Stefan Zweig, rhetorischen Kitsch nie scheuend, rühmte dem Ende 1926 früh verstorbenen Rainer Maria Rilke nach, mit ihm habe sich ein „frommer Steinmetz am Dom der deutschen Sprache“ verabschiedet. Damit war das Stereotyp vom „reinen“, allein der Kunst verpflichteten zeitentrückten Ästheten und träumenden Künder vermeintlich ewiger Wahrheiten einmal mehr fixiert, das noch jüngst in den vielfach von blanker Ahnungslosigkeit zeugenden Feuilleton-Elogen zum 150. Geburtstag des Dichters reproduziert worden ist.
Diese Vorstellung vom Poeten als weltabgewandtem Schöngeist schloss die traditionelle bildungsbürgerliche Überzeugung ein, wahre Kunst sei vor allem „unpolitisch“. Rilke bekannte sich dazu in etlichen Selbstzeugnissen, in denen er sich apodiktisch vom Politischen abgrenzte. Er fühle sich dieser Sphäre trotz eifriger Lektüre der Tagespresse dermaßen fern, gestand er einer Freundin, dass es lächerlich wäre, würde er sich zu irgendeinem politischen Ereignis äußern.
Gewiss sei ihm jedoch, dass eine politisch gesinnungstüchtige Poesie, „die irgendwelche noblen Überzeugungen unterstützen“ wolle, „bestenfalls eine rührende Schwachheit ist“. Dichtung sei nun einmal nicht dafür zuständig, die Welt zu korrigieren.
Rilke lobte Mussolini
Während der 1960er und 1970er Jahre, als literarische Qualität nach dem Grad des politischen „Engagements“ bemessen wurde, bescherten solche Einlassungen dem auf dem Buchmarkt stets präsenten Werk Rilkes einen erheblichen Rückgang der Nachfrage. Linke und rechte Kritiker waren sich plötzlich einig, dass dieser Lyriker das entfremdete Dasein in der Moderne in reine Subjektivität auflöse, anstatt dessen gesellschaftliche Bedingungen zu enthüllen (Theodor W. Adorno) und folglich über das Niveau eines handwerklich talentierten „Verfertigers von Reimplastillin“ (Gottfried Benn) nie hinausgekommen sei.
Das von ihm selbst, seinen germanistischen Gralshütern und seiner Lesergemeinde über Generationen hinweg sorgfältig stilisierte Bild des apolitisch „frommen“ Sehers hat mit Hans-Peter Kunischs Studie über „Rilke und der Faschismus“ nun tiefe Risse bekommen. Rilke, so trumpft der einen Berg von „Belastungsmaterial“ aufhäufende Journalist und promovierte Literaturwissenschaftler auf, sei mit Sicherheit eines nicht: ein „unpolitischer Autor“. Im Gegenteil, die Fülle hochpolitischer Äußerungen im Werk wie in seinen 6.000 bisher erschlossenen Briefen erzwinge also eine gründliche Revision dieses Klischees.
Dafür geht Kunischs Argumentation aus vom schmalen, aber gewichtigen Briefwechsel, den Rilke von 1921 bis 1926 mit der Herzogin Aurelia Gallarati-Scotti führt. Zum kaum unterdrückten Entsetzen der hochadeligen Dame, die mit der antifaschistischen Opposition im Italien Benito Mussolinis sympathisiert, lobt Rilke den Diktator, der dem Land einen fabelhaften „Aufschwung in der Literatur und im öffentlichen Leben“ beschere.
Nur kurzzeitig war der Dichter links
Seit 1922, dem Jahr seiner Machtergreifung, sei Italien das einzige europäische Land, „dem es gut geht“. Weil dieser „Architekt des italienischen Willens“ und „Schmied eines neuen Bewusstseins“ die nunmehr vor „prächtiger Lebensfähigkeit“ strotzende Nation endlich eine – wie der isoliert im Wallis lebende Rilke in grotesker Verkennung der latenten Bürgerkriegslage in Italien glaubt.
Profaschistische Akklamationen solchen Kalibers sind für Kunisch keine stimmungsbedingten Eintagsfliegen. Vielmehr schlügen sich darin grundsätzliche weltanschauliche Überzeugungen und manifeste politische Positionen nieder. Kunischs Verdienst besteht darin, diese krassen brieflichen (Fehl-)Urteile zum Gesamtkontext des Œuvres in Beziehung zu setzen, um etwa die so abschreckend hermetischen Verse der „Duineser Elegien“ (1912/22) und der „Sonette an Orpheus“ (1923) erneut zu enträtseln.

In den Briefen an Gallarati-Scotti wie in der enigmatischen Spätlyrik formuliere Rilke die gleiche, bereits im Frühwerk der 1890er präsente, von Nietzsche und Darwin übernommene Philosophie vom Leben als ewigen Kampf, feiere das Recht des Stärkeren, verabscheue jede Form von Humanismus und Solidarität, Mitleid und Nächstenliebe. Nietzsches zyklische Geschichtsspekulation zur ewigen „Wiederkunft des Gleichen“ übernehmend, verneint der nur kurzfristig, während der Münchner Republik 1918/19, „linke“ Rilke jede Möglichkeit, dem Menschen seine „Raubtierhaftigkeit“ zu nehmen, ihn durch Aufklärung, Demokratisierung und Sozialreform zu humanisieren.
