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Traditionsreiche Tagung: Europas Rechte zu Gast in Paris

Traditionsreiche Tagung: Europas Rechte zu Gast in Paris

Traditionsreiche Tagung: Europas Rechte zu Gast in Paris

Auf dem Podium des Colloque 2026 in Paris diskutiert Buchautor Martin Sellner mit Nicolas Boutin vom Magazin „Valeurs actuelles“ und Matisse Royer von den französischen Identitären. Foto: JF
Auf dem Podium des Colloque 2026 in Paris diskutiert Buchautor Martin Sellner mit Nicolas Boutin vom Magazin „Valeurs actuelles“ und Matisse Royer von den französischen Identitären. Foto: JF
Auf dem Podium des Colloque 2026 in Paris diskutiert Buchautor Martin Sellner mit Nicolas Boutin vom Magazin „Valeurs actuelles“ und Matisse Royer von den französischen Identitären. Foto: JF
Traditionsreiche Tagung
 

Europas Rechte zu Gast in Paris

Großer Andrang, viele junge Gäste und ein zentrales Thema: Bei der Konferenz des Instituts Iliade in Paris tauschen sich Künstler, Schriftsteller und Verleger aller Couleur über die Zukunft Europas aus. Die JF ist mittendrin.
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Eine Menschenschlange zieht sich über die Rue Saint-Dominique im Herzen von Paris; trotz des etwas bewölkten Himmels ist es an diesem Samstag frühlingshaft warm. Man kennt solche Veranstaltungen der politischen Rechten auch aus Deutschland. Hier in Frankreich fallen bereits zum Beginn des 13. Colloqiums des Instituts Iliade sogleich zwei wichtige Unterschiede ins Auge: Es gibt keine Gegenproteste weit und breit, nicht einmal einen Antifa-Fotografen, der die Besucher abfotografiert.

Und das Publikum ist anders: Es handelt sich, völlig wertfrei gesagt, offensichtlich zu großen Teilen um Personen eines sehr wohlhabenden und gebildeten Bürgertums. Das erkennt man an der vornehmen Kleidung, an den teuren Uhren und daran, dass ein Mann im schwarzen Herrenmantel den Wartenden eine Einladung zu einer selbstorganisierten Aufführung der Wagner-Oper Tristan und Isolde in die Hände drückt.

Dann ist da der Veranstaltungsort selbst, Maison de la Chimie, ein klassizistischer Bau in Sichtweite des Eifelturms. Das Publikum ist auffallend jung. Ebenso fällt auf, dass zwar bei den älteren Semestern die Männer überwiegen, das Verhältnis von Männern und Frauen bei den unter 40jährigen sich aber einem Gleichgewicht annähert.

Gegründet wurde das Institut Iliade im Jahr 2014, in Angedenken an den französischen rechten Autoren und Historiker Dominique Venner. Ein Jahr zuvor hatte er sich in der Kathedrale von Notre Dame das Leben genommen, als Zeichen des Protests gegen Entwicklungen, die er als Zeichen des Niedergangs von Europa empfand und deutete. Seitdem schult das Institut den politischen und intellektuellen Nachwuchs des Landes, veröffentlicht Bücher und lädt jedes Jahr im April Gäste aus ganz Europa nach Paris ein.

In Paris steht der europäische Gedanke im Mittelpunkt

Und tatsächlich – auf den Gängen, in den Sälen und auf dem großen Podium finden sämtliche Spielarten von Kunst und Kultur statt: Malerei, Theater, Literatur und Musik. Eine kleine Galerie wartet mit Gemälden auf. Musiker bieten immer wieder traditionelle Stücke mit Gitarre, Violine und sogar Dudelsack dar. Und auf der großen Bühne wird scheibchenweise Theater aufgeführt.

Auch Kunst ist in den Gängen der Maison de Chimie in Paris zu finden. Foto: JF
Auch Kunst ist in den Gängen der Maison de Chimie in Paris zu finden. Foto: JF

Auch Vorträge gibt es dabei. Dieses Jahr lautet das Oberthema „Freiheit“. Dazu sprechen unter anderem der Romanautor Laurent Obertone, die Leiterin der identitären Frauengruppe Collectif Nemesis, Alice Cordier und der rechte Theoretiker und ehemalige EU-Abgeordnete Jean-Yves Le Gallou. Auch der Kopf der Identitären Österreichs, Martin Sellner ist vor Ort und debattiert unter anderem mit einem Journalisten des Magazins Valeurs Actuelles, Nicolas Boutin.

