Burgherren haben einen guten Blick in die Ferne und somit auch ein Stück weit in die Zukunft. Sie können schon früh sehen, wer anrückt. Christian Freiherr von Stetten ist Burgherr des Familiensitzes Burg Stetten, eine zu Zeiten der Staufer errichtete Anlage in Hohenlohe, im Nordosten Württembergs. Der gelernte Kaufmann und Diplom-Betriebswirt ist Unternehmer und sitzt seit 2002 für die CDU im Bundestag.
Das war jene Wahl, in der CSU-Chef Edmund Stoiber gegen Gerhard Schröder verlor und der Aufstieg Angela Merkels als Fraktionsvorsitzende begann, ehe sie 2005 Kanzlerin wurde. Von Stetten sah Kabinette kommen und gehen, erlebte Merkels Ende, die Ampel-Koalition und jetzt die Regierung Merz.
Sohn des CDU-Konservativen Wolfgang von Stetten
Aber zur Konstante im Leben des 1970 in Stuttgart geborenen Sohnes des CDU-Bundestagsabgeordneten (1990 bis 2002) Wolfgang von Stetten gehört die Verbundenheit mit der Heimat und mit seinem Wahlkreis Schwäbisch Hall-Hohenlohe, den er stets direkt gewann. Zuletzt 2025 mit 36 Prozent vor der AfD (24) und SPD (14,9) – ein Beweis, dass auch ein Burgherr volksnah sein kann. Manchmal sorgte er auch außerhalb der Wirtschaftspolitik für Schlagzeilen, so als er 2012 den Rapper Bushido ein Praktikum in seinem Bundestagsbüro machen ließ.
In Berlin positionierte sich von Stetten von Anfang an im Wirtschaftsflügel seiner Fraktion und machte sich mit pointierten Ansichten auch gegen die Parteilinie einen Namen. Bekannt wurde er während der Euro-Krise um Griechenland, als er im Parlament mehrfach gegen die europäischen Hilfspakete stimmte. Nach der Bundestagswahl 2021, bei der die SPD mit heute fast unvorstellbaren 25,7 Prozent stärkste Kraft und Olaf Scholz Kanzler wurde, forderte von Stetten den Rücktritt der gesamten CDU-Führungsspitze.
Das war nicht überraschend, denn von Stetten hatte nicht nur den Ruf des strengen Marktwirtschaftlers, sondern galt auch als „Merz-Mann“. Mit dem vom Merkel-Flügel jahrelang im Abseits gehaltenen Friedrich Merz war er fast immer auf einer Linie: gegen Steuererhöhungen, für Entlastungen der Unternehmen und für die Einhaltung der Schuldenbremse. In der Unionsfraktion gewann von Stetten Einfluss, als er Vorsitzender des „Parlamentskreises Mittelstand“ wurde, der mit 140 Abgeordneten größten Vereinigung innerhalb der Fraktion (208 Abgeordnete), die früher allenfalls als Veranstalterin des größten Sommerfestes im Regierungsviertel bekannt war.
Von Stetten: „Keine vier Jahre, ganz sicher nicht“
In jüngster Zeit änderte sich das, als der Parlamentskreis etwa ein sehr kritisches Papier zur Koalition mit der SPD vorlegte. Die Bereitschaft der Union zu Kompromissen finde „dort ihre Grenze, wo zusätzliche steuerliche Belastungen zur Diskussion gestellt, Mittel für wachstumsfördernde Maßnahmen zur Finanzierung anderer Aufgaben herangezogen oder zentrale Grundsätze einer soliden Haushaltspolitik in Frage gestellt werden“, heißt es darin.
Das war schon eine Klatsche für den Kanzler. Aber von Stetten, der auch Vorsitzender des Wirtschaftsausschusses des Bundestages ist, gab zudem eine medial vielzitierte Prognose zur Zukunft der weitgehend erfolglosen Koalition ab und prophezeite das vorzeitige Aus der Regierung Merz mit den Worten: „Keine vier Jahre – ganz sicher nicht“, sagte er jüngst öffentlich, denn CDU/CSU und SPD „passen am Ende des Tages einfach nicht zusammen: völlig unterschiedliche Konzepte, völlig unterschiedliche Reformansätze … und das Land ist am Limit, die Unternehmen und auch die Bürger.“ Da ist er wieder, der klare Blick des Burgherrn.







