JERUSALEM. Der israelische Außenminister Gideon Sa’ar hat den deutschen Botschafter in Tel Aviv, Steffen Seibert, am Sonntag scharf kritisiert. Seibert leide an einer „Obsession mit Juden, die in Judäa und Samaria leben“, schrieb Sa’ar bei X. Judäa und Samaria ist die historische Bezeichnung für das Westjordanland, das Deutschland als israelisch besetzt ansieht, wo aber hunderttausende Israelis wohnen – nach deutscher Auffassung völkerrechtswidrig. „Gut zu wissen, dass bald ein neuer Botschafter herkommt – einer, der die israelisch-deutschen Beziehungen stärken wird“, fügte Sa’ar hinzu.
Mit seiner Kritik bezieht sich Sa’ar auf einen vorhergehenden X-Beitrag Seiberts. Darin hatte sich der Deutsche empört darüber gezeigt, dass ein Israeli im Krieg mit der Hisbollah in Nordisrael ums Leben gekommen und iranisches Raketenfeuer hunderte Zivilisten in Zentral- und Südisrael verletzt hatte. Im selben Beitrag ging er aber auch auf „gewalttätige Ausschreitungen von Siedlern in palästinensischen Dörfern“ ein, die eine „parallele Realität“ darstellten.
Sa’ar kritisierte vor diesem Hintergrund, Seibert falle es sehr schwer, „Angriffe auf Israelis zu verurteilen, ohne zugleich die Palästinenser zu erwähnen“. Der Israeli warf dem Deutschen zudem vor, den Tod eines Juden nicht verurteilt zu haben, der von Palästinensern verursacht worden sei.
Ambassador Seibert finds it very difficult to condemn attacks against Israelis without bringing up the Palestinians.
His obsession with Jews living in Judea and Samaria prevents him from even condemning the death of a Jew caused by a Palestinian.
Good to know that a new… https://t.co/w5pYWhplYr— Gideon Sa’ar | גדעון סער (@gidonsaar) March 22, 2026
Israelisches Außenministerium legt nach
Damit bezog sich Sa’ar mutmaßlich darauf, dass am Samstag ein 18jähriger Siedler bei einem Zusammenstoß mit einem palästinensischen Auto im Westjordanland ums Leben gekommen war. Es wird untersucht, ob es sich um einen gezielten palästinensischen Terroranschlag gehandelt hat. Nach dem Vorfall brachen extremistische Siedler in palästinensische Dörfer ein und steckten Gebäude und Autos in Brand.
Seibert verteidigte sich noch am Sonntag bei X gegen die Anwürfe Sa’ars. Er wies darauf hin, dass er die iranischen Angriffe auf israelische Zivilisten verurteilt habe. „Deutschland ist hier ganz klar. Wir stehen in dem Krieg an der Seite Israels.“ Allerdings wies der Botschafter erneut im selben Atemzug darauf hin, dass auch „Siedlergewalt uns sehr besorgt“.
Daraufhin schaltete sich der offizielle Account des israelischen Außenministeriums mit einer weiteren Schelte für Seibert ein. „Sie sind kontinuierlich daran gescheitert, echtes Mitgefühl mit Israelis zu zeigen“, schrieb das Ministerium. Seibert habe mit seinem Beitrag Juden, die im Westjordanland lebten, „verunglimpft“ und das Raketenfeuer auf Israelis mit „politisch kriminellen Randgruppen“ in Israel „gleichgesetzt“.
Seibert übergibt bald an Lambsdorff
Seibert ist seit 2022 Botschafter in Israel. Er trat den Posten an, nachdem er seinen Job als Regierungssprecher Angela Merkels mit der Demission der Kanzlerin aufgeben musste. Demnächst übergibt er die Botschaft an den FDP-Politiker Alexander Graf-Lambsdorff, der derzeit Botschafter in Moskau ist und nach Tel Aviv rotiert. Israelis fiel Seibert in seiner Zeit als Botschafter dadurch positiv auf, dass er sich bemühte, Hebräisch zu lernen, in vorbereiteten Videos dann auch Hebräisch sprach und Interesse an Land und Leuten bekundete.
Rechten Israelis war ein Dorn im Auge, dass er wiederholt auch Israels Politik kritisierte. 2023 tat die israelische Regierung offiziell Protest gegen ihn kund, weil er als Zuschauer an einer Sitzung des Obersten Gerichts teilnahm, in der dieses sich mit der umstrittenen Justizreform der Netanjahu-Regierung befasste. Das wurde als Einmischung in die inneren Angelegenheiten Israels verstanden.
Das Problem der „Siedlergewalt“ beschäftigt Israel schön länger. Immer wieder kommt es vor, dass Siedler auf eigene Faust gewalttätig gegen Palästinenser vorgehen. Die Angriffe haben in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Kritiker behaupten, der israelische Staat unternehme dagegen zu wenig. Die israelische Regierung bestreitet das. Siedler selbst weisen zudem darauf hin, der Begriff „Siedlergewalt“ sei problematisch, weil er Siedler grundsätzlich mit Gewalt in Verbindung bringe. (ser)





