Anzeige
Anzeige

JF-Buchrezension: Rechts-Links-Mitte und was das heute noch bedeutet

JF-Buchrezension: Rechts-Links-Mitte und was das heute noch bedeutet

JF-Buchrezension: Rechts-Links-Mitte und was das heute noch bedeutet

Das Bild zeigt die Skulptur „Der Jahrhundertschritt“ des deutschen Künstlers Wolfgang Mattheuer. Das Bild dient hier als Symbolbild für einen Artikel über die Grundlagen von politisch linkem und rechtem Denken.
Das Bild zeigt die Skulptur „Der Jahrhundertschritt“ des deutschen Künstlers Wolfgang Mattheuer. Das Bild dient hier als Symbolbild für einen Artikel über die Grundlagen von politisch linkem und rechtem Denken.
Die Skulptur „Der Jahrhundertschritt“ des deutschen Künstlers Wolfgang Mattheuer: Warnung vor rechten und linken Exzessen. Foto: picture alliance / K-H Spremberg/Shotshop | K-H Spremberg
JF-Buchrezension
 

Rechts-Links-Mitte und was das heute noch bedeutet

Der Geschichtsprofessor Peter Hoeres analysiert in seinem neuen Buch „Rechts und links“ die weltanschaulichen Grundlagen der beiden großen politischen Strömungen. JF-Autor Felix Dirsch hat es gelesen.
Anzeige

Die Rechts-Links-Unterscheidung gilt gemeinhin als politischer Grundcode. Um so mehr musste bis vor kurzem ein Desiderat überraschen: Erhellende Literatur über diese Differenzierung war dünn gesät. Dieser Umstand hat zwei namhafte Historiker dazu bewogen, Abhilfe zu schaffen: Im letzten Jahr veröffentlichte Karlheinz Weißmann eine Schrift mit dem Titel „Rechts oder Links“, kurz darauf folgte der Würzburger Geschichtsprofessor Peter Hoeres mit dem Buchtitel „Rechts und links“.

Beide Gelehrte verbindet, dass sie sich nicht auf der Seite der „Fortschrittlichen“ verorten und deshalb die omnipräsenten Versuche ablehnen, die Gegenseite zu verteufeln. Hoeres’ Studie ist in fünf Kapitel eingeteilt: Nach der Einleitung folgen Angaben zum über längere Zeit unbestrittenen Vorrang der Rechten; es schließen sich Ausführungen über die einschneidenden Auswirkungen der Französischen Revolution an. Spätestens ab 1789 stehen jene unter Rechtfertigungsdruck, die die konstitutive Kraft von Tradition gegenüber einer allzu unkritischen Verherrlichung von Zukunft und zwangsläufiger Aufwärtsentwicklung verteidigen. Zwei weitere Kapitel beinhalten Erörterungen über den allgegenwärtigen „Kampf gegen Rechts“ sowie das Fazit über die ungleichen Geschwister innerhalb des politischen Koordinatensystems.

Die Rechts-Links-Unterscheidung wird schon lange kritisiert

Hoeres präsentiert eine Fülle von Beispielen aus Biologie, Sprache, Religion und Ethnologie, Rechtschreibung und Geschichte, die in einem Befund konvergieren: Das Rechte, das Richtige also, genoss lange Zeit in fast allen Lebensbereichen eine beinahe anthropologisch fundierte Priorität vor dem Linken, Linkischen und Gelinkten – allesamt Bezeichnungen mit negativem Beigeschmack, die auf menschliche Defizite verweisen. Exemplarisch ist an dieser Stelle neben der höheren Wertigkeit der rechten Hand und dem Sitz Christi zur Rechten des Vaters (im christlichen Credo) ein wenig bekannter Hinweis, den Hoeres gibt, anzuführen: Nach der 15. Schwangerschaftswoche lutscht die Mehrzahl der Föten am rechten Daumen und fällt durch stärkere Bewegungen des rechten Arms im Vergleich zum linken auf. Fast sämtliche der erwähnten Erkenntnisse lassen sich kulturübergreifend beobachten.

