Herr Professor Schmidt, gibt es heute noch „bewegende Köpfe“ in der Politik?
Rainer F. Schmidt: Ob eine Persönlichkeit geschichtsmächtig ist, offenbart sich erst in der historischen Rückschau.
Manche meinen, große Politiker gab es nur in der Vergangenheit, heute hätten wir es dagegen mit lauter Zwergen zu tun. Richtig oder ein populärer Irrtum?
Schmidt: Das scheint so zu sein. Allerdings gab es auch in der Bundesrepublik prägende Politiker, wie Adenauer mit der Politik der Westintegration, Ludwig Erhard mit der sozialen Marktwirtschaft, Willy Brandt mit der Ostpolitik und Helmut Kohl mit der Wiedervereinigung.
Und auch in den vergangenen Jahren erfolgten Weichenstellungen von kardinaler Bedeutung für die Zukunft, wie etwa die Grenzöffnung 2015 oder die desaströse Energiepolitik von Angela Merkel.
Schmidt: „Ein ‘bewegender Kopf’ muss sichtbare Spuren in der Geschichte hinterlassen“
Was ist mit Friedrich Merz? Mancher hat ja zumindest bis zu seiner Wahl noch gehofft, er könne sich vielleicht als „bewegender Kopf“ erweisen.
Schmidt: Das ist bislang nicht erkennbar. Es sei denn, man bewertet den gigantischen Vertrauensverlust seiner Regierung als historische Leistung. Ein „bewegender Kopf“ muss sichtbare Spuren im Gang der Geschichte hinterlassen haben. Ob diese positiv oder negativ waren, ist kein entscheidendes Kriterium, wie man am Wirken der großen Diktatoren Hitler, Stalin, Lenin und Mussolini sieht.

Was also erhebt eine historische Persönlichkeit zu einem „bewegenden Kopf“ in Ihrem Sinne?
Schmidt: Zum einen muss sie ein geschichtsmächtiges Individuum sein, das die Geschicke Europas entscheidend gestaltete – also nicht nur seine Zeit prägte, sondern auch die Zukunft beeinflusste. Zum anderen sind die für mein Buch „Bewegende Köpfe“ gewählten Gestalten faszinierende Figuren, deren Leben emotional aufrüttelt, zum Nachdenken über Grundfragen menschlicher Existenz anregt und in deren Wirken sich das Bedingungsgefüge unseres heutigen Daseins spiegelt.
Aber ist über Ihre „bewegenden Köpfe“ nicht schon längst alles gesagt? Zum Beispiel Adolf Hitler oder sein Gegenspieler, der britische Premier Neville Chamberlain – zwei der fünfzig historischen Persönlichkeiten, denen Sie sich im Buch widmen.
Schmidt: Ganz im Gegenteil, Chamberlains Appeasement-Politik gegenüber Hitler wird bis heute, etwa im Ukraine-Krieg, als Argument angeführt, sich den Forderungen von Diktatoren nicht zu beugen oder diese durch Konzessionen zu beschwichtigen. Tatsächlich ist Appeasement aber keine Blaupause für den Umgang mit heutigen Diktatoren. Chamberlains Politik war kein Kniefall vor Hitler.
Sondern?
Schmidt: Es war eine rationale, kühl kalkulierte Strategie, mit dem doppelten Zweck von Kriegsvermeidung und Kriegspräparation.
Was bedeutet?
Schmidt: Die Briten hatten nach dem Ersten Weltkrieg, genau wie heute, weitgehend abgerüstet. Sie folgten der „Ten Year Rule“, wonach ihrem Weltreich in den kommenden zehn Jahren kein großer Konflikt drohe. Die Friedensdividende wurde, wie heute, in Sozialprogramme und Wohlfahrtsmaßnahmen investiert. Man stand damit Hitler militärisch unvorbereitet gegenüber. Dies führte zum Kompromiss mit dem Diktator in München 1938. Gleichzeitig nutzte England aber die gewonnene Zeit zur Kriegspräparation in Form der Aufrüstung.
Chamberlain hatte schon als Schatzkanzler 1935 die Programme für die Abfangjäger aufgelegt, die in der Luftschlacht um England 1940 dann seinen Nachfolger Winston Churchill in den Stand versetzten, die deutschen Angriffe abzuschlagen und das Land vor einer Invasion zu schützen. Hitler hat später in seinem Testament bedauert, dass der Krieg nicht schon 1938 begonnen hatte, weil damals die Siegchancen wegen des deutschen Rüstungsvorsprungs noch weit besser waren.
