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Ukraine-Krieg: Rußlands Truppen kämpfen sich nur langsam im Donbass vor

Ukraine-Krieg: Rußlands Truppen kämpfen sich nur langsam im Donbass vor

Ukraine-Krieg: Rußlands Truppen kämpfen sich nur langsam im Donbass vor

Ukrainischer Schützengraben im Donbass: Im Abnutzungskampf rückt Rußland langsam vor Foto: picture alliance / Photoshot | -
Ukrainischer Schützengraben im Donbass: Im Abnutzungskampf rückt Rußland langsam vor Foto: picture alliance / Photoshot | -
Ukrainischer Schützengraben im Donbass: Im Abnutzungskampf rückt Rußland langsam vor Foto: picture alliance / Photoshot | –
Ukraine-Krieg
 

Rußlands Truppen kämpfen sich nur langsam im Donbass vor

Josef Stalin soll einst gesagt haben: „Quantität hat seine eigene Qualität.“ Im Ukrainekrieg zeigt sich, daß diese Erkenntnis auch bei russischen Strategen wieder zum Tragen kommt. Mittlerweile mußte die ukrainische Führung eingestehen, daß die Offensive der russischen Streitkräfte und ihrer Milizen sich langsam, aber stetig tiefer in den Donbass schiebt. Das Sekundärziel oder das Hauptziel, je nach Lesart der Propaganda des Kremls, ist die vollständige Einnahme des Donbass und die Herstellung einer Landbrücke zur Krim.

Derzeit zeigt sich, daß die anfänglichen Erfolge der Ukrainer im Donbass nicht in der gleichen Art und Weise zu wiederholen sind, wie in den ersten drei Monaten des Krieges.

Nun konzentrieren sich nämlich nach Schätzungen zwei Drittel der wieder aufgefrischten Truppen Putins auf den Donbass. Im Kreml hat man aus den Fehler der vergangenen Monate gelernt. Im Februar und März waren die Einheiten nämlich über eine viel zu große Fläche in der ganzen Ukraine verteilt und stießen ohne Rücksicht auf Nachschubwege tief ins Landesinnere vorstießen vor, um Kiew und westlich des Dnepr liegende Gebiete im Handstreich zu erobern. Doch nun stehen sich in Sjewjerodonezk ukrainische und russische Einheiten in einem blutigen Häuserkampf gegenüber.

An der ganzen Frontlinie, die im Norden von Charkiw aus bis nach Mykolajiw im Süden verläuft, wird hart gekämpft. Wenngleich die heftigsten Gefechte sich weiter bei Donetsk, Lyssytschansk und Sjewjerodonezk abspielen, wo die Russen laut ukrainischen Angaben bereits eine numerische Übermacht von Sieben zu Eins aufs Feld bringen. Die leichteren Siege im Februar und März sind für die Ukrainer nun Geschichte.

Ukrainern fehlt Artillerie im Donbass

Dennoch verschieben sich die Frontverläufe nicht einseitig in eine Richtung; wie die Ukraine mit erfolgreichen Gegenangriffen immer wieder zeigt. So wurden die Russen vor wenigen Wochen aus Charkow bis an die russisch-ukrainische Grenze getrieben und die Front im Nordosten wurde stabilisiert. Gleichzeitig gelang dem Kreml die Einnahme von Lyman. Kurz darauf starteten die Ukrainer im Süden der Ukraine von Mykolajiw aus einen Gegenangriff, der mehrere Dörfer zurückeroberte, die jetzt wieder hart umkämpft sind. Auch Sjewjerodonezk sah viele Kompanien ukrainischer und russischer Soldaten kommen und gehen.

Die bereits aus dem Zweiten Weltkrieg erprobte Taktik der Russen, mit Artillerie ein Gebiet sturmreif zu schießen und dann mit motorisierten Verbänden einen massierten Angriff zu führen, funktioniert – irgendwie. Denn wenngleich Dutzende BM-21 Grad, TOS-1 und andere Raketenartillerie sowie Rohrartillerie der Russen zum Einsatz kommen, die ganze Kompanien der Ukrainer in einem Feuerschlag zermalmen, gelang der große Durchbruch bisher nicht. Die Vorstöße der Russen sind teuer erkauft und vor allem die zum Wehrdienst gezwungenen Männer fast jeden Alters aus den Volksrepubliken Donetzk und Luhansk beklagen enorme Verluste. Für die russische Führung zählen diese Milizen nicht als Gefallene ihrer eigenen Armee und finden keine Beachtung in den eigenen Statistiken.

