkreuze der Verteidigung des Ostens, Versorgungsraum und medizinisches Zentrum, Durchgangsstation für Soldaten auf dem Weg nach vorne und für Verwundete auf dem Weg zurück.

Dass die Kämpfe inzwischen auch die Oblast selbst erreicht haben, spürt man. Und doch ist das Auffälligste zunächst die Normalität. Menschen kaufen Eis, Autos stehen vor Supermärkten, Kinder spielen, und aus offenen Fenstern dringt Musik. Dann biegt man um eine Ecke und sieht die andere Ukraine. Eine ausgebrannte Tankstelle, getroffen von einem russischen Angriff. Ein zerstörtes Lagerhaus. Ein Wohngebäude, aus dessen Fassade mehrere Stockwerke herausgerissen worden sind, so dass dort, wo einmal Küche, Schlafzimmer oder Wohnzimmer lagen, nur noch eine schwarze Öffnung klafft. Es sind diese Übergänge, die den Krieg im Osten so eigentümlich machen. Ein Café ist geöffnet, hinter dem nächsten Häuserblock fehlen Fenster. Auf dem Markt wird Obst verkauft, während über Telegram bereits vor neuen Drohnen gewarnt wird.

Gesprochen wird Ukrainisch, Russisch und sehr häufig Surschyk, jene fließende Mischform beider Sprachen, die sich einer sauberen nationalen Zuordnung schon sprachlich widersetzt. Wer daraus allerdings folgert, hier beginne eigentlich Russland, wird vor Ort enttäuscht. Den prorussischen Separatismus, der in manchen westlichen Debatten noch immer wie eine Deckmalfarbe des ukrainischen Ostens behandelt wird, sucht man zumindest im öffentlichen Leben nahezu vergebens. Stattdessen ukrainische Fahnen, militärische Symbole, Spendensammlungen, Erinnerungsbilder an Gefallene. Sicher gibt es gerade unter älteren Menschen noch Sowjetnostalgie, und selbstverständlich existieren familiäre Bindungen nach Russland, doch aus der Sprache eines Menschen seine politische Loyalität abzuleiten, erweist sich hier einmal mehr als jener grobe Irrtum, den Moskau 2022 mit Panzern überprüfen wollte.

Das Kosakentum erlebt eine Renaissance

Vielleicht ist deshalb das Gespräch mit Oleksander so interessant. Er ist Drohnenkommandeur bei den bekannten Da Vinci Wolves, und wir sprechen mit ihm nicht nur über Technik und Frontverläufe, sondern über etwas, das zunächst beinahe antiquiert klingt. Nämlich die Kosaken.

Der Kosak ist in der ukrainischen Erinnerung längst mehr als eine historische Figur. Gerade hier, im Osten und Süden, besitzt er eine besondere Kraft, weil die Erinnerung an das freie Kosakentum eben keine westukrainische Erfindung ist, erzählt Oleksander. Das Saporoger Kosakentum entstand in dieser Landschaft des unteren Dnipro, zwischen Fluss, Steppe und den politischen Grenzräumen der damaligen Reiche. Oleksander beschreibt, wie diese Vorstellung im Krieg wieder an Bedeutung gewonnen habe: der freie Krieger, der seine Gemeinschaft verteidigt, der sich keinem fernen Herrscher selbstverständlich unterordnet und dessen Freiheit zugleich Verantwortung bedeutet.

Oleksander kommandiert eine Drohneneinheit und sieht sich in der Tradition der Kosaken.
Oleksander kommandiert eine Drohneneinheit und sieht sich in der Tradition der Kosaken. Foto: Vogel

„Jeder kann Kosake sein oder werden“, sagt er. Er selbst identifizierte sich mit dem Mythos kurz nach Kriegsbeginn, ließ sich nach seinem ersten Einsatz den klassischen Haarschnitt schneiden. Ein Trend, den man immer wieder bei ukrainischen Männern beobachtet.Der Kosake ist darin weniger Abstammung als Haltung, erklärt er. Der Mythos bietet einer Gesellschaft, die seit Jahren um ihre staatliche Existenz kämpft, eine historische Erzählung. Das erklärt auch, weshalb die verbreitete Vorstellung vom „russischen Osten“ der Ukraine inzwischen so wenig trägt. „Ich bin mir sicher, dass wir gewinnen werden und die Geschichte der Kosaken eine Erfolgsgeschichte sein wird“, sagt Oleksander.