Mit der Appeasementpolitik konnte Hitler zudem in seiner ganzen Maßlosigkeit entlarvt werden, weil er, trotz Chamberlains Entgegenkommen, seine aggressive Politik fortsetzte und alle Abmachungen brach.
„Hitler – bei ihm sind noch zwei Aspekte offen“
Zu Chamberlain gibt es also quasi Neues zu sagen, aber zum Beispiel zu Hitler?
Schmidt: Ich meine, mein Text über ihn ist innovativ – auch wenn er nur drei Seiten umfasst, wie alle Porträts im Buch. Denn Hitlers Verbrechen, Lebensdaten, sein Aufstieg und Untergang, das alles ist ja gut erforscht. Aber zwei Aspekte sind offen, und auf die konzentriert sich mein Porträt: Der eine ist das Charakterbild dieses außerhalb jeglicher menschlicher Zivilisation stehenden Unholds.
Hitler war ein Mensch ohne Heimat, ohne Beruf, ohne Freundschaft, ohne Liebe, ohne Lebensfreude und Genuss. All das, was dem Leben Sinn und Richtung verleiht, was Verlust bedeutet, war ihm fremd. Er war eine absolut singuläre Erscheinung in der modernen Welt. Deshalb gibt es auch keine einzige Anekdote über ihn, also keine Begebenheit, bei der er sich einmal gelöst zeigte.
Und der zweite Aspekt?
Schmidt: Der besteht in der Frage, wie es so einer abstoßenden, außerhalb der Zivilisation stehenden Figur gelingen konnte, seine Weltanschauung einem ganzen Kulturvolk überzustülpen.
Weil Hitler dem Wesen der Deutschen entsprach, ja die ganze deutsche Geschichte nur darauf hinauslief, ihn hervorzubringen, so die politisch korrekte Deutung.
Schmidt: Die Unsinn ist. Entscheidend waren Versailles und das Chaos der Zwischenkriegszeit. Nach dem Ersten Weltkrieg 1919 gab es 25 demokratisch verfasste Staaten auf dem europäischen Kontinent. Zwanzig Jahre später, 1939, waren davon nur elf übriggeblieben. Es gab also nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa einen mächtigen autoritären und faschistischen Trend.
Hitler machte sich diesen Umstand insoweit zunutze, als er den Deutschen die vermeintliche Option eines dritten Wegs, zwischen Kapitalismus und Kommunismus, vorgaukelte, und dies führte direkt in die Katastrophe.
„Geschichte besser verstehen, wenn Sie mit Menschen verbunden ist“
Ihr Buch versammelt vor allem historisch-politische Figuren Europas des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, aber keine mittelalterlichen Kaiser, keinen Konrad Adenauer und auch keine Amerikaner oder andere Außereuropäer wie Gandhi oder Nasser. Warum?
Schmidt: Das hängt mit meinem Fachgebiet, europäische und deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, zusammen, sowie mit der Entstehungsgeschichte des Buches. Als Universitätsprofessor habe ich über fünfzig Vorlesungen gehalten, die recht populär waren und stets 200 bis 300 Zuhörer anzogen.
Eine Attraktion dabei war jedesmal ein Rätsel zu einer bestimmten historischen Gestalt, die mit der Thematik der Veranstaltung in Beziehung stand. Die Studenten waren begeistert und recherchierten akribisch, wer die zu erratende Person war. Diese farbig geschilderten Porträts, angereichert mit Anekdoten, Aphorismen und spannenden Episoden, graben sich viel stärker ins Gedächtnis ein als blutleere Strukturen.
Zudem ist es eine Grunderfahrung des Lernens, dass sich abstrakte historische Phänomene besonders gut begreifen lassen, wenn sie mit Menschen in Verbindung stehen. Nicht zuletzt, weil die Personalisierung den Leser zur Stellungnahme herausfordert, ein Beurteilen und Bewerten ermöglicht und so ein Wertesystem schafft.
Ist Ihr Buch auch ein Beitrag zur klassischen Debatte darum, ob es nun Personen oder soziale Strukturen sind, die die Geschichte formen?
