Werden Jahrtausende alte Institutionen Zeitgeistgötzen geopfert, entzieht dies manchen kulturellen Orientierungen und Gewissheiten das Fundament. Beliebigkeit füllt dann das Vakuum und ein Bewusstsein von Freiheit, die sich ihrer Wurzeln aus Verbindlichkeit und Treue entledigt hat. So bereits geschehen mit einem Verständnis des siebten Tages, das weit über ihn hinaus auf die grundsätzliche Bedeutung von Ruhe und Stille verweist. Beide schließen eine Phase ab und unterbrechen das Tun. So führen sie in die Besinnung, schaffen neuen Raum, bevor die gesammelten und regenerierten Kräfte sich neu auszurichten vermögen. Das biblische Gebot der Ruhe bezieht sich dabei nicht nur auf den Menschen, es ermahnt ihn vielmehr, dies auch den Mitgeschöpfen zuzugestehen, der Flora und der Fauna.
Mit dem Wüten und den Vernichtungsfeldzügen eines zügellosen Fortschritts, hinter dem keine kulturelle Zielorientierung mehr erkennbar ist, hat sich diese Bedeutung nahezu vollständig aufgelöst. Begleitet wird dieses Desaster von allgemeiner Rastlosigkeit, einem diffusen Lärm in sinnentleertem Bilderrauschen, das uns allenthalben umgibt. Nur nicht durchatmen, nur den Wahnsinn nicht als solchen erkennen. In dieser Erdzeitstunde läuft der Mensch Gefahr, den Bezug zum Wesen, zur Tiefe des Seins und damit zu seiner potentiellen Größe weitgehend zu verlieren. Dies gilt nicht nur für die Person, sondern vor allem auch für Gemeinschaft und für den Charakter eines Landes. Und so ist es überfällig, den kulturellen Wert von Ruhe, Stille, Schweigen und Besinnung neu hervorzuheben.
Stille und Reflexion verkörpern etwas naturhaft in uns Ruhendes, das jederzeit und allenthalben in Reichweite liegt. Das ist ein wertvolles Versprechen. So außerordentlich viel zerrt am gegenwärtigen Menschen und zieht medial dominiert Wahrnehmung und Bewusstsein zu sich: Kriege, Klima, Umwelt, Ökonomie, soziale Verwerfungen, die digitalen Bewusstseinsmaschinen, überbordende Migrationsbewegungen und Alltagsgewalt. Unausweichlich wartet dann die Klärung, wo der einzelne Mensch stehe in dieser Gleichzeitigkeit von so völlig Unterschiedlichem, das als ähnlich nur in seiner jeweiligen Bedrohung wahrgenommen wird.
Es geht um Besinnung
Wie dann klarkommen mit einer Kultur, in der so vieles, das vertraut, sicher und beständig schien, erodiert und sich auflöst? Wie die Einsicht bewältigen, dass diese Zivilisationsstufe vor ihrem Scheitern steht? Wie umgehen damit, dass dies nicht nur das gesellschaftliche „Außen“, sondern auch die eigenen Lebensweltperspektiven im Kern ihres Selbstverständnisses zu erschüttern vermag? Wo liegen dann Kraft und Orientierung?
Im „Glasperlenspiel“ von Hermann Hesse weist der alte Magister den späteren Nachfolger auf die Bedeutung der Stille hin: „Je mehr wir von uns verlangen, oder je mehr unsere jeweilige Aufgabe von uns verlangt, desto mehr sind wir auf die Kraftquelle der Meditation angewiesen, auf die immer erneute Versöhnung von Geist und Seele.“
Es geht um Besinnung, ein Durchbrechen des Getriebes und Getriebenseins. Es gilt, im Schweigen die Gedanken zu reinigen, sie zu zentrieren und auszurichten; erstarrte Bewusstseinsmuster loszulassen und herauszutreten aus den sich endlos und ermüdend wiederholenden Schleifen des Geistes. Es wäre dabei schon ein außerordentlicher Schritt, die eigene Verfangenheit des Denkens zu erkennen und damit die Blockaden, die vor einer unbefangenen, ja hin und wieder gar unschuldigen Blickweise und Analyse stehen. Der Ego-Tunnel verliert an Sogkraft und das Gesamt rückt in die Wahrnehmung. In der Stille reift die Autorität der natürlichen Gesetze. Es wird in der Folge leichter, die Balance zu halten zwischen gewachsener Klarheit, notwendigen Entscheidungen, Zumutbarkeit und einer letzten Offenheit.
