Sieben Jahre nach seiner Eröffnung führt das Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung noch immer ein Schattendasein. Trotz der zentralen Lage in Berlin, einem repräsentativen Gebäude und obwohl der Eintritt frei ist, verirren sich nur wenige Besucher hierher. Noch nie sind Debattenanstöße, gesellschaftspolitische Aha-Effekte oder historische Erkenntnisse von hier ausgegangen. So ist es folgerichtig, dass der Vertrag mit der Stiftungsdirektorin Gundula Bavendamm nicht verlängert wurde.
Doch das Aufmerksamkeitsdefizit liegt nicht an ihr. Es ist das ganze Konzept des Hauses, das nicht aufgeht und nicht aufgehen kann, weil es zusammenspannt, was nicht zusammengehört. Nach der Selbstauskunft des Hauses soll das „Thema Flucht, Vertreibung und Zwangsmigration im 20. und 21. Jahrhundert aus einer europäischen wie globalen Perspektive“ betrachtet werden.
„In diesem Zusammenhang erinnern wir auch an mehr als 14 Millionen Deutsche, die im Zuge des von Deutschland ausgegangenen Zweiten Weltkriegs und der nationalsozialistischen Politik und ihrer Folgen die früheren preußischen Ostprovinzen und ihre Siedlungsgebiete in Mittel-, Südost- und Osteuropa verlassen mussten.“ In einem aktuellen Referentenentwurf aus dem Bundesinnenministerium wird das den deutschen Vertriebenen zugestandene „auch“ durch das Adverb „insbesondere“ ersetzt. Das ändert nichts daran, dass das vom Bund der Vertriebenen (BdV) und seiner langjährigen, rührigen Präsidentin Erika Steinbach initiierte Projekt verwässert, verhunzt, in sein Gegenteil verkehrt wurde.
Vietnams „Boatpeople“ auf Augenhöhe mit deutschen Vertriebenen
Ursprünglich sollte die weithin unbekannte, unerzählte, verdrängte Vertreibung der Deutschen aus dem Osten den Ausgangspunkt der Ausstellung bilden. Gewiss, es gibt bereits das Ostpreußische Landesmuseum in Lüneburg, das Schlesische Museum in Görlitz und das Pommersche Landesmuseum in Greifswald, aber sie sind auf ihre jeweiligen Provinzen bezogen und an der Peripherie gelegen. Das Sudetendeutsche Museum befindet sich immerhin in der Landeshauptstadt München. Hinzu kommen zahlreiche kleinere Museen, so das der Donauschwaben in Ulm oder der Oberschlesier in Ratingen.
Aber keine dieser Einrichtungen ist in der Lage und darauf angelegt, die Vertreibungsgeschichte als die subkutan nachwirkende nationale Katastrophe ins Bewusstsein zu heben, die sie ist. Immerhin ein Viertel – seit 1914 mehr als ein Drittel – des deutschen Staatsterritoriums sowie große geschlossene Siedlungsgebiete sind verlorengegangen. Zwei Millionen Tote sind zu beklagen. Die kulturellen und wirtschaftlichen Verluste, das menschliche Elend ist nicht zu beziffern. Auch das Zentrum in Berlin ist peinlich bemüht, diese Botschaften zu vermeiden.
Das weiträumige, helle erste Obergeschoss ist den Wanderungsbewegungen weltweit vorbehalten, die durch Kriege, Bürger- und Religionskriege, durch wirtschaftliche Not ausgelöst wurden. Das Bullauge des im Januar 1945 in der Ostsee versenkten Flüchtlingsdampfers „Wilhelm Gustloff“ steht gleichberechtigt neben dem Iris-Scanner-Bezahlsystem in einem jordanischen Flüchtlingslager, der Fellmantel eines ostpreußischen Flüchtlingsmädchens aus dem Winter 1945 neben dem Klapprad eines Syrers, der darauf von Russland nach Norwegen radelte.
Die Erzählungen von Kriegsflüchtlingen aus Ex-Jugoslawien und vietnamesischen Boatpeople erhalten das gleiche Gewicht wie die Berichte deutscher Vertriebener. Hier präsentiert Deutschland sich als ein einig-buntes Völkergemisch aus Zwangsmigranten. Die Grenzöffnung von 2015, soll der Besucher denken, war nur der nächste logische Schritt.