Gleichzeitig gelingt es den Ukrainern ebenfalls nicht, einen bedeutenden Sieg zu erringen und die russischen Linien dauerhaft zu durchbrechen. Es fehlt an Artilleriesystemen, von denen die Ukraine zwar nun einige aus dem Westen hat, mit denen sie womöglich ihre Verlustraten bei den alten Sowjetsystemen auszugleichen vermag. Zweifellos handelt es sich bei den amerikanischen und britischen Geschützen um moderne Systeme. Jedoch bräuchten die Ukrainer Hunderte und nicht Dutzende davon.

Haben Russen oder Ukrainer den längeren Atem?

Open Source Intelligence (OSINT) Analysten zeigen durch Satellitenaufnahmen, die Auswertung von VK-Beiträgen (russisches Facebook) sowie Bild- und Videomaterial aus anderen Netzwerken, daß die russischen Reserven weitreichender als die der Ukraine sind. Veraltete T-62 Panzer wurden von Rußland in schier endlosen Güterzügen in den Südosten der Ukraine gebracht, wo sie mittlerweile ohne große technische Überarbeitung und Kampfwertsteigerungen offensichtlich zum Einsatz kommen. Dort, wo die Ukrainer selbst keine eigenen Panzer oder ausreichend Panzerabwehrwaffen besitzen, könnten sie tatsächlich von Vorteil sein. Es ist naheliegend, daß vor allem Freiwillige und Milizen aus den pro-russischen und den besetzten Gebieten diese Panzer nutzen sollen.

Während die Ukraine ihre Armee aufteilen muß, um Kiew und den Norden gegen Belarus und Rußlands Bataillonskampfgruppen an der dortigen Nordgrenze zu schützen, kann Rußland, das keinen direkten Angriff mit ukrainischen Truppen auf seinem eigenen Territorium zu fürchten hat, den größten Teil seiner Einheiten im Osten und Süden konzentrieren. Doch obwohl die Russen eine lokale Übermacht generieren können, stellt sich die Frage, wie lange Putins Armee diese Abnutzungsschlacht führen kann.

In Rußland haben die Mütter keine sieben Kinder mehr, sondern nur noch eines. Und das wollen auch diese nicht in der Ukraine verlieren. Gleiches gilt für die Ukrainer, deren Verbände im Osten offensichtlich so stark aufgerieben sind, daß immer mehr Soldaten der schlechter ausgebildeten territorialen Reserve herangeführt werden müssen. Der vermehrte Abschuß von Orlan-10 Drohnen der Russen mit zivilen Abzeichen ist ebenfalls ein Indiz dafür, daß die materiellen Reserven der russischen Streitkräfte nicht endlos sind und man dort bereits im Hinterland bei zivilen Organisationen Material einzieht, um es in die Schlacht zu werfen.

Kriegsparteien können mit Status Quo nicht zufrieden sein

Angesichts dieser langsamen und mit viel Blut erkauften Fortschritte Rußlands erscheint der auf etlichen Fahrzeugen der Invasoren prangende Spruch „Nach Berlin!“ wie ein Witz. Selbst Odessa dürfte zunächst nur schwerlich für die Russen zu nehmen sein. Sollten die Waffenlieferungen aus dem Westen nicht versiegen, könnte sich das Blatt sogar zugunsten der Ukraine wenden. Und falls Rußland im Donbass erfolgreich ist und die ukrainische Front kollabiert, wird diese Kampagne von Moskau wahrscheinlich wieder bis nach Kiew fortgeführt werden. Vielleicht nicht in diesem Jahr, aber man wird es wieder versuchen.

Unabhängig davon, ob eine deutsche „Friedensbewegung“ sich gegen Waffen an die Ukraine ausspricht oder nicht, wird der Krieg weitergehen. Weder Moskau noch Kiew können mit dem Status Quo, wie er sich jetzt darstellt, zufrieden sein. Die Ukraine kann nicht zulassen, 30 Prozent ihres Staatsgebiets zu verlieren und die Gegenseite wird nicht hinnehmen, daß die Ukraine sich den Donbass oder die Krim zurückholt. Mit seiner Nukleardoktrin hat zumindest Rußland bereits impliziert, einen Angriff auf die Krim als einen Angriff auf russisches Staatsgebiet zu werten, was für Moskau den Einsatz von taktischen Nuklearwaffen legitimierten würde.

Ukrainischer Schützengraben im Donbass: Im Abnutzungskampf rückt Rußland langsam vor Foto: picture alliance / Photoshot | –
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