Schmidt: Ja, das Buch konturiert eindeutig den personalen Faktor, also den Umstand, dass Menschen entscheidend im Stellwerk der Geschichte sind, weil sie jenseits der nüchternen Daten ihres Lebenslaufs durch ihr Wirken den Gang der Historie maßgeblich beeinflussten.
„Im Grunde ist das Phänomen Trump ein gigantischer Feldversuch“
„Männer machen Geschichte“, schrieb 1879 Heinrich von Treitschke. Zeitweilig galt dieser Ansatz als veraltet. Bestätigt nun zum Beispiel Donald Trump diese Theorie, die Sie mit Ihrem Buch auch teilen?
Schmidt: In der Tat ist das Phänomen Trump im Grunde ein gigantischer Feldversuch zur Frage, ob nun Strukturen oder Menschen der geschichtsmächtige Faktor sind. Ich meine, es ist offensichtlich, dass Trump der Politik seinen persönlichen Stempel aufprägt, was man in der zweiten Amtszeit ja noch besser und intensiver studieren kann als in seiner ersten.
Trump wird auch attestiert, ein Rückfall in eben jene Zeit zu sein, für die Sie Fachmann sind und aus der Ihre „bewegenden Köpfe“ stammen. Trifft das zu oder ist das ähnlich verzerrend wie bei Chamberlain?
Schmidt: Der Fehler liegt darin, zu glauben, Trump sei ein Rückfall. Das ist er nicht. Vielmehr hat die Großmachtpolitik des 19. Jahrhunderts nie aufgehört, sie wirkt nur quasi verdeckt hinter dem, was man heute bei uns „wertegeleitete Außenpolitik“ nennt. Vor dem Ersten Weltkrieg gab es die Pentarchie, das System der fünf Großmächte Großbritannien, Frankreich, Russland, Deutschland und Österreich-Ungarn, das heute durch die Mächte USA, Russland und China ersetzt ist.
Diese Mächte haben Interessen und Einflusszonen, sie betreiben Realpolitik wie eh und je. Trump ist lediglich jemand, der diese Realität wieder unverblümt und brutal in den Vordergrund stellt, der sich keine Mühe gibt, sie zu bemänteln, sondern im Gegenteil, der auch durch seine Persönlichkeit und Wortwahl diesen Umstand betont. Und noch etwas lehrt der Blick zurück meines Buches unsere Gegenwart: Großmächte lassen sich nicht unter Existenzdruck setzen oder erpressen.
Sie meinen das mit Blick auf Russland und China?
Schmidt: Wer glaubt, wir könnten Moskau und Peking durch Druck gefügig machen, hat die Lehren der Geschichte nicht begriffen. Nehmen Sie etwa Theobald von Bethmann Hollweg, Reichskanzler zu Beginn des Ersten Weltkriegs, dem ich mich im Buch auch widme. Deutschland war damals umstellt von Frankreich, England und Russland, später kam noch Italien hinzu.
Das Kaiserreich sah sich also mit einer vollkommenen Einkreisung konfrontiert, was zur deutschen Kriegserklärung geführt hat. Das stellt unter Beweis, dass Großmächte sich mit Gewalt gegen Einschüchterung und Machtverlust zur Wehr setzen.
Man hätte also die Lehre der Geschichte beherzigen müssen, dass es auf Dauer nicht gutgehen kann, die Nato immer weiter nach Osten auszudehnen und Putin vor vollendete Tatsachen zu stellen. Übrigens wurden auch alle wichtigen Rüstungsbegrenzungsabkommen – der ABM-, der INF- und der KSE-Vertrag – nach der Jahrtausendwende nicht von Putin, sondern von den USA gekündigt. Das wird in der öffentlichen Diskussion gemeinhin ausgeblendet.
„Das Parteiensystem führt zum Untergang der Demokratie“
Sie widersprechen bereits in Ihrem Opus magnum „Kaiserdämmerung. London, Paris, St. Petersburg und der Weg in den Untergang“ auch der populären These, dass Deutschland der Schurkenstaat des Ersten Weltkriegs sei.
Schmidt: Ja, ich zeige darin auf, dass die Hauptverantwortung vielmehr bei Frankreich und Russland lag. Aber diese Sicht der Dinge, mag sie auch noch so gut mit Quellen belegt sein, kann sich gegen den herrschenden Mainstream in den Medien und in der Geschichtswissenschaft nicht durchsetzen. Denn unser Geschichtsbild ist gänzlich moralisch aufgeladen.