Unscheinbare Hügel bergen historisches Erbe

Auf dem Land bedeutet Heimat das Haus der Eltern, den Garten, das Stück Land hinter dem Zaun, die Gräber der Familie auf dem Dorffriedhof. Es ist eine sehr bodenständige Form des Patriotismus. Gerade deshalb ist die Beharrlichkeit der Bewohner bemerkenswert, ohne dass man sie romantisieren sollte. Der Blutzoll ist hoch. Fast jeder kennt jemanden, der dient, verwundet wurde oder nicht zurückkam. Auf Dorffriedhöfen stehen ukrainische Fahnen neben neuen Gräbern. Junge Männer fehlen. Familien leben getrennt. Wer hier nur heroischen Widerstand sehen möchte, sieht ebenso wenig wie derjenige, der den Osten weiterhin als heimlich russisches Land betrachtet. Es ist eine erschöpfte Gesellschaft, die sich dennoch verteidigt.

Am Ende unserer Reise lenkt Juri den historischen Blick noch weiter zurück als bis zu Kosaken, Sowjetunion oder russischem Imperium. Am Rand der Straße weist er auf unscheinbare Erhebungen in der Landschaft, jene alten Hügel, die in der Pontischen Steppe seit Jahrtausenden stehen und unter denen sich Gräber und archäologische Fundstücke verbergen können. Einige solcher Kurgane werden mit den Kulturen der Kupfer- und frühen Bronzezeit verbunden. Juri spricht von der Jamnaja-Kultur und davon, dass unter diesen Feldern ein Teil der Vorgeschichte Europas liege.

Veteran Juri hat eine hohe Meinung von den Deutschen.
Veteran Juri hat eine hohe Meinung von den Deutschen. Foto: Vogel

Diesmal ist die große Erzählung keine bloße patriotische Überhöhung. Die Archäogenetik hat unser Bild dieser Landschaft in den vergangenen Jahren tatsächlich verändert. Die Jamnaja-Kultur breitete sich vor rund 5.000 Jahren aus der Pontisch-Kaspischen Steppe weit nach Europa aus und veränderte dessen genetische Landschaft tiefgreifend. Neuere Genomstudien verorten entscheidende Vorläuferpopulationen entlang von Dnipro und Don sowie weiter östlich bis zum unteren Wolgagebiet. Von hier aus gingen Wanderungsbewegungen aus, deren genetische Spuren in großen Teilen Europas bis heute nachweisbar sind und die wahrscheinlich auch mit der Verbreitung indoeuropäischer Sprachen verbunden waren.

Steppe der Ukraine war immer europäisch-asiatischer Durchgangsraum

Plötzlich bekommen diese unscheinbaren Hügel zwischen den Feldern etwas Monumentales. Jahrtausende bevor es eine Ukraine oder ein Russland gab, bevor Kosaken über die Steppe ritten und lange bevor irgendein moderner Staat seine Grenzen auf Karten zeichnete, bewegten sich hier Menschen zwischen Westasien und Europa, vermischten sich, wanderten weiter und hinterließen einen Teil ihrer Abstammung in späteren europäischen Bevölkerungen. Die Steppe, über die heute Drohnen fliegen, war schon damals Durchgangsraum und Heimat zugleich.

Kleine Hügel prägen die Landschaft der Ostukraine.
Kleine Hügel prägen die Landschaft der Ostukraine. Foto: Vogel

Zum Abschied wartet Juris Frau mit Geschenken für uns. Es wird gedrückt, gelacht, noch etwas mitgegeben, obwohl man längst erklärt hat, dass das wirklich nicht nötig sei. Juri wiederholt beinahe nebenbei seine Sympathie für die Deutschen und wünscht uns „die Kraft eines Löwen“.

Die JF begleitet Soldaten der 108. Brigade der Territorialen Verteidigung in der Ostukraine. Foto: Vogel
Anzeige
Anzeige

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
aktuelles