Der Zustrom ist beachtlich, teils steht man im stickigen Hauptsaal dicht an dicht. Von einem „großen Andrang“ sprechen die Veranstalter. Die Zeit will an die 1.000 Teilnehmer ausgemacht haben und beruft sich dabei auf einen französischen Politologen – für ein Kulturfest dieser Kategorie ist das nicht wenig. Nicht zuletzt habe der Mord am identitären Studenten Quentin durch Linksextreme aus dem Umfeld der Partei La France insoumise (JF berichtete) vielen der auf dem Kolloquium vertretenen Austellern neuen Zulauf beschert. Das Ereignis habe die Leute wachgerüttelt und gleichzeitig neugierig gemacht, schildert etwa eine Frau am Stand der rechten Fraueninitiative „Nemesis“.

Obwohl nur einen Steinwurf weit von der Französischen Nationalversammlung entfernt, hört man neben der Landessprache auch Italienisch, Englisch, Spanisch, Serbisch und Deutsch. Selbst ein Aussteller aus Norwegen hat sich eingefunden, um die Schriften des Polarforschers Fridtjof Nansen zu bewerben. Das ist kein Zufall, steht der europäische Gedanke – einstmals eine linke Domäne – doch im Zentrum des Kolloquiums. Immer wieder wird in den Vorträgen auf die Einheit der europäischen Völker vor den drängenden Problemen der Zeit hingewiesen.

Viele Akteure kommen aus dem Forschungsinstitut Grece

Das schlägt sich inzwischen auch im Diskurs nieder: Martin Sellners Buch „Remigration“ etwa findet sich in vielerlei Übersetzungen auf den Auslagen der Stände wieder. Der französische Philosoph Jean-Yves Gallou – ein Vordenker der Nouvelle Droite – hat mit „Remigration: Pour l’Europe de nos enfants“ ein „Begleitwerk“ zu Sellners Ideen geschrieben, wie er der JUNGEN FREIHEIT am Signiertisch erläutert. „Es war mir wichtig zu zeigen, dass Remigration immer wieder in der Geschichte Europas vorkam und bisher ein ganz normaler Prozess war.“ Doch der Zusammenhalt der Europäer untereinander sei in den vergangenen Jahrzehnten so stark geschwunden, dass die Forderung absurd erscheine.

Der Philosoph Jean-Yves le Gallou gehört zu den Vordenkern der Nouvelle Droite: „Wir brauchen einen neuen europäischen Gemeinschaftssinn.“ Foto: JF
Der Philosoph Jean-Yves le Gallou gehört zu den Vordenkern der Nouvelle Droite: „Wir brauchen einen neuen europäischen Gemeinschaftssinn.“ Foto: JF

„Die Migranten sind Kommunitaristen in pragmatischer Hinsicht. Wir sind es nicht“, kommentiert er knapp. Einen neuen europäischen Gemeinschaftssinn, das nennt er sein Fernziel. „Entweder uns gelingt dieses Vorhaben oder dem Kontinent stehen schwere Zeiten bevor.“

Mit der Anwesenheit Gallous gibt es sogleich auch einen Fingerzeig in die Vergangenheit. Der heute 77jährige war Ende der 60er Jahre dem rechten Forschungsinstitut Groupement de recherche et d’études pour la civilisation européenne (Grece) beigetreten. Grece gilt als inoffizielles Vorgängerprojekt des Instituts Iliade und verfolgte im Endeffekt ähnliche Konzepte und Arbeiten. Auch viele Akteure des Instituts kommen aus dieser Verbindung. Es gebe geradezu Grece-Familien, erzählt uns ein Teilnehmer, der anonym bleiben will. Das hier sei jetzt „quasi die dritte Generation“.

Und dann sagt Martin Sellner „Danke, Antifa!“

Sellner selbst hat das Vorwort zu Gallous Buch beigesteuert, sitzt später auf dem Podium und spricht in fließendem Französisch über seine Arbeit als Kopf der Identitären Bewegung Österreich. Er nimmt das Publikum mit, bringt es anders als die anderen Referenten häufig zum Lachen.

Ein Bücherstand bei der Tagung des Instituts Iliade. Foto: JF

Die Schwierigkeiten, die er sich mit seinem migrationskritischen Engagement eingehandelt hat – Einreise- und Auftrittsverbote sowie Kontenkündigungen – nennt er salopp „Ehrenabzeichen“. Repression könne ihr Ziel auch manchmal verfehlen und die Getroffenen sogar auszeichnen und anspornen. „Danke, Antifa!“, so seine Bilanz. Erneutes Glucksen in den Zuschauerreihen.

