Ihren alten Tory-Kollegen gilt Suella Braverman als schrille Rechtsauslegerin – nun ist sie zu Nigel Farages Partei Reform UK übergetreten und fühlt sich zu Hause. Mehrfach sorgte die konservative Hardlinerin für blankes Entsetzen. Als Großbritanniens Innenministerin von 2022 bis 2023 (unter Liz Truss und Rishi Sunak) schwärmte sie etwa wörtlich davon, mit einem Deportationsflug nach Ruanda die Titelseite des Daily Telegraph zu füllen und warf der Polizei vor, nicht hart genug gegen pro-palästinensische Linksextremisten vorzugehen, was schließlich zu ihrer Entlassung führte. Ihre Äußerungen veranlaßten den Guardian, ihr den Titel „Das Gesicht des grausamen Britanniens“ zu verleihen. Doch zugleich gehen etwa die beispiellosen Einwanderungsrekorde auf ihre Amtszeit zurück. Wieviel echte Überzeugung steckt also in Farages jüngster hochrangiger Überläuferin?
Braverman: „Ich kann nicht behaupten, Engländerin zu sein“
„Wenn dir im Kabinett niemand zustimmt, kommst du nicht weiter“, rechtfertigte sie sich eine Woche nach dem Unterhaus-Wahldebakel im Juli 2024 gegenüber den Nachrichtensender GBNews. Und erinnerte sich daran, wie Premier Boris Johnson extra eine Gesetzesänderung angeregt hatte, damit sie 2019 als Generalstaatsanwältin von England und Wales in Mutterschaftsurlaub gehen konnte. Das artete allerdings in einer Debatte aus, ob von „Frauen“ oder „schwangeren Personen“ im betreffenden Dokument die Rede sein sollte. „Es war die Art der Diskussion, die ich über ein scheinbar völlig unkontroverses Thema führen mußte.“
Dem Konservatismus hatte die 1980 in London (als Sue-Ellen Cassina) geborene Tochter indischer Einwanderer schon in ihrer Jugend die Treue geschworen. Bereits als 17jährige gewann sie an ihrer Privatschule eine Wahlsimulation als Tory-„Kandidatin“. Ihr damaliges Vorbild war Rhodes Boyson, Sozialminister unter Margaret Thatcher und ein Scharfmacher, der etwa Aids die „Frucht einer freizügigen Gesellschaft“ nannte. In Cambridge lernte sie als Jurastudentin einen weiteren späteren Überläufer kennen, Robert Jenrick, Ex-Migrationsminister der Konservativen, der Mitte Januar zu Reform UK stieß.
Braverman will „dem Verrat und den Lügen der Torys ein Ende setzen“
Nach ihrer Wahl ins Unterhaus 2015 profilierte sich Braverman frühzeitig als Verfechterin eines „harten“, kompromißlosen Brexits. Als Ministerin warb sie vergeblich für den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Menschenrechtskonvention. Und in einem Telegraph-Gastbeitrag verteidigte sie den ethnisch-kulturellen Volksbegriff: „Ich kann nicht behaupten, Engländerin zu sein und sollte das auch nicht. Das ist nicht ausgrenzend, sondern ehrlich.“
Eine Kompromißlosigkeit, die im Kontrast zu ihrer Persönlichkeit steht. „Sie war immer sehr nett“, betont Labour-Oberhausmitglied Charles Falconer gegenüber dem Guardian. Und eine ehemalige Weggefährtin bescheinigte ihr in der BBC „Herzlichkeit und Optimismus“. Offenbar gehört auch Treue zu ihren Charaktereigenschaften, denn noch 2024 hoffte Braverman auf einen Gesinnungswandel ihrer Kollegen: „Ich will, daß meine Partei versteht, wo wir falsch abgebogen sind.“
Davon aber ist nichts mehr zu spüren. Daher will sie nun „dem Verrat und den Lügen der Torys ein Ende setzen“, die sie anklagt, „keinen Mut, kein Rückgrat und keine Entschlossenheit“ zu haben. Die Tories verabschiedeten ihre langjährige Hardlinerin mit kaum versteckter Verachtung: „Wir taten alles, um auf ihre psychische Verfassung zu achten, aber sie war offensichtlich sehr unglücklich.“ Nett war gestern.






