BERLIN. Der israelische Botschafter in Deutschland, Ron Prosor, hat scharfe Kritik geäußert – und zwar nicht an Vorgängen in Deutschland, sondern an einem Minister seiner eigenen Regierung. „Ich möchte dies klar verurteilen“, sagte er dem israelischen Sender Kan mit Blick auf Äußerungen von Finanzminister Smotritsch.
Smotritsch hatte am Montagabend via X eine scharfe Attacke auf Bundeskanzler Friedrich Merz geritten. „Wir werden keine Anweisungen von heuchlerischen Führern in Europa akzeptieren, einem Kontinent, der erneut sein Gewissen und seine Fähigkeit verliert, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden“, schrieb der Minister.
Merz solle „sein Haupt neigen“
Merz solle am Vorabend des Holocaust-Gedenktages „sein Haupt neigen und sich tausendmal im Namen Deutschlands entschuldigen, anstatt es zu wagen, uns Moralpredigten darüber zu halten, wie wir uns gegenüber den Nazis unserer Generation verhalten sollen“, führte der scharf rechte Politiker weiter aus. Israel beging zwischen Montagabend und Dienstagabend sein jährliches nationales Schoah-Gedenken.
Mit seinem Angriff nahm Smotritsch auf einen X-Beitrag des Kanzlers Bezug. Darin hatte er sich am Montag „zutiefst besorgt“ über die Entwicklung in den palästinensischen Gebieten gezeigt. „Ich habe in meinem Telefonat mit Premierminister Benjamin Netanjahu deutlich gemacht: Es darf keine De-facto-Annexion des Westjordanlandes geben.“

„Dinge völlig verzerrt“
Botschafter Prosor äußerte nun, es sei legitim, mit den Deutschen zu diskutieren, insbesondere am Holocaust-Gedenktag. „Doch solche Äußerungen verfälschen die Erinnerung an den Holocaust und stellen die Dinge völlig verzerrt dar.“
Zwar gebe es politische Debatten, jedoch sei Merz „ein großer Freund“ Israels. „Vieles, was Deutschland tut, ist für uns inakzeptabel, und vieles, was wir tun, ist für sie inakzeptabel.“ Jedoch habe Deutschland auch angesichts der sonstigen Kritik am jüdischen Staat in Europa bewiesen, „dass es unser wichtigster Freund ist“.
Prosor ist selbst kein Leisetreter
Prosor gilt selbst als Mann der klaren Worte. So hatte er erst jüngst dem Menschenrechtsbeauftragten der Bundesregierung, Lars Castellucci (SPD), „arrogante Belehrungen“ gegenüber Israel vorgeworfen, nachdem dieser die geplante Ausweitung der Todesstrafe kritisiert hatte.
Smotritsch wiederum gilt als Rechtsausleger in der israelischen Politik, der seine Zunge selten im Zaum hält. Netanjahu hat ihn in sein Kabinett und sogar ins Sicherheitskabinett geholt, weil er für die Koalitionsmehrheit auf dessen Partei angewiesen ist. In aktuellen Umfragen rangiert Smotrichs Partei rund um die 3,25-Prozent-Hürde und könnte daher bei den Knesset-Wahlen im Oktober den Wiedereinzug ins Parlament verfehlen. (ser)






