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Kunstausstellung: Turner und Constable – Poesie gegen Wahrheit

Kunstausstellung: Turner und Constable – Poesie gegen Wahrheit

Kunstausstellung: Turner und Constable – Poesie gegen Wahrheit

Zwei Mädchen stehen vor einem Gemälde – es handelt sich um Besucher der Turner-Constable-Ausstellung in London
Zwei Mädchen stehen vor einem Gemälde – es handelt sich um Besucher der Turner-Constable-Ausstellung in London
Zwei Besucher der Turner-Constable-Ausstellung in London betrachten ein Gemälde. Foto: IMAGO / ZUMA Press Wire
Kunstausstellung
 

Turner und Constable – Poesie gegen Wahrheit

Turner und Constable prägten die Landschaftsmalerei der Romantik – und standen doch ihr Leben lang im Wettbewerb. Zeitgenossen sahen in ihnen Gegensätze wie Feuer und Wasser. In London zeigt die Tate Britain nun eine große Doppelausstellung der beiden.
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Zwei Malergenies, die ihr Leben lang Rivalen waren. Zeitgenössische Kunstkritiker stellten J.M.W. Turner und John Constable gerne als gegensätzliche Naturgewalten dar. Wie „Feuer und Wasser“ verhielten sich die beiden. Turner sei der Meister des Lichts, der Hitze, des weiten Himmels voll glühender Sonne. „Die Sonne ist Gott“, soll Turner zu seinem Lebensende gesagt haben.

Und Constable, der Sohn eines Mühlenbesitzers, bekannte selbst, wie sehr ihn alles Feuchte, die Bäche und Flüsse, die modrigen Ufer, Mühlenwehre, Seen und Wolken anzogen. Seine Farbigkeit war oft dunkler, pastoser. Kunstkritiker der Zeit waren begeistert davon, die beiden als Gegensatzpaar zu porträtieren. Mister Constables Arbeiten stünden im stärksten Kontrast zu denen von Mister Turner, schrieb ein Autor des London Magazine 1829. Beim ersteren (Constable) sei „alles Wahrheit“, beim zweiteren (Turner) „alles Poesie“. „Der eine ist Silber, der andere Gold.“

Die beiden Romantiker, die im Abstand von nur wenige Monaten geboren wurden, standen ihr Leben lang in scharfer Konkurrenz zueinander, sie waren sich aber in vieler Hinsicht auch erstaunlich ähnlich. Den meisten heute gilt Turner (1775–1851), der Visionär, der den Weg in die Abstraktion wies, als der größere Künstler. Doch auch Constable (1776–1837) ist unbestritten ein genialer Künstler, dessen Landschaftsbilder in eine höhere Dimension stießen. Im 250. Geburtsjahr der beiden zeigt die Tate Britain in London sie erstmals in einer großen Doppel-Ausstellung und lädt zum direkten Vergleich ein, den beide mit Bravour bestehen.

Der exzentrische Turner wurde ein Star der britischen Kunstszene

Mit 170 Ölgemälden und Aquarellen ist es eine gewaltige Ausstellung. Zu den Höhepunkten zählen Turners monumentales Gemälde „Der Brand des Ober- und Unterhauses“ von 1834, das dem Cleveland Museum gehört und in Britannien seit über hundert Jahren nicht zu sehen war, oder Constables „Das weiße Pferd“ (1819), mit dem er erstmals ein breitformatiges „Sechs-Füßer“-Gemälde wagte, die auf den jährlichen Ausstellungen der Royal Academy für Aufmerksamkeit sorgten. Und auch heute reagiert das Publikum wieder begeistert auf diese Großformate voll Kraft und Energie.

Der Brand des Ober- und Unterhauses“ von Joseph Mallord William Turner, 1834.
Der Brand des Ober- und Unterhauses“ von Joseph Mallord William Turner, 1834. Foto: Gemeinfrei

Turners Karriere begann früher und steiler als Constables. Als Sohn eines Perückenmachers im Londoner Stadtviertel Covent Garden geboren, hatte er schon als Junge erste Aquarelle gemalt, die sein stolzer Vater im Friseursalon ausstellte. Er wurde mit nur 14 Jahren als Schüler in die Royal Academy aufgenommen, die ihn mit 24 Jahren zum assoziierten Mitglied ernannte und mit 27 Jahren zum Professor beförderte. Der exzentrische Turner wurde ein Star der britischen Kunstszene, ungemein produktiv (allein auf den Jahresausstellungen der Royal Academy zeigte er 256 Öl- und Aquarellwerke, hinzu kamen etwa 900 Drucke) und ungemein innovativ.

Constables künstlerische Karriere entwickelte sich langsamer, mühevoller. Der Sohn eines Müllers und Getreidehändlers aus dem ländlichen Suffolk, Südost-England, begann erst mit 23 Jahren an der Royal Academy, sich mit dem Pinsel zu üben, konnte erst mit 26 erstmals dort ein Werk ausstellen, wurde von der Presse später entdeckt, erst mit 43 als Mitglied in die Akademie aufgenommen. Sein Œuvre ist kleiner.

War Constable nicht auf Reisen, lebte er in seiner Werkstatt

Während Turner begeistert durch halb Europa reiste, sobald es ihm möglich war, in Frankreich, der Schweiz und besonders in Italien die Landschaften, Gebirge, die Sonne über dem Meer studierte, blieb Constable der englischen Heimat verbunden. Privat hatte er vielleicht mehr Glück, aber auch mehr Unglück als Turner.

