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JF-Buchrezension: Nicht jede kriselnde Beziehung ist „toxisch“

JF-Buchrezension: Nicht jede kriselnde Beziehung ist „toxisch“

JF-Buchrezension: Nicht jede kriselnde Beziehung ist „toxisch“

Das Bild ist KI-generiert und zeigt Sigmund Freud mit einem Smartphone. Es ist ein Symbolbild für einen Text über toxische Beziehungen.
Das Bild ist KI-generiert und zeigt Sigmund Freud mit einem Smartphone. Es ist ein Symbolbild für einen Text über toxische Beziehungen.
Der Begründer der Psychoanalyse, Sigmund Freud, scrolls auf seinem Smartphone: Der Begriff „toxisch“ wird heutzutage inflationär verwendet. Bild: ChatGPT
JF-Buchrezension
 

Nicht jede kriselnde Beziehung ist „toxisch“

Ist deine Beziehung toxisch? Esther Bockwyt warnt vor der Gefährlichkeit der vereinfachten Pop-Psychologie und zeigt, wie man echte Warnsignale erkennt. Die JUNGE FREIHEIT hat ihr neues Buch gelesen.
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Stell dir vor, du scrollst abends durch Instagram und siehst den x-ten Reel: „10 Zeichen, dass deine Beziehung toxisch ist – und warum du sofort gehen solltest.“ Darunter liken Tausende und kommentieren: „Genau mein Ex!“ Esther Bockwyt, klinische Psychologin, nimmt uns in ihrem neuen Buch mit in die Welt der toxischen Beziehungen. 2022 landete sie mit ihrer Klage gegen Gendersprache und Woke-Kultur als zwanghafte Einengung des Menschen einen Bestseller. Doch das ist nur eines von vielen spannenden Themen, die sie mit scharfem Blick und erfrischender Nüchternheit unter die Lupe nimmt. Wer sich auf ihre Gedanken einlässt, wird schnell neugierig, welche weiteren Aspekte des modernen Mental-Health-Dschungels sie noch kritisch beleuchtet.

Ihre Antwort auf die Frage „Alles toxisch, oder was?“ ist mitfühlend und klar zugleich: Nicht alles, was wehtut, ist Gift. Und nicht jeder Konflikt rechtfertigt den sofortigen Abbruch. Bockwyt zeigt, wie hilfreich die Sprache der Pop-Psychologie zunächst wirkt, wenn sie uns Worte für schmerzvolle Erfahrungen gibt – und wie gefährlich sie wird, sobald sie alles in Schwarz und Weiß einteilt.

Wissenschaftliche Konzepte stark verkürzt

Was ist eigentlich Pop-Psychologie? Pop-Psychologie, auch Populärpsychologie genannt, ist die vereinfachte, emotional aufgeladene Vermittlung psychologischer Ideen für ein breites Publikum. Statt Fachbüchern oder Therapiestunden dominieren kurze Reels, knackige Ratgeber und virale Listen: „Toxisch versus gesund“ oder „Narzisst oder einfach nur unerträglich?“ Die Inhalte greifen lose auf wissenschaftliche Konzepte zurück, verkürzen sie jedoch stark und verkaufen sie als schnelle Lösung. Das macht Psychologie zugänglich, birgt aber die Gefahr von Übertreibungen.

Das Bild zeigt das Cover des neuen Buchs von Esther Bockwyt: „Alles toxisch, oder was? Ein Wegweiser durch den Mental-Health-Dschungel – und was wirklich hilft“.
Esther Bockwyt: „Alles toxisch, oder was? Ein Wegweiser durch den Mental-Health-Dschungel – und was wirklich hilft“ Jetzt im JF-Buchdienst bestellen

Der Psychotherapeut Lukas Maher fasst es treffend zusammen: Pop-Psychologie bietet auf komplexe zwischenmenschliche Probleme einfache Antworten. Statt mühsam an sich und der Beziehung zu arbeiten, heißt es rasch: „Der andere ist toxisch – Abstand ist die einzige Lösung!“ Das klingt befreiend, ist aber oft nur eine neue Form der Vermeidung. In der Pop-Psychologie gilt eine Beziehung schnell als „toxisch“, wenn sie Energie raubt, den Selbstwert mindert oder manipulative Züge zeigt. Typische Begriffe sind Gaslighting („Das hast du dir nur eingebildet!“), Love Bombing gefolgt von Abwertung, einseitiges Nehmen sowie ständige Kritik und emotionale Erpressung.

„Toxisch“ ist kein Diagnosebegriff

Solche Muster existieren tatsächlich. Viele Menschen erleiden in Partnerschaften, Freundschaften oder der Familie emotionale Gewalt, die sie kleinmacht und isoliert. Der Begriff „toxisch“ – ursprünglich medizinisch für „giftig“ – gibt ihnen eine klare Sprache: „Das tut mir nicht gut. Ich verdiene Besseres.“ Hier leistet die Pop-Psychologie durchaus etwas Positives: Sie enttabuisiert und ermutigt zum Selbstschutz. Bockwyt warnt jedoch: Der ständige Gebrauch entwertet das Wort. Bald gilt jede schwierige Phase als toxisch, jeder Streit als Gaslighting. Beziehungen werden nicht mehr repariert, sondern entsorgt. Das Leben ist kein Coaching-Seminar mit nur gesunden und toxischen Menschen. Es gibt Grauzonen, eigene Anteile, Stress und menschliche Unvollkommenheit.

Wissenschaftlich ist „toxisch“ kein Diagnosebegriff. Die klinische Psychologie spricht von emotionalem Missbrauch, kontrollierendem Verhalten oder dysfunktionalen Beziehungsmustern, die oft mit Persönlichkeitszügen, Bindungsstilen oder erlernten Verhaltensweisen zusammenhängen. Diese Muster sind erforschbar und nicht immer unheilbar. Manche lassen sich durch Therapie und gegenseitige Arbeit verbessern, andere erfordern Abstand.Bockwyt plädiert dafür, genauer hinzuschauen: Welches Verhalten schadet mir wirklich? Welchen Anteil habe ich selbst? Und wann ist Abstand notwendig – und wann nur Vermeidung?

Ein kluges Plädoyer gegen Schwarz-Weiß-Denken

Fazit: Bockwyt präsentiert eine wichtige Gegenstimme. „Alles toxisch, oder was?“ verharmlost toxische Beziehungen nicht. Im Gegenteil: Es schärft den Blick für echte Warnsignale, ohne die Welt in Opfer und Täter zu teilen. Bockwyt erinnert uns: Beziehungen sind kompliziert. Echte psychische Gesundheit liegt selten in kurzen Tips, sondern in differenzierter Reflexion und Geduld.

Wer die Flut simpler „Abstand ist die einzige Lösung“-Ratschläge leid ist, findet hier eine vernünftige Stimme. Besonders empfehlenswert für alle, die sich schon einmal gefragt haben: „Bin ich zu sensibel, oder ist das wirklich toxisch?“ Die Antwort ist meist: Es ist komplizierter – und genau diese Komplexität lohnt es sich zu betrachten. Ein kluges Plädoyer gegen Schwarz-Weiß-Denken.

Aus der JF-Ausgabe 19/26.

Der Begründer der Psychoanalyse, Sigmund Freud, scrolls auf seinem Smartphone: Der Begriff „toxisch“ wird heutzutage inflationär verwendet. Bild: ChatGPT
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