Die drei schlimmsten Auswüchse dessen sind erstens der Purifizierungswahn in Gestalt der Umbenennung von Straßen und Plätzen, der Schleifung historischer Denkmäler und der Reinigung der Traditionsliteratur, was uns unserer historischen Identität beraubt.
Zweitens der sogenannte Postkolonialismus, also der Wahn, die Unterdrückung indigener Völker wiedergutmachen zu müssen. Das führt zum Hass auf Israel als angeblicher Speerspitze des europäischen Imperialismus, zur Tolerierung illegaler Masseneinwanderung als vorgeblicher Wiedergutmachungsmaßnahme sowie zur Verteufelung der Figur des „alten weißen Mannes“, der sich die Erde widerrechtlich untertan gemacht habe.
Am schlimmsten ist aber, drittens, der Hang zu einem historischen „Reenactment“ eines großen Teils der Gesellschaft, der sich wahnhaft zurückversetzt glaubt in die Zeit kurz vor 1933 und meint, eine neuerliche „Machtergreifung“ von rechts verhindern zu müssen.
Tatsächlich hat die AfD mit der NSDAP aus der Sicht des Historikers überhaupt nichts gemein. Egal, was man über die AfD denkt, aber weder zielt sie auf die Abschaffung von Verfassung und Demokratie, noch hat sie ein Führerprinzip oder unterhält eine Parteiarmee von drei Millionen Mann, wie die NSDAP 1933, die politische Gegner und Minderheiten verfolgte, Rathäuser besetzte und wilde KZs einrichtete. Im Gegenteil, die AfD muss froh sein, wenn ihre Politiker und Wahlhelfer nicht körperlich angegriffen und ihre Büros und Autos nicht in Brand gesetzt werden.
Ihr Buch porträtiert vor allem Menschen, die vor, während und nach dem Ersten sowie im Zweiten Weltkrieg wirkten, also in einer Zeit großer Krisen. Sehen Sie uns auch heute in eine solche schlittern oder ist solch eine Parallele übertrieben?
Schmidt: Ein Porträt im Buch ist dem 1934 von den Nazis ermordeten konservativen Publizisten Edgar Julius Jung gewidmet, der 1927 das Buch „Die Herrschaft der Minderwertigen“ schrieb, in dem er aufzeigte, dass das Parteiensystem im Grunde zum Untergang der Demokratie führt, weil die Parteien niemals das Sachinteresse im Auge haben, sondern nur ihr kurzsichtiges Klientelinteresse.
Daran fühlt man sich heute erinnert, denn auch wir haben keine einzige Institution mehr, die das Sachinteresse bei wichtigen Fragen von Zukunftsbedeutung im Auge hat – leider auch nicht der Bundespräsident und das Bundesverfassungsgericht.
Was in meinem Buch deutlich wird: Die Geschichte lehrt eindeutig, kein politisches System kann ohne die mehrheitliche Zustimmung seiner Bürger überleben. Dennoch tun unsere Regierenden alles, diesen Umstand zu ignorieren. Das kann auf die Dauer nicht gutgehen. Zu wünschen wäre, dass sie mein Buch lesen und daraus ihre Lehren ziehen. Das aber bleibt wohl ein frommer Wunsch.
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Prof. Dr. Rainer F. Schmidt lehrte von 1998 bis 2021 Neueste Geschichte und Didaktik der Geschichte an der Julius-Maximilians-Universität zu Würzburg mit den Schwerpunkten Kaiserzeit, Weimarer Republik und Nationalsozialismus.
Er veröffentlichte zahlreiche Bücher, darunter „Otto von Bismarck – Realpolitik und Revolution. Eine Biographie“ (2004) und „Der Untergang einer Republik. Weimar und der Aufstieg des Nationalsozialismus“ (2020) oder „Kaiserdämmerung. Berlin, London, Paris, St. Petersburg und der Weg in den Untergang“ (2021). Nun ist in der Edition JF sein neuer Band erschienen: „Bewegende Köpfe. Historische Porträts aus zwei Jahrhunderten“
Geboren wurde der Historiker 1955 im oberfränkischen Schwarzenbach am Wald im bayerischen Landkreis Hof.






