Der Untertitel „Geschichte der amtlichen Beziehungen“ lässt eine Folge trockener politischer Abhandlungen erwarten, das Buch ist jedoch ein lebendig geschriebenes historisches Panorama, dabei ein akribisch quellenfundiertes Werk, das sich keineswegs nur auf die amtlichen Beziehungen beschränkt, sondern die Ereignisse in die gesamteuropäische Entwicklung einbindet. Im Mittelpunkt steht aber die Historie deutscher und polnischer diplomatischer Vertretungen.
Enrico Seewald, Mitglied im Forschungsverbund „SED-Staat“ an der FU Berlin und Urs Unkauf, Historiker, Soziologe und Bundesgeschäftsführer des Bundesverbandes für Wirtschaftsförderung und Außenwirtschaft haben mit ihrem Buch einen neuen Ansatz der Betrachtung der über tausendjährigen gemeinsamen Geschichte beider Länder vorgelegt. Die Perspektive ist hier die Diplomatiegeschichte, wobei besonderes Gewicht auf die Darstellung der Tätigkeit wichtiger Persönlichkeiten gelegt ist und insbesondere auch architektonische Exkurse zu den Dienstgebäuden nicht fehlen.
Den Autoren ist eine angemessene Darstellung der deutsch-polnischen Beziehungen persönliches Anliegen, wenn Seewald schreibt: „Nirgendwo waren die deutschen Verbrechen im Zweiten Weltkrieg so schwerwiegend wie in Polen. Die Vertreibung der Deutschen nach dem Krieg begründete neues Unrecht. Diese Traumata und der heftige Streit um die Grenzen machen die Beziehungen zu einem hochsensiblen und komplexen Thema für die historische Forschung.“
Das deutsch-polnische Verhältnis beruht auf Vielem
Charakteristisch für das Buch ist des weiteren eine epochenübergreifende Darstellung aus einer Art überstaatlicher, europäischer Sicht, wenn dargelegt wird, wie sehr seit dem Mittelalter polnische Adelsgeschlechter mit deutschen, ungarischen, schwedischen Familien oder speziell den sächsisch-wettinischen verflochten waren bzw. die weltpolitischen Hintergründe erleuchtet werden – beispielsweise die der Teilungen.
Das Buch zeigt, dass das deutsch-polnische Verhältnis seit Ende des zehnten Jahrhunderts auf weitaus mehr als dem Kampf mit dem Deutschen Orden und der Tannenbergschlacht 1410 beruht (Lesen Sie hier ein JF-Geschichtsstück), auf mehr als der sächsisch-polnischen Personalunion, mehr als den polnischen Teilungen und vor allem mehr als der NS-Zeit. Es stellt deutlich heraus, dass vieles sehr Positives im bilateralen Verhältnis bestanden hat – von Anfang an.
So stellt das erste der neun Großkapitel des Buches die früheste deutsch-polnische Begegnung dar, die gleichzeitig einer der Höhepunkte der beiderseitigen Beziehungen überhaupt ist: der „Akt von Gnesen“ im Jahr 1000, als Kaiser Otto III. und der polnische Herzog Bolesław Chrobry zusammentrafen. Otto gründete die Kirchenprovinz (Erzbistum) Gnesen (mit Suffraganbistümern unter anderem in Kolberg und Breslau) und schloss ein Bündnis für den gemeinsamen Kampf gegen die heidnischen Lutizen ab. Auch erhielt Bolesław die Rangerhöhung zum König – Otto erkannte ihn als souveränen Herrscher Polens an, womit Polens Unabhängigkeit gefestigt wurde – somit letztlich Polens staatliche Identität aus einem frühen Maximum der Beziehungen zu Deutschland beziehungsweise zum Heiligen Römischen Reich resultiert.
Preußens erster Herzog hatte eine polnische Mutter
Die folgenden Abschnitte widmen sich knapp, aber erschöpfend dem Verhältnis Deutscher Orden-Polen und erläutern anschließend das Interesse hohenzollerischer Herrscher an der Auslösung des Ordensnachfolgestaats, des säkularen Herzogtums Preußen, aus der polnischen Lehenshoheit, was um 1550 in Krakau zur Errichtung der ersten ständigen deutschen, also kurbrandenburgischen Auslandsvertretung führte. Denn der letzte Hochmeister und erste Herzog von Preußen, Albrecht von Brandenburg, hatte eine polnische Mutter.

Doch ist das Buch keineswegs mittelalterlastig oder der Frühen Neuzeit verhaftet. 370 der 423 Textseiten (ohne Quellenapparat) sind dem 19. und 20. Jahrhundert gewidmet. Kapitel 4 beinhaltet die Situation im 18. Jahrhundert und die nach den drei Teilungen bis zum Ersten Weltkrieg. Besonders informativ ist dabei die Historie um das Entstehen des preußischen Generalkonsulats in Warschau und der preußischen Residentiatur in Krakau nach Ende der napoleonischen Kriege auf Basis der russisch-preußischen Freundschaft.
Ausführlich wird das Verhältnis zwischen Polen und den USA im 19. Jahrhundert dargestellt – Kurioses oder wenig Bekanntes weckt dabei die Neugier des Lesers – so zum Beispiel dass ein Konsulat des Königreichs Sachsen 1841 auf Wunsch Leipziger und Chemnitzer Wirtschaftsverbände in Warschau entstehen konnte und die Existenz und das Ende der deutschen Generalgouvernements Warschau und Lublin, die während des Ersten Weltkriegs aus den von deutschen Truppen besetzten Gebieten Polens (damals das russische Zarenreich) entstanden waren.
Polen empfand die Weimarer Republik als Bedrohung
Vom Umfang her nimmt die Zeit von 1918 bis heute den größten Raum ein. Wegen des Rapallovertrags empfand Polen das Deutschland der Weimarer Republik als potentielle Bedrohung, groteskerweise waren es die frühen NS-Jahre, während der Piłsudski-Ära bis 1935, in denen ein wieder freundlicheres Verhältnis zwischen beiden Ländern bestand. Auf die Jahre des Zweiten Weltkriegs und der Nachkriegszeit wird umfangreich eingegangen und schließlich herausgearbeitet, dass die deutsch-polnischen Beziehungen heute in mehrfacher Hinsicht zentral für das geeinte Europa sind.
Neben einer wirtschaftlichen Dimension wird die sicherheits- und verteidigungspolitische Komponente zukünftig an Bedeutung gewinnen – noch nie seien die deutsch-polnischen amtlichen Beziehungen so vielversprechend wie heute gewesen. Im Nachwort Markus Meckels, das sich der Anerkennung der polnischen Westgrenze im deutschen Vereinigungsprozess widmet, heißt es: „Der Wiederaufbau der Ukraine und deren Integration in die Europäische Institution sind ein weites Feld für strategische Kooperation“ – und wünscht, dass im Schloss Szytnort (Steinort), einst Sitz der Familie von Lehndorff und Ort des Widerstands gegen Hitler, eine sicherheitspolitische Akademie gegründet werden könnte und mit ihr, keine zwanzig Kilometer Luftlinie vor der russischen Grenze, die Nato-Ostflanke gestärkt werde. Damit könnte Ostpreußen, jahrhundertelang Brennpunkt im Konflikt zwischen Polen und Deutschen, zu einem Ort der Realisierung gemeinsamer Interessen werden.
Das Werk trägt in herausragender Weise „von keiner Partei Gunst und Hass verzerrt“ (Schiller) zum Abbau von Unkenntnis über Deutschlands östlichen Nachbarn bei. Die Bundeszentrale für politische Bildung sollte es in ihr Buchangebot aufnehmen.






