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Social-Media-Trend: Eurosommer, wir kommen!

Social-Media-Trend: Eurosommer, wir kommen!

Social-Media-Trend: Eurosommer, wir kommen!

Aperol Spritz am Gardasee (Symbolbild): Die „Eurosommer“-Genießer blicken vor allem auf Südeuropa mit Neid. Foto: picture alliance / Shotshop | Gudrun Krebs
Aperol Spritz am Gardasee (Symbolbild): Die „Eurosommer“-Genießer blicken vor allem auf Südeuropa mit Neid. Foto: picture alliance / Shotshop | Gudrun Krebs
Aperol Spritz am Gardasee (Symbolbild): Die „Eurosommer“-Genießer blicken vor allem auf Südeuropa mit Neid. Foto: picture alliance / Shotshop | Gudrun Krebs
Social-Media-Trend
 

Eurosommer, wir kommen!

Viel Sonne, wenig Arbeit, null Stress: Das US-Netz sehnt sich nach einem „Eurosommer“. Dahinter steckt mehr als nur Fernweh – nämlich die Suche nach einem anderen Lebensgefühl.
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Warmes mediterranes Licht fällt auf die Tischdecke, darauf steht eine Tasse Kaffee. In der Ferne scheinen die Berge gelben Staub auszudünsten, und in der Luft liegt der Duft eines nahen Olivenhains. Man gähnt, streckt sich, blättert durch das mitgebrachte Buch und nippt am Kaffee. Wenn von Juni bis August doch bloß jeder Tag so ablaufen könnte.

Nein, das war keine Urlaubsbeschreibung. Das war die etwas verkürzte Zusammenfassung einer Lebensart, der man sich besonders in süd-europäischen Ländern erfreut, oder allgemein überall dort, wo die protestantische Arbeitsethik nie hingelangt ist, und für die ausgerechnet US-Amerikaner mittlerweile eine enorme Faszination entwickelt haben. „Eurosummer“ lautet dabei das selbsterklärende Zauberwort, und wer diesen Begriff auf irgendeiner beliebigen Internetplattform ins Suchfeld eintippt, wird auf sehnsuchtserweckende Bildcollagen stoßen. Pesto und Mozzarella, Mokkakannen, Frauen im Bikini – „irgendwie wissen die da drüben, wie man richtig lebt“, lautet der Subtext vieler Posts.

Klar, auch die Nordeuropäer lieben das Mittelmeer. Doch bei der Begeisterung von Übersee spielt noch eine ganz andere Perspektive mit hinein. Das beginnt damit, dass es im großen Imperium buchstäblich keinen gesetzlichen Anspruch auf bezahlten Urlaub gibt. Im Durchschnitt erhalten Vollzeitbeschäftigte im ersten Jahr etwa zehn Tage bezahlten Urlaub, individuell ist das allerdings von der Firmenpolitik abhängig. Zum Vergleich: Italiener (und Deutsche) haben gesetzlichen Anspruch auf 20 Tage pro Jahr, Franzosen, Österreicher und Griechen dürfen gar 25 Tage in Anspruch nehmen. Und dann kommt in den Sommermonaten noch der Riposo dazu, also das, was man in Spanien Siesta nennt: zwischen 13 und etwa 16 Uhr machen die meisten Geschäfte dicht und öffnen erst wieder, wenn es gegen Abend etwas abkühlt.

Ein Gegenmodell zur modernen Arbeits- und Medienwelt

Klingt entspannt, oder? Innerhalb der Eurosommer-Debatte verknüpft sich damit aber nicht bloß die Aussicht auf genießerische Faulenzerei, sondern die Abkehr von zeitgenössischen Irrtümern und Krankheiten. „Niedriges Cortisol“ ist hier das Stichwort. Denn das körpereigene Stresshormon, welches uns etwa aufwachen lässt oder uns in fordernden Situationen vorübergehend leistungsfähiger macht, hat sich im Netz mittlerweile einen fatalen Ruf erworben.

Dank Social-Media-Dauerbeschallung und stressiger Jobs produziere, so die These, unser Körper mittlerweile viel zu viel von dem Zeug, weswegen der zeitgenössische Mensch zu schlechtem Schlaf, Antriebslosigkeit und einem aufgequollenen, mondrunden Gesicht neige. Laut den meisten etablierten wissenschaftlichen Autoritäten soll das übrigens alles Schabernack sein, und ein krankhaft erhöhter Cortisol-Spiegel ein medizinisch seltener (aber gefährlicher) Fall. Aber so oder so – dass sich chronischer Stress nicht gut anfühlt, braucht uns kein Forscher zu erklären.

Das gefeierte Gegenmodell lautet natürlich: Das süße Nichtstun, „dolce far niente“, wie es der Italiener sagt. Jener Niedriger-Cortisolspiegel-Lebensstil soll nicht bloß zum Genuss führen, sondern archaische Urkräfte wecken. Sonnenlicht, Wasser, Espresso und entblößte Haut werden Teil eines quasi-spirituellen Heilungsprozesses.

Auch in Deutschland gibt es Eurosommer-Memes

Ein bisschen Konsumkritik und gesunder Eurozentrismus kommen auch noch dazu. „Deine Seele braucht nicht Dubai, sie braucht das hier“, lautet ein populärer Satz in Eurosommer-Posts, stets mit dem Foto einer verlockenden europäischen Naturszenerie veröffentlicht, auf welche sich das „das hier“ bezieht.

Der Eurosommer ist sicherlich bis zu einem gewissen Grad „rechts“ konnotiert und spiegelt nicht zuletzt auch eine amerikanische Sehnsucht nach einer authentischere, roheren, älteren Kultur wieder; die Rückkehr zu einer verloren geglaubten Urheimat. Den größtdenkbaren Kontrast zu Dubai bildet Südeuropa zusätzlich noch durch seine Einfachheit. Karge steinerne Hütten, Tomate, Mozzarella und Basilikum auf dem Teller, ein Getränk auf dem rohen Holztisch – die Eurosommer-Ästhetik zielt nicht auf jene Opulenz, die ja traditionellerweise durchaus auch mit Ländern wie Italien verbunden wird.

Mittlerweile hat das Meme im deutschsprachigen Raum sogar einen Mini-Sommerhit produziert. Der Wiener Musiker Nino Hoffmann verdichtete die Sehnsuchtsmotive des sonnigen Südens zu einem knapp vierminütigen Popsong, der dem Ganzen noch eine explizit sexuelle Note aufdrückt (die möglicherweise auch schon die ganze Zeit unter der Oberfläche schlummerte). Auf der Musikplattform Spotify geht es mittlerweile auf 4.000 Abspieleinheiten zu.

Aus der JF-Ausgabe 34/26.

Aperol Spritz am Gardasee (Symbolbild): Die „Eurosommer“-Genießer blicken vor allem auf Südeuropa mit Neid. Foto: picture alliance / Shotshop | Gudrun Krebs
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