International ist die Veranstaltung auch noch in einer anderen Hinsicht: Das Institut Iliade war 2025 zu Gast auf der neuen Buchmesse in Halle, bei der konservative bis rechte Verlage und Zeitungen – darunter auch die JF – sich vorstellten. Damals vielbeachtet: „Der Hegemonie entgegen“ (Jungeuropa-Verlag) von Benedikt Kaiser, dem neurechten Politikwissenschaftler, der mit dem Instrumentarium des italienischen Marxisten Antonio Gramsci den Erfolg der AfD in Deutschland ausdeutete. Ein halbes Jahr später liegt das Buch in französischer Sprache vor, wird vom Autor auf dem Kolloquium in Paris signiert.

Konservatismus ist auch in Frankreich bedroht

Dass konservatives Kulturleben auch in Frankreich keine Selbstverständlichkeit ist, zeigt unterdessen die Fassade der Librairie Logos in der Avenue de la Bourdonnais, eine Viertelstunde Fußweg vom Kolloquium entfernt. Vor einem Jahr wurde das Geschäft – in dem sich neben Werken von Ludwig Klages und Ernst Jünger auch Pierre Drieu la Rochelle und Michel Houellebecq finden – angegriffen, wie die Verkäuferin der JUNGEN FREIHEIT bei der Stippvisite versichert.

„Das war die Antifa“, zeigt sie sich sicher. Eingeworfen und mit Farbe beschmiert war die Fensterfront damals. Inzwischen verdeckt eine Platte den Schaden weitestgehend – und doch sind Spuren der Attacke noch deutlich sichtbar.

Bedroht wegen Kultur – so etwas ist zurück auf dem Kolloquium Gott sei Dank nicht möglich, wo dieselben Autoren in Hülle und Fülle ausliegen. Daneben Exemplare von Dominique Venner, Jean Raspail, Charles Maurras, Renaud Camus – alles Vertreter der literarischen Rechten. Die Mehrheit der Bände ist modern gestaltet: Softcover, Signalfarben, starke Titel. Das alles wird von den Besuchern mit einem Bier in der Hand – einem „Blonden“, wie die Franzosen sagen – genossen.

Ganz ohne Anfeindungen ging aber auch das Colloque 2026 nicht über die Bühne; kurz vor knapp forderte ein Abgeordneter von La France insoumise im französischen Parlament das Verbot der Bildungsveranstaltung. Ein ungehinderter Ablauf des Kolloquiums sei mit einem „offensichtlichen Risiko“ verbunden, nämlich angeblich rassistischen Äußerungen, warnte der linke Politiker laut der französischen Zeitung Liberation.

Rassemblement National hat sich entfremdet

Wo ist der Rassemblement National (RN)? So viel Kultur sich auf dem Colloque auch eingefunden hatte, so erstaunlich ist es doch, wie wenig vom vor Ort zu sehen war – nämlich fast nichts. Nur eine dem RN nahestehende Studentenorganisation, der „Cocarde étudiante“ stellte in der Maison de la Chimie aus.

Das Verhältnis zwischen der Nouvelle Droite und dem RN gilt schon seit längerer Zeit als entfremdet. In der Partei herrscht der Eindruck vor, die Intellektuellen würden nur immer wieder neue Probleme aus dem Hut zaubern, ohne Lösungen anzubieten – man übt sich in demonstrativem Pragmatismus. Umgekehrt passt die moderne Massenpartei von rechts so gar nicht zu ihren elitären Vordenkern.

So bleibt die Frage, wie viel der hier im Herzen Frankreichs angebotenen Hochkultur sich auf den Rest der Nation übertragen lässt – oder ob die Veranstaltung nicht doch eher ein weltanschaulich geschlossenes Milieu bespielt, dessen Auswirkungen in die Breite schwer messbar sind. Nun, selbst wenn. Vielleicht muss es neben dem alltäglichen massentauglichen Kampf einer Partei auch einfach so etwas geben: einen Ort, an dem Rechte unter sich sein und sich austauschen können.

In der deutschen Presse berichtete bisher nur die Zeit über das Kolloquium, beließ es aber bei einer – wenn auch informativen – Warnung vor der „rechtsextremen Verschwörungserzählung“, mit der „die junge Generation indoktriniert“ werde. So umfassend die Berichterstattung auch ist, sie lässt Zweifel darüber aufkommen, ob die Kollegen wirklich vor Ort waren.

Auf dem Podium des Colloque 2026 in Paris diskutiert Buchautor Martin Sellner mit Nicolas Boutin vom Magazin „Valeurs actuelles“ und Matisse Royer von den französischen Identitären. Foto: JF
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