Nachdem die JUNGE FREIHEIT mit hartnäckiger Recherche als erstes Medium Widersprüche in der Selbstdarstellung des Generationenforschers Rüdiger Maas offengelegt hatte, zieht der Fall nun immer weitere Kreise. Inzwischen haben auch Die Zeit und die FAZ zentrale Teile der Recherche aufgenommen und weitere Ungereimtheiten offengelegt.
Das ZDF hat Maas nun aus seiner internen Expertenliste gestrichen. Dort war er bislang als Ansprechpartner für das Thema „Generation Z“ geführt worden.
Maas galt jahrelang als einer der gefragtesten Erklärer gesellschaftlicher Trends. Auf einer Website ließ er sich mit einem Lob von Thomas Gottschalk zitieren, auch die US-Filmproduzenten Warner Bros. wurden dort mit den Worten „Absolute top Keynote!“ angeführt. Im öffentlich-rechtlichen Rundfunk war der Experte ein regelmäßiger Gast – im ZDF-Heute-Journal, bei Markus Lanz, in ARD-Formaten, im Deutschlandfunk und in zahlreichen Podcasts. Seine Studien und Bücher wurden in Leitmedien, Talkshows und Nachrichtensendungen als wissenschaftliche Einordnung präsentiert.
Maas änderte nach jeder JF-Anfrage seinen Lebenslauf
Die JUNGE FREIHEIT hatte als erstes Medium auf gravierende Widersprüche in Maas’ Vita hingewiesen. Auf seinen Internetseiten und Profilen gab Maas über Jahre hinweg an, Psychologie in Deutschland und Japan studiert zu haben, ohne konkrete Studienorte, Abschlüsse oder seine Dissertation nachvollziehbar auszuweisen. Gleichzeitig trat er öffentlich als „Psychologe“ auf und verwies auf Gutachten für Behörden – eine Tätigkeit, die in Deutschland regelmäßig eine entsprechende Qualifikation voraussetzt. Erst die beharrlichen Nachfragen der JUNGEN FREIHEIT brachten Bewegung in diese Darstellung. Auffällig war dabei ein klares Muster: Nach jeder Anfrage wurden Maas’ Online-Profile angepasst, ergänzt oder korrigiert.
Inzwischen hat er seine akademische Laufbahn deutlich konkreter dargestellt. Demnach habe er an der Hochschule Magdeburg-Stendal Rehabilitationspsychologie studiert und später einen Master in Wirtschaftspsychologie an der FOM in Augsburg erworben. Seine Promotion erfolgte nach eigenen Angaben 2024 an der University of Library Studies and Information Technologies in Sofia im Fach Informationswissenschaften. Damit ist inzwischen klar: Maas ist weder Diplom-Psychologe noch in Psychologie promoviert – obwohl seine öffentliche Selbstdarstellung lange Zeit genau diesen Eindruck nahelegte.

Ungereimtheiten auch bei seinem Institut
Nachdem die JUNGE FREIHEIT die Widersprüche publik gemacht hatte, zogen nun auch Die Zeit und die FAZ nach. Die Zeit bestätigt in einer ausführlichen Recherche zahlreiche Ungereimtheiten bei Maas’ akademischer Laufbahn, seiner Außendarstellung und den Strukturen seines „Instituts für Generationenforschung“. Besonders brisant sind die Recherchen zum angeblichen Team des Instituts. Auf der Website präsentiert Maas neben sich und seinem Bruder Hartwin mehrere weitere Personen als wissenschaftliches Team. Die Zeit kontaktierte diese Personen – mit bemerkenswertem Ergebnis.
So arbeitet eines der vermeintlichen Institutsmitglieder inzwischen als Psychologe in einer bayerischen Justizvollzugsanstalt, ein anderes bei einem Payback-Dienstleister. Beide gaben an, vor Jahren lediglich ein längeres Praktikum bei Maas absolviert zu haben. Eine weitere Person genießt bereits den Ruhestand am Bodensee. Eine andere, die auf der Website ebenfalls als Teil des Teams erscheint, leitet heute ein Berliner Start-up für Nahrungsergänzungs-Fruchtgummis und erklärte, ihre freie Mitarbeit bei Maas liege lange zurück. Nur ein einziges weiteres Teammitglied gab demnach an, in Teilzeit für Maas tätig zu sein – betreibt gleichzeitig aber seit Jahren eine eigene Kommunikationsagentur in Berlin.