Aus seiner Ehe gingen sieben Kinder hervor, doch mit 52 Jahren verlor er seine Frau Maria. Der Witwer Constable wurde vollends zum Melancholiker, er hat sich vom Schicksalsschlag nie richtig erholt. Turner, der Eigenbrötler und Choleriker, heiratete dagegen nie, die Mutter seiner zwei Töchter blieb allein, er besuchte die Kinder selten. War er nicht auf Reisen, verbrachte er viel Zeit zurückgezogen in seiner Werkstatt in der Queen Anne Street; das Atelier war mit Leinwänden komplett zugehängt, sogar ein Leck im Dach damit gestopft.

Rembrandt beeinflußte sie

Schon Turners frühes Selbstporträt von 1799 zeigt ihn mit einem sehr selbstbewussten, hypnotisierenden Blick, der den Besucher direkt anstarrt. Es hängt im ersten Raum der Tate-Schau. Daneben Turners romantische Darstellung von Dolbadarn Castle in Wales. Beide, sowohl Turner wie auch Constable, waren vom französischen Barockmaler Claude Gelée, genannt Lorrain, fasziniert; teils haben sie Claudes antikisierende, in goldenes Licht getauchte Landschafts- und Architekturdarstellungen kopiert.

Joseph Mallord William Turner, Selbstporträt, Öl auf Leinwand, ca. 1799.
Joseph Mallord William Turner, Selbstporträt, Öl auf Leinwand, ca. 1799. Foto: Gemeinfrei

Auch von Rembrandt und anderen Niederländern waren sie beeinflusst. Turner ließ sich von Rembrandt zu nächtlichen Seestücken anregen, Constable liebte die Windmühlen. Aber sie gingen dann ihre eigenen Wege.

„He has been here and fired a gun“

Das Spannungsverhältnis der Maler illustriert eine berühmt gewordene Anekdote: In der Sommerausstellung der Royal Academy 1832 präsentierten sie beide neue große Werke. „The Opening of Waterloo Bridge“ von Constable war ein monumentales, ausdrucksstarkes Gemälde, an dem er mehr als ein Jahrzehnt gearbeitet hatte. Direkt daneben hing Turners „Helvoetsluys“, ein Seestück mit mehreren Schiffen mit hellen Segeln, das relativ monochrom wirkte. Am „Varnishing Day“ – dem Tag vor der offiziellen Eröffnung, an dem Künstler letzte Korrekturen vornehmen durften – soll Turner spontan den Pinsel genommen und einen kräftigen roten Farbklecks in sein Bild gemalt haben (der später als rote Boje interpretiert wurde).

„The Opening of Waterloo Bridge“ von John Constaple, 1832.
„The Opening of Waterloo Bridge“ von John Constable, 1832. Foto: Gemeinfrei

Turner lenkte damit die Aufmerksamkeit auf sein Werk. Als Constable dies sah, soll er einem Kollegen zugerufen haben: „He has been here and fired a gun.“ („Er war hier und hat einen Schuss abgefeuert.“) Der Überlieferung zufolge soll Constable das Vorgehen Turners als Sabotageakt empfunden haben. Die Tate Britain scheibt eher abwägend: „Turners roter Pinselstrich könnte sowohl ein Zeichen der Rivalität als auch der Verbundenheit gewesen sein – vielleicht das größte Kompliment und der größte Ausdruck der Anerkennung, den Constable erhalten konnte.“

Ob sich der Vorfall freilich überhaupt so zugetragen hat, ist historisch nicht eindeutig belegt. Einige kunsthistorische Darstellungen und Künstlerbiographien schildern ihn jedoch. Der preisgekrönte Spielfilm „Mr. Turner – Meister des Lichts“ (2014), der in Cannes ausgezeichnet wurde, inszeniert die Szene dramatisch. Hauptdarsteller Timothy Spall spielt darin einen mürrischen, eigensinnigen Turner, was wohl dessen Charakter gut widerspiegelt. Die Engländer lieben ihren Turner so sehr, dass sie ihn auf der 20-Pfund-Note abgebildet haben. Zurück zur Londoner Ausstellung: Eines der großartigsten dort gezeigten Gemälde ist Turners „Schneesturm. Hannibal und seine Armee überqueren die Alpen“.

Dampf und Himmel steigern sich zu eigenständigen Qualitäten

Ein monumentales Werk. Der düstere Himmel mit schwarzen Wolken bricht schmetternd auf die Berge, über die ameisenhaft Hannibals Truppen krabbeln. Die Naturgewalten beherrschen dieses Chaos. Für Turner wie Constable waren sie das Lebensthema: „Der Himmel beherrscht alles“, meinte Constable, der in Dutzenden Öl-Studien das schnelle Spiel der Wolken festzuhalten versuchte.

Der späte Turner erging sich in seinen Landschaften in elementaren Visionen: Sonne, Licht, Wasser, Wellen, Dampf und Himmel steigern sich zu eigenständigen Qualitäten, sie lösen sich von den Gegenständen, transzendieren sie. Damit wurde er ein Vorläufer der Impressionisten und der abstrakten Malerei.

Aus der JF-Ausgabe 10/26.

Zwei Besucher der Turner-Constable-Ausstellung in London betrachten ein Gemälde. Foto: IMAGO / ZUMA Press Wire
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