Die 100 größten deutschen Familienunternehmen haben 2025 ihren langjährigen Wachstumskurs verlassen. Inflationsbereinigt ging der Gesamtumsatz um zwei Prozent zurück, die Zahl der Beschäftigten sank um ein Prozent. Besonders die börsennotierten Firmen verzeichnen deutliche Einbußen. „Die Zahlen zeigen, dass sich die erfolgsverwöhnten deutschen Familienunternehmen dem wirtschaftlichen Umfeld nicht mehr entziehen können“, sagt Mark Binz, Seniorpartner der Stuttgarter Kanzlei Binz & Partner. Er ist Mitglied im CDU-Wirtschaftsrat der CDU und im Familienunternehmerverband.
Die Gründe seien vielfältig. Energieintensive Branchen im Mittelstand litten unter im internationalen Vergleich teuren Energiepreisen und einer hohen steuerlichen Belastung, so Binz. Ausufernde Dokumentationspflichten und langwierige Genehmigungsverfahren für Investitionen hemmten die Flexibilität. „Unvorhergesehene Ereignisse wie Cyberangriffe oder globale Handelskonflikte treffen schlank aufgestellte Familienbetriebe oft hart“, lautet seine Einschätzung. Und: Hunderttausende Betriebe finden altersbedingt keine Nachfolger innerhalb der Familie oder scheitern an den Bedingungen für eine externe Übergabe, was zu Stagnation oder Schließungen (JF 35/26) führt.
Für Bürokratieabbau fehlt beim Staat die Bereitschaft
Unter dem Titel „Fünf Hebel für mehr Produktivität“ hat die Stiftung Familienunternehmen eine Studie zu den kurz- und langfristigen Wachstumspotentialen in Deutschland erstellen lassen. Denn das Produktivitätswachstum stagniert. Das durchschnittliche Wachstum der Arbeitsproduktivität ist von zwei Prozent in den 1980er und 1990er Jahren auf nur noch 0,3 Prozent in den vergangenen sechs Jahren gesunken. Technologisch-organisatorische Impulse liefern aktuell keinen nennenswerten Beitrag mehr zum Produktivitätswachstum. Um das Wohlstandsniveau zu erhalten, wäre aber ein Wachstum von mindestens 1,6 Prozent notwendig.
Über fünf Handlungsfelder hinweg – Digitalisierung, Künstliche Intelligenz, Innovation (KI), Bürokratieabbau und Investitionen – lassen sich laut Studie konkrete und quantifizierbare Produktivitätspotentiale erschließen. Kurzfristig ist Bürokratieabbau zwar der stärkste Hebel, wird konstatiert. Bereits ein Jahr nach einer umfassenden Bürokratiereform – orientiert beispielsweise am schwedischen Niveau – könnte Deutschlands Produktivität um 1,6 Prozent steigen. Aber das liegt eben in der Hand des Staates, und der zeigt dafür eher wenig Bereitschaft. Man denke nur an die den Firmen gerade neu aufgezwungene Entgelttransparenzrichtlinie. Für große Investitionen wiederum ist die Gewinnmarge zu knapp, Steuern und Sozialausgaben binden das dafür nötige Kapital.
KI-Hilfe bei Auftragsabwicklung oder der Schadensanalyse
Bleiben Innovation und vor allem KI. Und die sollen auch der dominierende Faktor sein. Eine Anhebung der privaten Ausgaben für Forschung und Entwicklung etwa auf das israelische Niveau von über 6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts würde langfristig ein Produktivitätsplus von 13 Prozent erzeugen. Bei konsequenter Nutzung und Diffusion von KI ergibt sich bis 2034 ein Produktivitätspotential von 9,3 Prozent. Aber wie genau hat etwa Israel das geschafft? Das verrät die Studie nicht.
René Leuoth betreibt in Aue-Bad Schlema einen mittelständischen Heizungs- und Sanitärbetrieb. Auf den Straßen rund um die Erzgebirgskommune sind die dunkelblauen Autos mit dem grün-weißen Schriftzug häufig zu sehen. Den Einsatz von KI kann er sich schon gut vorstellen, „beispielsweise bei der organisatorischen Auftragsabwicklung oder der Schadensanalyse“. Das binde momentan noch zu viel der aufgrund der Alterung der Mitarbeiter ohnehin knapper werdenden menschlichen Arbeitskraft. „Aber ich selbst habe echt nicht die Zeit und auch nicht das Fachwissen, mich da detailliert einzuarbeiten. Es fehlt an Leuten oder Einrichtungen, die einen da auch mal gezielt an die Hand nehmen und das Geeignete für einen erstellen.“
Die Studie bringt zwar viele Daten auf den Punkt und illustriert, wo überall Deutschland im globalen Ranking abgerutscht ist. Aber die Handlungsempfehlungen sind leider abstrakt gehalten. Das geben die Verfasser selbst zu: „Robuste Elastizitätsschätzungen sind für KI aufgrund der noch jungen Technologieentwicklung nicht verfügbar.“ Die bloße Verfügbarkeit von KI allein reiche nicht aus, sondern ihre konkrete Nutzung sei entscheidend. Denn der Anteil der nutzenden Firmen liegt in Deutschland mit 26 Prozent nur im EU-Mittelfeld. In Dänemark dagegen sind es 42 Prozent.
Das Digitalministerium hat bisher kaum etwas auf den Weg gebracht
Und genau diese konkreten Nutzungsanweisungen fehlen, wie auch Sanitärunternehmer Leuoth beklagt. Ohne praktische Hilfe vom Staat werden viele kleinere Firmen da nicht einsteigen können. Hier aber drückt sich die Studie um konkrete Forderungen. Viel bleibt im Beliebigen. Die Studie legt etwa nah, die „staatliche Reformagenda konsequent voranzutreiben“. Dagegen kann wohl niemand etwas haben, „Fortschritt ist für alle gut“, wie die TV-Legende Harald Schmidt einst witzelte.
Bloß müssen die Firmen wohl noch sehr viel Geduld und Zeit mitbringen. Das von Friedrich Merz etablierte Digitalministerium hat in Sachen KI-Innovation für Firmen bisher nur auf den Weg gebracht, dass es einen Arbeitskreis auf EU-Ebene geben soll. Bei der Kontrolle und Abmahnung privater Vermieter ist man da schneller: Ruckzuck ging eine neue Behörde an den Start. So viel Engagement würden sich Unternehmer wünschen, um bei KI geschult und mit Technik ausgestattet zu werden.
Dabei würde diese Hilfe wirklich viel bringen. Im kurzfristigen Szenario erzielt Deutschland durch einen höheren Anteil von Unternehmen, die KI zur Optimierung von Prozessen einsetzen, schon nach einem Jahr ein zusätzliches Produktivitätsplus von rund 0,6 Prozent. Im langfristigen Szenario summiert sich der Produktivitätseffekt bei produktiver Nutzung von KI durch mindestens die Hälfte aller Unternehmen auf insgesamt 9,3 Prozent bis 2034.