Vision wird aus der Stille geboren
Die mit der Stilleerfahrung wachsende Haltung ist alles andere als eine sich erhaben dünkende Gleichgültigkeit. Sie kann jedoch zu jener Gelassenheit und auch jenem Ruhen in uns führen, das jederzeit handlungsfähig hält – nicht als Gelenkter, sondern als Lenker, nicht als Opfer, sondern als Gestalter, nicht heteronom, sondern weitgehend autonom. Die Perspektive ist dabei nicht nur eine des Innen, sondern auch dessen, was Metaperspektive genannt wird, einem unverfangenen, übergeordneten, nüchternen Betrachten. Und davon benötigen wir viel, bevor der allgemeine Diskurs in erkenntnisfreier Empörung beziehungsweise gebückter Mittelmäßigkeit versinkt.
Das durch Besinnung und ein tiefes Vertrauen in den göttlichen Raum wiedererkannte Wesen des Menschen nimmt vorerst nicht die Kriege aus der Welt, löscht nicht die Brände auf der Erde, beseitigt kein Unrecht und keine politische Unzulänglichkeit in einem verbrauchten System. Aber es führt dazu, dass wir nicht von Niedergang absorbiert und gemindert werden; dass dem Lebensblick nie die Schönheit verloren geht, die der Reigen des Seins in alles miteingewoben hat. Die Blume am Wegesrand blüht auch dann und die Eiche strahlt auch dann Erhabenheit aus, wenn Trauer, Wut und Entsetzen sich über das Land legen.
Wohin wollen wir, jenseits der verbissenen Verwaltung von Unzulänglichkeiten? Dass ein Volk ohne Vision zugrunde gehe, mahnte bereits das biblische Buch der Sprüche an (29,18). Dazu gehört jedoch der Nachsatz, dass die Vision auch aus der Stille geboren wird. Die Vision erdenkt man sich nicht. Sie ist kein Hirngespinst oder Wunschgebilde. Sie ruht und wächst im geistig-kulturellen Raum. Wenn der Mensch innerlich frei ist, wird er von ihr berührt, ergreift sie ihn. Und so geboren, hat sie die Kraft, Geschichte zu verändern. Denn aus der Vision erwächst die Utopie, aus der Utopie die konkrete Vorstellung und daraus das Tun oder Nichttun. Heute stecken wir fest im weitgehend blinden Tun um des Tuns willen, befreit von einer großen, lebensdienlichen Perspektive.
Welche Kompromisse sind zumutbar?
Denn wofür genau stehen die das politische Feld bestimmenden Parteien und Handlungsträger – neben den unerträglich gewordenen Floskeln von irgendwelchem Wachstum um wirklich jeden Preis, materiellem „Wohlstand“, bedingungsloser Konsumfreiheit, irgendwie Gerechtigkeit und sogenannter Sicherheit? Da strahlt kein Nordstern, der eine Orientierung vorgibt, die stark genug ist, auch Entbehrungen in Kauf zu nehmen. Und wer den Hafen nicht kennt, in den er segeln will, für den ist dann auch kein Wind der richtige. An dieser Einsicht hat sich seit Seneca nichts geändert.
Sich nach einer Vision für unser Land zu sehnen und um deren Verwirklichung zu ringen, setzt viel voraus. Der große Teil der Bevölkerung verfügt über ein hochsensibles Gespür für Echtheit und Ehrlichkeit. Und der Homo Politicus hat, ob er es will oder nicht, eine außerordentliche Vorbildfunktion – nicht nur für das Gegenwärtige, sondern vor allem für die Kommenden. Vorbild zu sein, setzt allerdings die Beantwortung der Fragen voraus: Was sind die wahren Motive dafür, politische Verantwortung zu übernehmen? Wie weit bin ich bereit zu gehen, um meine Werte zu schützen? Welche Kompromisse sind zumutbar, ohne dass die Selbstachtung leidet und das Verständnis der eigenen Würde? Und welchen Preis würde ich im Zweifel dafür zahlen?
Die entsprechenden Antworten erfordern einen angemessenen Rahmen ehrlicher Reflexion. Es ist wiederum die Stille, die dazu einen entscheidenden Beitrag leistet. Denn – vorausgesetzt wir träumen uns nicht weg – begegnen wir in ihr uns selbst, ohne die üblichen Selbsttäuschungen und Illusionen. Das ist gelegentlich schmerzhaft, wenn auch unabdingbar.
In der Stille warten Anfechtungen
Der tiefe innere Zusammenhang zwischen Stille und politisch-kultureller Vision liegt in der Grundhaltung, mit der ein Mensch immer wieder nicht nur äußere Orte der Stille aufsucht, sondern auch den inneren Raum der Besinnung herstellt und betritt. In dieser Grundhaltung spricht er ein Ja – als Zustimmung zur Welt zwischen der Tiefe des Abgrunds und dem sonnenbeschienenen Gipfel. Solche Zustimmung kann nicht immer aus einem fröhlichen Herzen kommen. Manchmal will sie durchlitten und errungen, ja wahrhaft erkämpft sein im nicht selten tobenden Meer der Gedanken und Bedürfnisse, und das wahrlich auch mit anderem zu konfrontieren vermag als „Glück“.
