Alles festgefahren? Tatsächlich kommt die russische Armee in der Ostukraine seit Monaten nur langsam voran. Vielleicht agiert Moskau deshalb seit einiger Zeit wieder aggressiver gegen ukrainische Städte, beschießt etwa Kiew massiv mit Drohnen und Raketen. Allein in den vergangenen Tagen kam es zu einigen der schwersten Luftangriffe seit Monaten. Doch hinter den Bildern brennender Wohnhäuser und nächtlicher Luftalarme verbirgt sich längst eine neue Realität dieses Krieges.
🇷🇺🇺🇦 Russia hit Ukraine with one of its biggest strikes in years overnight
Around 700 drones and 100 missiles, including Oreshniks, were fired at Kiev alone
The attack comes in response to the Lugansk dormitory strike that killed 21 people between the ages of 17 and 22 https://t.co/mZ3vS7lGhk pic.twitter.com/3HoqGBiwTO
— The Other Side Media (@TheOtherSideRu) May 24, 2026
Denn die Front selbst bewegt sich kaum noch. Russland erzielt entlang einzelner Abschnitte im Donbass zwar weiterhin Geländegewinne, doch diese erfolgen langsam und unter hohen Verlusten. Selbst westliche Militäranalysten sprechen inzwischen von einem langsamen, aber stetigen russischen Vormarsch. Die ukrainischen Verteidigungslinien brechen nicht zusammen, gleichzeitig fehlt Kiew jede realistische Perspektive auf eine größere Rückeroberungsoffensive wie noch 2022 oder teilweise 2023. Der Krieg ist zu einem klassischen Abnutzungskrieg geworden.
Der Druck auf Russlands Armee steigt
Bemerkenswert ist dabei vor allem die Resilienz der Ukraine. Viele Beobachter hatten zu Beginn des Krieges erwartet, Russland könne das Land innerhalb weniger Wochen militärisch niederwerfen. Das Gegenteil trat ein. Trotz gewaltiger Belastungen hält die ukrainische Armee die Front seit mittlerweile Jahren stabil. Westliche Luftabwehrsysteme, moderne Aufklärung und die zunehmende Erfahrung ukrainischer Truppen haben dazu beigetragen, dass Russland bis heute keinen strategischen Durchbruch erzielen konnte. Genau deshalb richtet Moskau seinen Fokus zunehmend wieder auf Angriffe gegen die Infrastruktur und gegen urbane Zentren wie Kiew, Charkiw oder Odessa.
Gleichzeitig zeigt sich aber auch die strukturelle Schwäche der Ukraine immer deutlicher. Russland verfügt weiterhin über wesentlich größere personelle Reserven. Während in der Ukraine die Debatte über neue Mobilisierungsmaßnahmen zunehmend kontrovers geführt wird, versucht Moskau weiterhin, seine Verluste durch neue Freiwillige und Vertragssoldaten auszugleichen. Russische Medien berichten inzwischen offen über massive finanzielle Anreize für Rekruten.
Thousands of young men from Asia, Africa and Latin America have been recruited into the Russian army to fight in its devastating war in Ukraine according to a recent report.
More than one million Russian troops are thought to have been killed or injured in the conflict – making… pic.twitter.com/vbx7pCmhUW
— Channel 4 News (@Channel4News) May 27, 2026
Teilweise werden Schuldenerlasse, hohe Einmalzahlungen oder soziale Vergünstigungen angeboten, um neue Soldaten zu gewinnen. Das verdeutlicht zwar den steigenden Druck auf die russische Kriegsmaschinerie, zeigt aber gleichzeitig auch die unterschiedliche Ausgangslage beider Staaten. Russland kann Verluste länger kompensieren als die Ukraine.
Ukraine-Krieg mobilisierte viele EU-Staaten
Dennoch wirkt auch Russland weit entfernt von jener militärischen Übermacht, die zu Beginn des Krieges vielfach erwartet wurde. Die russische Armee hat sich zwar angepasst, produziert enorme Mengen an Munition und Drohnen und hält den militärischen Druck konstant hoch. Gleichzeitig zeigt der schleppende Vormarsch aber auch, wie teuer selbst kleinere Geländegewinne inzwischen geworden sind. Die großen Durchbruchsoffensiven bleiben aus.
