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Buchbesprechung: Die Gründung der USA aus unterschiedlichen Blickwinkeln

Buchbesprechung: Die Gründung der USA aus unterschiedlichen Blickwinkeln

Buchbesprechung: Die Gründung der USA aus unterschiedlichen Blickwinkeln

George Washington und seine Rolle bei der Gründung der USA wird in den Büchern entsprechend gewürdigt (Symbolbild).
George Washington und seine Rolle bei der Gründung der USA wird in den Büchern entsprechend gewürdigt (Symbolbild).
George Washington und seine Rolle bei der Gründung der USA wird in den Büchern entsprechend gewürdigt (Symbolbild). Foto: picture alliance / akg-images | akg-images
Buchbesprechung
 

Die Gründung der USA aus unterschiedlichen Blickwinkeln

Die Historiker Joseph J. Ellis und Lothar Höbelt blicken auf die amerikanische Unabhängigkeit und die Entstehung der USA vor 250 Jahren zurück. Das tun sie mit großem Gewinn für die Leser, wenn auch auf unterschiedliche Weise.
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Das 250. Gründungsjubiläum der Vereinigten Staaten beschert uns bereits jetzt eine Fülle der üblichen Jahrgangs- und Jubiläumsliteratur, die zu derartigen Ereignissen zu erscheinen pflegt und angesichts der man heute schon froh sein kann, wenn sie nicht mit Hilfe von KI produziert worden ist. Das erste der beiden hier anzuzeigenden Bücher stammt von einem Pulitzer-Preisträger – also von einer ausgewiesenen amerikanischen Edelfeder – und dazu von einem bekannten Spezialisten: Joseph J. Ellis lehrt amerikanische Geschichte an einem College in Massachusetts und hat bereits eine Fülle einschlägiger Publikationen zur Gründungsgeschichte seines Heimatlandes vorgelegt.

Sein zuerst 2013 unter dem Titel „Revolutionary Summer“ erschienenes Buch wurde nunmehr, pünktlich zum Jubiläum, unter dem Titel „1776 – Der Sommer der Revolution“ ins Deutsche übersetzt und schildert – versehen mit einigen ansehnlichen, wenn auch etwas klein geratenen Illustrationen – die Ereignisse nur eines knappen halben Jahres, nämlich der fünf Monate zwischen Mai und Oktober 1776, nach Formulierung des Autors „das erstaunlichste Crescendo von Ereignissen in der amerikanischen Geschichte“. Ausdrücklich geht es ihm darum, sich weder nur auf die politischen Ereignisse, noch – wie so oft – ausschließlich auf die militärischen Vorgänge, insbesondere die Schlachten zwischen den Rebellen und ihren Gegnern, zu konzentrieren, sondern beide Perspektiven miteinander zu verbinden.

Das ist ihm ohne Zweifel gelungen, und die Personencharakterisierungen, die Ellis seinem Buch einfügt, etwa von John Adams, Benjamin Franklin, George Washington und anderen, geben dem Buch eine besondere Anschaulichkeit: Jene rein sozial- und wirtschaftsgeschichtlich vorgehende, sich von einer Statistik zur anderen hangelnde „Geschichte ohne Menschen“ ist Ellis’ Sache jedenfalls nicht.

Ellis räumt einige patriotische Legenden der USA ab

Im Rückblick erstaunlich ist, dass, wie er darlegt, in den Debatten des 1776 in Philadelphia tagenden „Kontinentalkongresses“ bereits die grundlegenden Probleme einer künftigen amerikanischen Republik heftig und kontrovers debattiert wurden: die Spaltung der Nord- und Südstaaten in der Frage der Sklaverei, der Konflikt zwischen großen und kleinen Staaten mit Blick auf das Problem einer angemessenen Repräsentation auf der gesamtstaatlichen Ebene, und drittens ebenfalls die Kontroverse „zwischen den Verfechtern einer Konföderation souveräner Staaten und den Befürwortern einer festeren nationalen Einheit“. Diese Streitfragen haben die innere Entwicklung der USA noch mindestens bis in die Zeit des Bürgerkrieges bestimmt.

Und Ellis räumt auch mit manchen historisch-patriotischen Legenden seines Landes auf, etwa indem er darauf hinweist, dass so etwas wie ein amerikanisches Zusammengehörigkeitsgefühl, gar ein Nationalbewusstsein erst durch den Unabhängigkeitskrieg entstanden ist. Vorher blieben, wie er ausführt, „die Bindungen der weit verstreuten amerikanischen Bevölkerung lokal oder bestenfalls regional. Etwas anderes anzunehmen, zwingt einer viel chaotischeren Realität zu viel politische Kohärenz auf und unterschätzt das Dilemma, vor dem amerikanische Führer im Kongress und in der Armee tatsächlich standen“.

Etwas zu kurz kommen bei Ellis, wie so häufig in den Darstellungen des Unabhängigkeitskampfes, die nordamerikanischen „Loyalists“, die britische Untertanen bleiben wollten, die ihrem König Georg III. die Treue hielten, sich deshalb den Aufständischen widersetzten und von ihnen übel behandelt, vielfach massakriert wurden, bevor sich die Überlebenden gegen Ende des Krieges zumeist nach Norden, nach Kanada, retten konnten, wo sie neue Siedlungen, etwa in New Brunswick (Neu-Braunschweig) begründeten.