Dann wird erfahrbar, dass Glück nur erleben kann, wer zum Unglück Ja sagt; dass Stille nur kontemplativ zu empfinden vermag, wer sich der lärmenden Zerrissenheit der Welt stellt und sie annimmt. So, wie es manchmal der Verzweiflung bedarf, um zur erlösenden Vision geführt zu werden.
Diese grundlegende Zustimmung zur Welt inmitten seiner eigenen Offenheit und Berührbarkeit schenkt dem Menschen in der Stilleerfahrung die Gewissheit, keiner Täuschung unterlegen zu sein. Das trägt. Und er weiß, dahin kann er jederzeit zurück, an jedem Ort, frei von verlogenen Zwängen. Genau für diese Erfahrung lohnt es sich, die Anfechtungen, die in jeder Stille warten, ja die sich oft vor sie stellen um ein Betreten zu verhindern, durchzustehen.
Tiefe Stille führt zum Tor der Sehnsucht
Von der tiefen inneren Stille zu sprechen weist zugleich auf jene, dem äußeren Auge verborgene Tür zu dem hin, was Heimat genannt werden kann. Für einen Moment lang kommen wir zu Hause an. Fremd mag das nur für jemanden klingen, der sich vorstellt, dass das, was uns an Äußerem umgibt und worin wir unser vorüberstreichendes und vorübergehendes Leben füllen, auch das alleinige Zuhause sei.
Das Vergängliche und jederzeit vom Tod Bedrohte mag uns vertraute Orte der Besinnung, des Durchatmens, Wohlbehagens und der Erinnerungen schenken. Aber es sind Orte, die sich immerfort ändern, ja vergehen. Die kraftvolle Stimme der Sehnsucht zieht uns deshalb weiter. Sie, die Unstillbare, möchte schon jetzt, inmitten des Lebens, mit dem verbinden, woher wir kommen und wohin wir wieder gehen werden. Sie trägt in sich das Versprechen, der Fremdheit und damit dem Gefühl der Verbannung zumindest momenthaft zu entkommen. Ihre Fingerzeige und Botschaften weisen den Weg in das unzerstörbare Elternhaus – um es in alter Sprache zu formulieren.
Die Radikalität jener Sehnsucht, wenn ihr Wesensgrund einmal erkannt wurde, erschüttert. Denn sie holt fort von den Illusionen der Kulissenwelt, die das Vorläufige und Bedingte als das Endziel suggerieren möchten. Es ist die tiefe Stille, die zum Tor der Sehnsucht führt. Hier weht manchmal etwas an, wie Rilke sagt; etwas, das von einem letzten Getragensein spricht. „Aber das Wehende höre, / die ununterbrochene Nachricht, / die aus der Stille sich bildet …“ Hier kommt der Mensch an, spürt er jene Heimat, aus der er nicht vertrieben werden kann. Das lässt ihn aufrecht gehen, die Rolle auf der Bühne seines Lebens sich selbst ermächtigend neu interpretieren und dann auch die äußere Heimat entsprechend gestalten.
Aus der Stille kommt Verzauberung und Veredlung
Wer sie würdigt, dem generieren Ruhe und Stille einen Quellraum von Verzauberung und Veredlung. Anmutig bewegt sich dort eine ganz eigene Schönheit. Sich entsprechend zu orientieren, sich in die Pendelbewegung von Aktion und Kontemplation einzuschwingen und darauf bewusst einzulassen, ist die subtilste und zugleich effektivste Form von Widerstand gegenüber der blinden Raserei des Gegenwärtigen.
Es ist dieser Zeit bisweilen eigen, eine Kultur der Besinnung und inneren Reife als Müßiggang oder esoterischen Schnickschnack zu stigmatisieren. Doch handelt es sich bei dieser Art der Weltzuwendung manchmal um die höchste Form des Tuns. Denn die entsprechende Erfahrung und Praxis lassen ein krankhaftes Ego, lassen so manche Lebensillusionen in den Hintergrund treten. Es versöhnen sich Geist, Seele und Weltseele und damit das, was größer ist als der einzelne Mensch. Diese Versöhnung ist Voraussetzung für versöhnendes, heilendes Wirken auch in der Kultur. Und davon benötigen wir viel in diesem Land.
__________________________________________________________________________
Prof. Dr. Claus Eurich, Jahrgang 1950, Kommunikationswissenschaftler und Kontemplationslehrer, betreibt einen Blog unter www.interbeing.de