Und genau das verändert zunehmend auch die Wahrnehmung in Europa. Die apokalyptischen Warnungen der ersten Kriegsjahre verlieren an Wirkung. Wenn selbst die russische Armee in der Ostukraine oft monatelang um einzelne Dörfer kämpft, sinkt automatisch die Angst vor einem unmittelbar bevorstehenden Angriff auf Nato-Staaten. Diese Entwicklung zeigt sich inzwischen deutlich in Umfragen. Viele Europäer nehmen Russland zwar weiterhin als Gegner wahr, aber nicht mehr als unaufhaltsame militärische Bedrohung.
Gleichzeitig hat sich allerdings auch Europa selbst verändert. Staaten wie Polen oder die baltischen Länder treiben massive Aufrüstungsprogramme voran. Deutschland spricht plötzlich offen über „Kriegstüchtigkeit“, erhöht Verteidigungsausgaben und investiert Milliarden in die Bundeswehr. Die europäische Rüstungsproduktion wächst, Munitionsfabriken werden ausgebaut, und militärische Infrastruktur gewinnt wieder strategische Bedeutung. Europa ist heute militärisch deutlich wachsamer und belastbarer als noch vor wenigen Jahren.
Europa ist wehrfähiger als sein Ruf
Vor allem aber zeigt sich zunehmend, dass Europa entgegen vielen düsteren Prognosen keineswegs kollabiert, sobald die Vereinigten Staaten ihren Fokus verlagern. Zwar bleiben die USA militärisch unverzichtbar, doch Washington richtet seinen strategischen Blick immer stärker auf China und den Pazifikraum. Deshalb wächst in Europa der Druck, sicherheitspolitisch eigenständiger zu werden.
Und allen Unkenrufen zum Trotz funktioniert das bislang überraschend erfolgreich. Europäische Staaten stemmen mittlerweile einen immer größeren Teil der finanziellen, logistischen und industriellen Unterstützung für die Ukraine selbst. Neue Produktionslinien für Artilleriemunition entstehen, gemeinsame Beschaffungsprogramme werden aufgebaut, und osteuropäische Staaten entwickeln sich zunehmend zu militärischen Schwergewichten innerhalb Europas.
Das bedeutet nicht, dass Europa bereits unabhängig von den USA wäre. Davon ist man weit entfernt. Aber die oft beschworene völlige europäische Handlungsunfähigkeit hat sich bislang nicht bestätigt. Vielmehr zwingt der Krieg die Europäer gerade dazu, Fähigkeiten aufzubauen, die über Jahrzehnte vernachlässigt wurden.
Noch ist kein klarer Sieger in Sicht
Doch genau darin liegt auch das Paradox dieses Krieges. Russland ist militärisch stärker als die Ukraine, aber zu schwach für einen schnellen Sieg. Die Ukraine wiederum ist widerstandsfähiger als erwartet, aber zu erschöpft für eine vollständige Rückeroberung der besetzten Gebiete. Europa unterstützt Kiew weiterhin massiv und beginnt gleichzeitig, sich sicherheitspolitisch neu zu organisieren.
Der Krieg entwickelt sich damit immer mehr zu einem geopolitischen Erschöpfungstest. Russland setzt auf Masse, Zeit und die Hoffnung auf westliche Ermüdung. Die Ukraine setzt auf Durchhaltefähigkeit und europäische Unterstützung. Europa wiederum versucht, militärisch handlungsfähiger zu werden, während gleichzeitig wirtschaftliche Probleme und politische Spannungen wachsen.
Während in Kiew erneut die Sirenen heulen und über der ukrainischen Hauptstadt Drohnenschwärme auftauchen, wird deshalb immer deutlicher: Dieser Krieg steuert derzeit weder auf einen klaren russischen Sieg noch auf einen vollständigen ukrainischen Zusammenbruch zu.