Kunisch schreibt vom „Salonfaschisten“
Eine statische Klassengesellschaft, in der nichts verändert, geschweige denn verbessert werden soll, die alles belässt, wie es ist, und die Günstlinge von Adel und Großbürgertum wie ihn selbst, nicht antastet, ist für den von aristokratischen Mäzeninnen ausgehaltenen, die elende Lage der Unterschichten ignorierenden Poeten die beste aller Welten.
Auch 1920 schwimmt er weiter im Fahrwasser des berüchtigten Verses: „Denn Armut ist ein großer Glanz aus Innen“ („Das Stunden-Buch“, 1905) und polemisiert dagegen, dass „Zwerge gestreckt und Bettler bereichert“ werden sollen. Denn es stifte nichts als Unordnung, die Bedrängnisse der Armen schematisch zu erleichtern oder aufzuheben, beispielweise durch die Einführung einer 50- oder gar 40-Stunden-Woche. Ratsamer sei es, wie im faschistischen Italien, Ordnung durch autoritäre Herrschaft zu schaffen.
Nur ein Gewaltregime wie das Mussolinis könne das Raubtier Mensch bändigen. Rücksichtsloser, so lautet Kunischs Fazit, hätte sich Rilke nicht als Verfechter einer autoritätsfixierten, antimodernen, antichristlichen, antidemokratischen und tendenziell antisemitischen, keineswegs lediglich konservativen, sondern in der Summe brutal rechtsextremen Ideologie, als „eigentümlich gedanken- und verantwortungsloser Salonfaschist“ offenbaren können.
Er wurde zum Wohlfühldichter erklärt
Unter dem Titel „Lettres Milanaises“ sind Rilkes Briefe und – auszugsweise – die Antworten der Herzogin 1956 gleichzeitig in Paris und Mailand veröffentlicht worden. Eine deutsche Ausgabe ist bis heute nicht erschienen. Wer oder was sie im Rilkes Werke betreuenden Suhrkamp/Insel-Verlag verhinderte, darüber mag entscheiden, wer Kunischs mit kriminalistischem Spürsinn rekonstruierte, spannenden literaturpolitischen Zündstoff bergende Geschichte einer über Jahrzehnte verschleppten Edition liest.
War es simple Wurstigkeit des Verlagsleiters Siegfried Unseld, der, obwohl häufiger darauf gestoßen, die Brisanz des Stoffes nicht erkennen wollte? Oder handelte er vorsätzlich, um die zu Konrad Adenauers Zeiten wieder „restaurierte“ bildungsbürgerliche Ikone Rilke zu schützen? Vermutlich vermischten sich beide Motive im Brei der Schlussstrichmentalität: Unseld, Jahrgang 1924, in die NSDAP als Abiturient eingetreten, Sohn eines SA-Obersturmführers, der sich 1938 an der „Reichspogromnacht“ beteiligte, wollte auf der Kurzstrecke vom „Parteigenossen zum Bundesbürger“ (Hermann Lübbe) nicht stolpern und war daher desinteressiert an einer Zweifel nährenden Debatte über den vermeintlich „reinen“ Wortkünstler Rilke.
Er wurde dabei von einer „harmoniefreundlichen, zu jeder Vergangenheitsbeschönigung entschlossenen breiten Gemeinde“ von Philologen, Editoren, Biographen und Feuilletonisten unterstützt. Die ließen sich am Leitseil der so maximal ahistorischen wie apolitischen existenzphilosophischen Exegese des volkspädagogisch enorm weitreichenden Heidegger-Schülers Otto Friedrich Bollnow gern die Botschaft vermitteln, Rilke sei kein Dichter nachkriegsbedingter „Ungeborgenheit“, sondern einer „Neuen Geborgenheit“ und wohlig-biedermeierlichen „Seinsbejahung“, der die Bonner Wirtschaftswunderrepublik gerade die materielle Basis lieferte („Rilke“, 1951/1956).
Der politische Rilke kann neuentdeckt werden
Später folgte diese Klientel einem anderen Legendenbildner, dem Marbacher Archivar Joachim Storck (1922–2011), dem Generationsgenossen Unselds und führenden Rilke-Experten aus linksliberal-kulturbürgerlichem Milieu, der darauf versessen war, den Dichter für seine eigenen „progressiven und emanzipativen Ansichten“ zu vereinnahmen. Dessen lange verzögerte Edition der „Briefe zur Politik“ Rilkes (1992) ist für Kunisch von „Verheimlichungen und Verschiebungen“ geprägt, gedanklich abenteuerlich und höchst zweifelhaft kommentiert. Sie enthält, in winzig gedruckter Übersetzung mehr versteckt als publiziert, nur vier der wichtigsten „Lettres Milanaises“, um den „Faschisten“ Rilke nicht zu exponieren.
Storcks Praktiken setzen noch Maßstäbe für die opulenten, im letzten Jahr pünktlich zum 150. Geburtstag vermarkteten Rilke-Biographien. Manfred Koch („Rilke. Dichter der Angst“) zitiert aus den „Lettres“ zwar kurz, streift aber nicht einmal den Gedanken an ihre mögliche Relevanz für das Gesamtwerk. Während die Marbacher Archivdirektorin Sandra Richter („Rainer Maria Rilke oder Das offene Leben“) ebenso sparsam mit den für sie offenbar belanglosen Briefpassagen umgeht und nicht einmal darauf hinweist, wo sie nachzulesen wären. So bleibt viel Raum für die Neuentdeckung des politischen Rilke.