Um 1960 verkündeten Daniel Bell und andere das Ende der Ideologien. Damit einher ging das Narrativ von einer abnehmenden Relevanz der Rechts-Links-Unterscheidung. Gründe dafür waren leicht zu finden: Diverse gesellschaftliche Entwicklungen, etwa als politisch neutral erachtete neue technische Materien oder die seit über einem halben Jahrhundert omnipräsente Thematik der Ökologie, sind nur schwer innerhalb der überlieferten politischen Gesäßgeograhie zu verorten. Genauer besehen konnte man schon im späten 19. Jahrhundert eine Tendenz zur Neuorientierung klassischer Strömungen erkennen: Später, zu Beginn des Ersten Weltkrieges und in der Zwischenkriegszeit, markierte man solche Inversionen im Rahmen sozialer wie politischer Umbrüche als „Konservative Revolution“ oder als Aufstand „linker Leute von Rechts“ (Otto-Ernst Schüddekopf).

Die Nationalsozialisten hatten linke und rechte Elemente

Zu den von Hoeres breit behandelten Themen zählen die ideenpolitischen Hintergründe des Nationalsozialismus. Sie eignen sich immer wieder neu für erregte Kontroversen in Feuilletons und Internetblogs. Man denke nur an einige Passagen des aufsehenerregenden Gesprächs von Alice Weidel und Elon Musk. Der Würzburger Historiker belegt materialreich, was der informierte Zeitgenosse ohnehin weiß: Der Nationalsozialismus speiste sich sowohl aus traditionell „rechten“ Elementen wie aus „linken“.

Peter Hoeres: „Rechts und links – Zur Karriere einer folgenreichen Unterscheidung in Geschichte und Gegenwart“ Jetzt im JF-Buchdienst bestellen
Peter Hoeres: „Rechts und links – Zur Karriere einer folgenreichen Unterscheidung in Geschichte und Gegenwart“ Jetzt im JF-Buchdienst bestellen

Hier kann der Autor auf die epochemachende Dissertation des Publizisten Rainer Zitelmann über Hitlers Selbstverständnis als Revolutionär zurückgreifen. Darüber hinaus dokumentieren viele Quellen den antibürgerlich-antikapitalistischen Hass der NS-Führungsschicht ebenso wie die zahllosen Aversionen gegen Adelige, Konservative und Kirchenmänner. Noch in seinen späten Lebensjahren bedauerte Hitler, aus rein machtpolitischen Gründen etliche Kompromisse mit herkömmlichen Eliten eingegangen zu sein.

Zwischen Wertfreiheit und klaren Urteilen

Erfreulich ist, wie deutlich Hoeres einseitige „Kämpfe gegen Rechts“ ablehnt, die in manchen Fällen sogar existenzvernichtende Folgen haben. Mit diesem Label unterfüttern gern hochsubventionierte linksradikale Verbände, meist im Tarnanzug „Zivilgesellschaft“, ihre Intoleranz gegen Andersdenkende. Ein solcher Nährboden führt öfters sogar zu Gewalttaten, wie unlängst auch die militanten Ausschreitungen im Rahmen der Neubegründung des AfD-Jugendverbandes „Generation Deutschland“ in Gießen zeigen.

Dem mehr politologisch orientierten Leser dürften inhaltliche Konturierungen fehlen. Dazu zählt die Ausrichtung des Rechtsstehenden an Natur und partikularer Identität, besonders im Kontext von Familie und Volk. Diese Orientierung ist für diese Strömung als charakteristisch zu betrachten, im Gegensatz zu linken Präferenzen für Globalismus und Konstruktivismus. Unabhängig davon belegt Hoeres’ lesens- wie empfehlenswerte Untersuchung, wie sehr die grundlegenden Richtungen des politischen Koordinatensystems einander benötigen. Der Autor ist der unerlässlichen Wertfreiheit („sine ira“) an den richtigen Stellen ebenso verpflichtet wie klaren Urteilen („cum studio“) dort, wo sie nötig sind.

Aus der JF-Ausgabe 12/26.

Die Skulptur „Der Jahrhundertschritt“ des deutschen Künstlers Wolfgang Mattheuer: Warnung vor rechten und linken Exzessen. Foto: picture alliance / K-H Spremberg/Shotshop | K-H Spremberg
Anzeige
Anzeige

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
aktuelles