FRANKFURT. Der Chef der Internationalen Energieagentur hat angesichts des Krieges im Nahen Osten vor einer historischen Erschütterung der globalen Energieversorgung gewarnt. IEA-Direktor Fatih Birol sieht die Welt vor der „größten Bedrohung der Energiesicherheit in der Geschichte der Menschheit“. Birol begründete das mit massiven Ausfällen bei Öl und Gas sowie mit den Folgen für zentrale Handelsrouten. Schon jetzt fehlten weltweit elf Millionen Barrel Öl pro Tag.
Das sei mehr als bei den Ölkrisen von 1973 und 1979 zusammen. Damals habe der Ausfall bei insgesamt zehn Millionen Barrel täglich gelegen.
Im Gassektor beliefen sich die Verluste im Mittleren Osten auf 140 Milliarden Kubikmeter und damit auf fast das Doppelte der Einbrüche nach Ausbruch des Ukraine-Krieges. Besonders kritisch sei die Lage rund um die Straße von Hormus. Über diese Route würden nicht nur Öl und Gas transportiert, sondern auch Dünger, Schwefel und Helium. Birol sprach von den „Hauptarterien der Weltwirtschaft“, die inzwischen nahezu lahmgelegt seien. Selbst bei einer raschen Entspannung werde die Krise nachwirken. Stillgelegte Förderfelder könnten nach seinen Worten erst nach bis zu sechs Monaten wieder in Betrieb gehen.
IEA griff bereits auf strategische Reserven zu
Nach Angaben Birols hat die IEA bereits 400 Millionen Barrel aus strategischen Reserven freigegeben. Das entspreche 20 Prozent der Bestände. Weitere Maßnahmen schloss er nicht aus. Zugleich rief er dazu auf, den Verbrauch zu senken. Die Bevölkerung müsse weniger fahren, Homeoffice stärker nutzen und sparsamer mit Energie umgehen.
Neue Förderprojekte in Europa seien dagegen keine kurzfristige Antwort. Selbst wenn sofort mit neuen Erkundungen begonnen werde, dauere es nach Birols Einschätzung zehn Jahre, bis zusätzliches Öl tatsächlich auf den Markt komme.
Scharfe Kritik übte der IEA-Chef an der deutschen Energiepolitik. Deutschland habe mit dem Abschalten seiner Kernkraftwerke einen strategischen Fehler begangen. „Die Situation wäre heute nicht so schlimm, wenn Deutschland die Kraftwerke noch hätte“, sagte Birol. Seit fast 20 Jahren weise er darauf hin, „wie eine kaputte Schallplatte“.
Birol verweist auf Mini-Atomkraftwerke
Mit Blick auf die Zukunft sieht der IEA-Chef in modularen Kleinreaktoren eine mögliche Entlastung. Diese könnten Anfang der 2030er Jahre marktreif werden. Zugleich forderte er, aus der aktuellen Lage ähnliche Konsequenzen zu ziehen wie nach den Ölkrisen der 1970er Jahre. Als Beispiel nannte er den deutlich gesunkenen Benzinverbrauch von Autos infolge der damaligen Umbrüche. (rr)