Höbelt-Lektüre ist ein Vergnügen

Das USA-Buch von Lothar Höbelt.
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Die Geschichte dieser konservativen, die Revolution entschieden und aus Überzeugung bekämpfenden Loyalisten ist in den USA von der dominierenden „Geschichtsschreibung der Sieger“ lange Zeit kaum beachtet, zumeist mit Schweigen übergangen worden. Erst durch den 1940 erschienenen bedeutenden, exzellent recherchierten historischen Roman „Oliver Wiswell“, verfasst von dem Autor und Journalisten Kenneth Roberts, ist dieser Teil der Ereignisse des Jahres 1776 wieder in das allgemeine Bewusstsein zurückgekehrt; seitdem gehört die Geschichte des „loyalen Long Island“, des Sieges der Briten und der Loyalisten über die Aufständischen in Brooklyn am 27. August 1776 und der Einnahme von New York einen Monat später ebenfalls wieder zu den besonders kennzeichnenden historischen Ereignissen jenes Sommers.

Lothar Höbelt, der Autor eines weiteren Jubiläumsbuches, ist den Lesern dieser Zeitung zu bekannt, als dass er hier vorgestellt werden müsste. Die mit nicht mehr als etwa 250 Seiten eher knappe, im kleinen, aber feinen Wiener Karolinger-Verlag erschienene Darstellung der amerikanischen Gesamtgeschichte verfolgt das Ziel, die Dinge auf den Punkt zu bringen und verschmäht dabei den Mut zur Lücke ausdrücklich nicht. Der Autor formuliert kurze und pointierte Fragen zu zentralen Aspekten seines Themas, die er anschließend mehr oder manchmal auch weniger ausführlich beantwortet.

Die Lektüre ist, wie stets bei diesem Autor, schon deshalb ein Vergnügen, weil er geradezu lustvoll alle Denkverbote und „woken“ Allüren, die heute andernorts – gelegentlich sogar in der seriösen Geschichtsschreibung – dominieren, souverän ignoriert. Höbelt sagt stets, was er denkt, und das imponiert den meisten Lesern auch dann, wenn sie nicht in jedem einzelnen Punkt seine Meinung oder Deutung teilen.

Die USA mit anderen Augen sehen

Das USA-Buch von Ellis.
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Schon in der Einleitung stellt er seine eigene Position von Anfang an klar: Der 1956 in Wien geborene Autor berichtet hier nämlich, dass er selbst seit April 1970 „pro-amerikanisch“ gesinnt sei, „weil mir damals plötzlich auffiel, dass es ja die Linken und die Achtundsechziger waren, die wegen des Vietnamkrieges gegen Amerika Sturm liefen“. Genau deshalb habe er „keineswegs mit den Wölfen heulen“ wollen. Und natürlich führt er neben der subjektiven auch eine objektive Perspektive an, denn „für einen europäischen Konservativen – welcher Herkunft auch immer – konnte der Gegner doch nur die Sowjetunion sein, die uns ohne die Nato schon längst geschluckt hätte“.

Angesichts eines bei manchen Konservativen anzutreffenden ästhetischen Unbehagens an den USA lasse sich zwar über Geschmack nicht streiten, dennoch sei, betont Höbelt ebenfalls, sein Buch „schon auch gedacht als ein Anstoß für Konservative, die USA einmal mit anderen Augen zu sehen, als den Bildern aufzusitzen, die uns die Medien servieren“.

In genau diesem Sinne ist die Darstellung – nicht nur als Lesevergnügen – uneingeschränkt zu empfehlen: nach Maßgabe des Verfassers sind es nur „ein paar große Linien, garniert mit einigen Details, die vielleicht weniger bekannt sind – und hoffentlich auch ein wenig unterhaltsam“. Jedenfalls muss kein eher amerikakritisch eingestellter Leser befürchten, dass hier die eindeutig negativen Aspekte und Vorgänge der amerikanischen Geschichte unterschlagen werden.

Beide Bücher sind USA-Kritikern und -Verehrern gleichermaßen zu empfehlen

Der an den indigenen Ureinwohnern, die Höbelt natürlich noch ganz unwoke als „Indianer“ bezeichnet, begangene Landraub wird recht eindeutig als eine ziemlich üble Aktion der weißen Immigranten dargestellt – zwar nicht als Genozid, so doch als ein recht großer schwarzer Fleck auf der schon damals gar nicht mehr so weißen Weste des „Wunderkindes des Biedermeier“.


Ein weiterer glänzend geschriebener Abschnitt folgt gleich anschließend, als die prägende Rolle Andrew Jacksons beschrieben wird, des ersten nicht aus der Oberschicht stammenden US-Präsidenten, der 1829 bis 1837 amtierte. Diesen rüpelhaften Populisten charakterisiert Höbelt denn auch sehr treffend als den „Trump des 19. Jahrhunderts“.

Einige kluge und sehr erhellende Beobachtungen enthält das Buch ebenfalls – so etwa den wichtigen Hinweis darauf, dass in den USA „der Mangel eines institutionalisierten Konzepts von Staatsräson“ sich in einer „Rückbindung der Außenpolitik an die demokratischen Mechanismen der Innenpolitik“ niederschlage, die auf den europäischen Betrachter „immer wieder irritierend“ wirke. Wohl wahr, kann man da nur hinzufügen. Beide Bücher sind jedenfalls sowohl den Freunden wie den Verächtern der großen nordamerikanischen Republik zur Lektüre uneingeschränkt zu empfehlen.

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Prof. Dr. Hans-Christof Kraus lehrte Neuere Geschichte an der Universität Passau.

Lothar Höbelt: 250 Jahre Vereinigte ­Staaten von Amerika. Karolinger Verlag, Wien 2026, gebunden, 264 Seiten, 26 Euro.

Joseph J. Ellis: 1776. Der Sommer der Revolution. Verlag C.H. Beck, München 2026, gebunden, 249 Seiten, 28 Euro.

Aus der JF-Ausgabe 34/26.

George Washington und seine Rolle bei der Gründung der USA wird in den Büchern entsprechend gewürdigt (Symbolbild). Foto: picture alliance / akg-images | akg-images
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