Anzeige
Anzeige

JF-Exklusiv: Nun wird geduzt: ARD-„Tagesschau“ schafft das „Sie“ ab

JF-Exklusiv: Nun wird geduzt: ARD-„Tagesschau“ schafft das „Sie“ ab

JF-Exklusiv: Nun wird geduzt: ARD-„Tagesschau“ schafft das „Sie“ ab

„Hi, ich bin der Jens“: Tagesschau-Chefsprecher Jens Riewa wird die Zuschauer ab heute duzen.
„Hi, ich bin der Jens“: Tagesschau-Chefsprecher Jens Riewa wird die Zuschauer ab heute duzen.
„Hi, ich bin der Jens“: Tagesschau-Chefsprecher Jens Riewa wird die Zuschauer ab heute duzen. Screenshot: JF
JF-Exklusiv
 

Nun wird geduzt: ARD-„Tagesschau“ schafft das „Sie“ ab

Nach den „Damen und Herren“ fällt nun eine weitere Formalie. Die „Tagesschau“ wird ihre Zuschauer und Interviewpartner künftig nur noch mit „Du“ ansprechen. Das hat, wie die JF erfuhr, praktische und ideologische Gründe – sowie skurrile Folgen.
Anzeige

HAMBURG. Es ist eine Revolution im Fernsehen: Die ARD schafft mit dem heutigen Tag das förmliche „Sie“ ab. Sowohl Zuschauer als auch Politiker „bis hoch zum Bundespräsidenten und Bundeskanzler“ sollen ab sofort geduzt werden, wie aus einem internen Papier der NDR-Chefredaktion hervorgeht, das der JUNGEN FREIHEIT vorliegt.

Die Änderung gilt für die „Tagesschau“, aber auch für die „Tagesthemen“, die politischen Talkshows und das Frühstücksfernsehen. Auf eine entsprechende JF-Nachfrage erklärte NDR-Sprecherin Díadelos Inocentes: „Wir folgen damit einer Linie, die wir bereits mit unserer geänderten Begrüßungsformel begonnen haben.“

Sie nimmt damit Bezug auf die traditionelle Anrede „Guten Abend, meine Damen und Herren“, die die „Tagesschau“ seit dem 21. November 2024 durch das „Guten Abend, ich begrüße Sie zur Tagesschau“ ersetzt hatte. Dies habe vor dem Hintergrund der Gender-Debatte nur kurzfristig für Aufregung gesorgt, sagte Inocentes. Und es sei ein „Testballon“ gewesen, wie weit man gehen könne. Auch bei der „legeren Kleidung“ – immer häufiger werden Nachrichtensendungen im T-Shirt und Pullover moderiert – habe man kaum Proteste gespürt.

Die neue Grußformel zu Beginn der Sendung werde im Falle des Chefsprechers Jens Riewa nun lauten: „Hi, ich bin der Jens. Ich begrüße dich und euch zur ‚Tagesschau‘.“

„Mit den Zuschauenden auf Augenhöhe kommunizieren“

Das „Sie“ sei ein „Ausdruck hierarchischer, oft männlich dominierter Kommunikations- und Machtverhältnisse“, betonte die Sprecherin: „Wir möchten mit den Zuschauenden aber auf Augenhöhe kommunizieren und Barrieren abbauen.“ Dabei gehe es auch um die zunehmende Zahl von Einwohnern, die erst kürzlich nach Deutschland gekommen seien: „Menschen, die als Flüchtende und Migrierende gelesen werden, ist die Unterscheidung von ‚Sie‘ und ‚Du‘ sehr schlecht zu vermitteln – zumal das ‚Sie‘ wortgleich auch in der dritten Person Singular und Plural auftaucht. Wir schaffen damit mehr Teilhabe, denn wir haben uns der Vielfalt verpflichtet.“

Dass man sich nun auch durchgehend mit Politikern duze, könnte darüber hinaus zum Abbau der Politikverdrossenheit beitragen: „Im Zusammenhang mit der Bedrohung unserer Demokratie wollen wir die Politikschaffenden den Bürgerinnen und Bürgern näherbringen.“ Eine vertrauliche Anrede zwischen den „Verteidigenden der Demokratie auf der journalistischen und der politischen Seite“ sei ohnehin längst überfällig gewesen.

Die Reform werde auch Konsequenzen für die Programmgestaltung haben: „Wer das ‚Du‘ ablehnt, den werden wir auch nicht mehr interviewen – weder in Live-Schalten noch am Rande von Veranstaltungen wie Parteitagen und Bundestagssitzungen.“ Um der umfassenden Information nachzukommen, die der Staatsvertrag verlange, wolle man die Äußerungen der „Du-Verweigerer“ jedoch aus dem Off verlesen.

„Tagesschau“ erreicht viele nicht mehr

Sowohl das Kanzleramt als auch das Bundespräsidialamt hätten „nach überraschend kurzen Gesprächen“, die der Sender im Vorfeld geführt habe, „sofort ihr Einverständnis“ signalisiert. Auch die gesamte Bundesregierung habe sich „sehr aufgeschlossen“ gezeigt. Hier habe die SPD, für die das „Du“ unter Genossen seit 150 Jahren üblich ist, schnell die Unions-Minister überzeugt.

Treibender Keil sei auf der CDU-Seite, so heißt es unter der Hand, Bundesaußenminister Johann Wadephul (CDU) gewesen. Denn dieser habe bei Interviews mehrfach Probleme mit komplizierten Namen der Moderatoren gehabt: „So erwiderte er zum Beispiel die Begrüßung von Julia-Niharika Sen ‚Guten Abend, Herr Wadephul‘ zuletzt nur noch mit einem ‚Guten Abend nach Hamburg‘.“ Mit dem schlichten „Hallo Julia“ täte sich der 63jährige leichter.

Dies mache deutlich, die Anrede-Reform beseitige „auf allen Seiten Kommunikationshindernisse, falsche Hierarchien und Ungleichheit“, teilte der NDR der JF mit.

Fußball und Schiedsrichter: JF+ abonnieren
Die Leitung des öffentlich-rechtlichen Senders habe durch Auswertungen intern in Auftrag gegebener Umfragen zudem erfahren, dass die „Tagesschau“ eine „immer größer werdende Zahl an Zuschauenden nicht mehr erreicht“. Gleichzeitig zeigten Forschungsergebnisse, dass gegenseitige Glaubwürdigkeit unter Menschen, die sich duzten, viel größer sei als bei Menschen, die sich mit „Sie“ ansprechen. Auf diese Weise wolle man auch verloren gegangenes Vertrauen zurückgewinnen.

„Hi, ich bin der Jens“: Tagesschau-Chefsprecher Jens Riewa wird die Zuschauer ab heute duzen. Screenshot: JF
Anzeige
Anzeige

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
aktuelles