Nach Einschätzung von Die Zeit wirkte die öffentliche Darstellung des Instituts damit deutlich größer und wissenschaftlicher, als es die tatsächlichen personellen Strukturen offenbar hergeben. Auch bei angeblichen Lehrtätigkeiten und Geschäftsadressen stieß die Zeitung auf Widersprüche. So habe Maas etwa eine Berliner Zweigstelle seiner Beratungsgesellschaft angegeben, unter deren Adresse sich zunächst kein Büro finden ließ. Später erklärte Maas, man sei gerade umgezogen. Die neue Adresse führte demnach in ein Businesscenter mit virtuellen Büros, Postannahme und Co-Working-Flächen.
Das ZDF zieht erste Konsequenzen
Zudem gerieten Maas’ Studien selbst stärker in den Fokus. Mehrere Wissenschaftler kritisierten gegenüber Die Zeit, dass wesentliche Angaben zu Methodik, Stichprobe und Datengrundlage in seinen Studien fehlten. Weder Fragebögen noch detaillierte Informationen zur Auswahl der Befragten seien transparent gemacht worden. Eine unabhängige Überprüfung der Ergebnisse sei dadurch kaum möglich.
Auch die FAZ griff den Fall auf und bestätigte, dass das ZDF Maas aus seiner Expertenliste gestrichen hat. Dort war er bislang als Ansprechpartner für Fragen rund um die Generation Z verzeichnet. Die Zeitung berichtet zudem, dass ein Strafbefehl wegen des Vorwurfs, Maas habe seinen Doktortitel ohne Herkunftszusatz geführt, inzwischen zurückgenommen worden sei. Ein von Maas vorgelegtes Gutachten habe ihn in diesem Punkt entlastet. Unberührt davon bleibt jedoch die zentrale Frage, wie Maas seine Qualifikationen über Jahre hinweg öffentlich dargestellt hat und ob dadurch bei Medien, Auftraggebern und Publikum ein falscher Eindruck seiner akademischen Laufbahn entstand.
Der österreichische Plagiatsforscher Stefan Weber geht unterdessen noch einen Schritt weiter. Gegenüber der JUNGEN FREIHEIT erklärte er: „Mein Team und ich haben nun mit einer Analyse der Doktorarbeit von Rüdiger Maas begonnen. Die ersten Ergebnisse sind haarsträubend. Wir fanden bereits nach wenigen Stunden erfundene Literaturtitel. ‚Letzter Abruf‘ einer Website wurde mit ‚last call-off‘ übersetzt, was völliger Quatsch ist – feinstes Baerbock-Englisch lässt grüßen! Niemand kennt den offenbar auf Facebook verbreiteten Fragebogen. Das ist alles absolut unglaublich, keine Qualität, das hat mit Wissenschaft nicht einmal am Rande zu tun.“
Weber sieht in dem Fall ein weiteres Beispiel dafür, wie sich vermeintliche Experten mit zugespitzten Thesen, wissenschaftlicher Aura und medialer Dauerpräsenz einen festen Platz in den großen Medien verschaffen konnten. „Wieder einmal hat ein Alternativmedium den Stein ins Rollen gebracht. Und ich freue mich, hier Deutschlands Blender und Scheinexperten mitzuenttarnen. Weitere werden folgen“, sagte Weber.

Der Fall Maas zeigt damit nicht nur die Schwächen eines einzelnen Experten, sondern auch ein strukturelles Problem: Wie schnell mediale Reichweite, zugespitzte Thesen und der Nimbus wissenschaftlicher Seriosität zu Autorität führen können, ohne dass Herkunft, Methode und Qualifikation gründlich überprüft werden. Dass es dafür erst die beharrliche Recherche der JUNGEN FREIHEIT brauchte, ist mindestens ebenso bemerkenswert wie der Fall selbst.






