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Geopolitik im Norden: Neue Front in der Arktis

Geopolitik im Norden: Neue Front in der Arktis

Geopolitik im Norden: Neue Front in der Arktis

Russisches U-Boot in der Kolabucht vor Murmansk: Der Kreml wirft ein Auge auf die Arktis Foto: picture alliance/dpa/TASS | Lev Fedoseyev
Russisches U-Boot in der Kolabucht vor Murmansk: Der Kreml wirft ein Auge auf die Arktis Foto: picture alliance/dpa/TASS | Lev Fedoseyev
Russisches U-Boot in der Kolabucht vor Murmansk: Der Kreml wirft ein Auge auf die Arktis Foto: picture alliance/dpa/TASS | Lev Fedoseyev
Geopolitik im Norden
 

Neue Front in der Arktis

Es herrscht ein emsiges Treiben auf den Straßen von Murmansk. Militärfahrzeuge schieben sich durch die breiten Alleen in der nordwestlichsten Ecke Rußlands. Soldaten gehören zum alltäglichen Stadtbild. Nur wenige Kilometer weiter liegt Finnland, dessen Grenzschützer mit Argusaugen in Richtung Seweromorks blicken. Denn am Ostufer der Kolabucht liegen Schiffe und U-Boote der russischen Nordflotte, die in den vergangenen Jahren keineswegs inaktiv war, sondern ihre Missionen und Übungen im Vergleich zu den 90er Jahren nahezu verdoppelt hat.

Vorbei sind die Zeiten, als die titanischen Sowjetschiffe in ihren Häfen vor sich hin rosteten. Längst ist die Oblast von Murmansk im Nordwesten der Russischen Föderation zum Dreh- und Angelpunkt der wiederauferstandenen russischen Militärmacht geworden. Moskaus Blick richtet sich gen Arktis. Die neugewonnene Bedeutung, die die Region für den Kreml hat, wird auch dadurch deutlich, daß die Nordflotte 2021 ihren eigenen Militärbezirk in der Region zugewiesen bekommen hat.

Der Amtsantritt Wladimir Putins markierte das Ende der post-sowjetischen Verwahrlosung der Flotte, die seither mit den neuesten U-Booten der Borei-Klasse und Jasen-Klasse, sowie modernsten SU-34 Jagdbombern ausgestattet wurde. Diese Art der Modernisierung hat die alternde Nordflotte auch dringend nötig. Denn die größtenteils noch aus sowjetischen Zeiten stammende Schiffe und U-Boote erfordern immer mehr Wartung und altern schneller, als sie ersetzt werden können.

Nato bekommt neue Verbündete in Rußlands Hinterhof

Daß die Zeiten sich geändert haben, ist auch auf der Nato-Seite deutlich zu spüren. Nicht nur, daß im April 2022 die Übung Cold Response erneut mit über 30.000 beteiligten Soldaten mehrerer Nato-Staaten erfolgreich abgeschlossen wurde. Seit wenigen Tagen gilt als relativ gesichert, daß sich sowohl Schweden als auch Finnland der North Atlantic Treaty Organization anschließen werden.

Die Nato gewinnt damit im unmittelbaren Hinterhof Rußlands zwei Verbündete hinzu, die ihre eigene Last tragen und dem Bündnis einen direkten Mehrwert beisteuern können. Etwa 200 Flugzeuge und 50 Schiffe beteiligten sich in diesem Jahr an der Übung, die die Teilnehmer an die widrigen Bedingungen im hohen Norden heranführen soll. Daß Schweden und Finnland sich ebenfalls an der fiktiven Verteidigung Norwegens gegen einen konventionellen und schlagkräftigen, Feind beteiligten, ist in Moskau zweifellos registriert worden.

Auf die Übungen der Nato-Staaten und jener, die es noch werden wollen, antwortet Moskau bisher mit dem üblichen Repertoire an Drohungen, Luftraumverletzungen und der Projektion militärischer Übermacht, die Rußland höchstwahrscheinlich in der Arktis aufbieten kann. Denn obwohl Kanada, Großbritannien und die USA ihre Truppenkontingente in Europa und dem hohen Norden erhöhen, wären Norwegen, Schweden und Finnland die ersten Staaten, die im Falle eines Konflikts um die Arktis mit russischen Verbänden in Kampfhandlungen verwickelt werden würden.

Dies ist nicht mehr undenkbar. Spätestens seit dem Ukrainekrieg herrscht darüber offensichtlich Konsens bei allen Anrainern der Arktis. Für Rußland hingegen ist das geschlossene Auftreten der Nato vor der eigenen Haustür ein Affront, da es fürchtet, in eine ähnliche Situation zu kommen wie in der Ostsee oder im Schwarzen Meer. Dort ist seit jeher die Türkei Wächter über den einzigen Ein- und Ausgang. Während die russische Schwarzmeerflotte de facto also im Schwarzen Meer gefangen ist, droht der Nordflotte eine langsame Einhegung und Beschränkung der eigenen Reichweite.

Rohstoffschätze liegen unter der Arktis

Längst ist klar, der Wettkampf um die gigantischen Bodenschätze der Arktis hat begonnen. Erdgas, Erdöl und Metalle lagern dort. Klimatische Veränderungen vereinfachen durch den Rückgang der Eisdecken den Zugang zu eben jenen Rohstoffen. Daß alle Anrainerstaaten ein unmittelbares und vitales Interesse an der Sicherung dieser Rohstoffquellen haben, ist ein offenes Geheimnis.

Großbritannien, das sich traditionell als Schutzherr der nordischen Länder sieht, erklärt in seiner jüngsten Arktis-Strategie (The UK´s Defence Contribution in the High North), daß Rußland zwar noch nicht als Feind in der Region betrachtet wird, man jedoch die erhöhte Militärpräsenz in gleicher Art und Weise beantworten wird. Der erst 2019 in Dienst gestellte Flugzeugträger der Queen-Elizabeth-Klasse der Royal Navy führte das britische Kontingent im Rahmen von Cold Response dieses Jahr an.

Eine Geste aus London, die man im Kreml wahrscheinlich verstanden hat und in Moskau das Narrativ nährt,  die Russische Föderation werde von allen Seiten umzingelt. Daß gerade Großbritannien, Frankreich und die Türkei in einer modernen Allianz als potenzielle Feinde Rußlands auftreten, erinnert an den Krimkrieg von 1853 bis 1856.

Klar ist, der Kreml wird wahrscheinlich keinerlei strategische Einkesselung im hohen Norden akzeptieren. Dutzende Atom-U-Boote der Nordflotte sollen garantieren, daß der Konflikt eingefroren bleibt oder sich so schnell erhitzt, daß allen Beteiligten die Lust daran vergeht.

Russisches U-Boot in der Kolabucht vor Murmansk: Der Kreml wirft ein Auge auf die Arktis Foto: picture alliance/dpa/TASS | Lev Fedoseyev
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