„Die eigentliche Vertriebenenausstellung liegt, erreichbar über eine Wendeltreppe, versteckt im zweiten Obergeschoss – tageslichtlos, düsterer beleuchtet, streng angeordnet, in ihrer Kühle beinahe aseptisch“, hieß es 2019 im Bericht der JUNGEN FREIHEIT, der überschrieben war: „Vertrieben in den Kontext“. Wegen dieser Kühle hat BdV-Präsident Bernd Fabritius der Austellung jüngst Empathielosigkeit attestiert. Die Dimension und Dramatik des Geschehens, das Grauen, das die Betroffenen erlebten, bleiben in Fußnoten und Andeutungen versteckt, werden mit Hinweis auf NS-Verbrechen relativiert, entschuldigt oder, um es eleganter auszudrücken, kontextualisiert.
„Beitrag zur Bekämpfung des Rechtsradikalismus“
Frau Steinbach hatte von Anfang an Wert darauf gelegt, dass hier keine Aufrechnung und kein Revanchismus stattfinden und die Vertreibung nicht als isoliertes oder gar singuläres Ereignis dargestellt werden sollte. Ein Franz-Werfel-Menschenrechts-Preis wurde ausgelobt, benannt nach dem deutsch-jüdischen Dichter, der mit seinem Roman „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ den Völkermord der Türken an den Armeniern 1915 in das internationale Bewusstsein gehoben hatte. Er wird verliehen für den Einsatz gegen Vertreibungen weltweit.
Das ist sympathisch und ehrenwert, doch deutete sich damit bereits eine konzeptionelle Überanstrengung an und war der Keim dafür gelegt, dass das ursprüngliche Anliegen an den Rand geriet. Allerdings war das die einzige Möglichkeit, öffentliche Akzeptanz und Bündnispartner für das Vorhaben zu gewinnen.
Frau Steinbachs wohl wichtigster Verbündeter war der SPD-Politiker Peter Glotz, geboren in Eger als Sohn einer tschechischen Mutter und eines deutschen Vaters. Glotz erklärte im Jahre 2001, das Zentrum „soll nicht vor allem unsere Erinnerungen pflegen, es soll dazu beitragen, Vertreibungen weltweit zu ächten, die Völkergemeinschaft zu sensibilisieren und die Auseinandersetzung mit Ethnonationalismus und der Idee des ethnisch homogenen Nationalstaats systematisch zu führen. Insofern wird dieses Zentrum ein Beitrag zur Bekämpfung des Rechtsradikalismus und Rechtspopulismus sein.“
Kanzlerin Merkel sprach von einem „sichtbaren Zeichen“, das mit dem Zentrum gesetzt werden sollte. Das politische Dummdeutsch, hier zudem in tautologischer Verdoppelung, zeigte die Lustlosigkeit an, mit der das offizielle Berlin das Projekt begleitete. Ein internationales Beratergremium sollte schließlich die „europäische Perspektive“ und den „Geist der Versöhnung“ garantieren.
Vertreibung durfte nur im Kontext des NS-Krieges gesehen werden
Die gemeinsame Perspektive aber gibt es nicht. Gern würde man hinzufügen: noch nicht. Bis auf die Deutschen sorgt sich jeder um seine nationale Sicht. Die Polen wollten ihre Martyrologie, die Russen ihre Befreiermission nicht beflecken lassen, die Tschechen nicht an die Benesch-Vertreibungsdekrete erinnert werden. Die Massaker, die Todesmärsche, die Ausraubung, die Morde und Folter, die Deutschen in den Internierungslagern wie Lamsdorf, Potulitz, Schwientochlowitz/Zgoda, Myslowitz in Oberschlesien erlebten, die blutigen Killertypen wie Czeslaw Geborski und Salomon Morel – das und noch viel mehr sollte unter den Teppich gekehrt bleiben.
Gundula Bavendamm hatte eingeräumt, man habe sich die „jeweiligen nationalen Perspektiven unserer Nachbarn angesehen“ und deren „besondere Sensibilitäten“ in der Konzeption berücksichtigt. Deutsche Sensibilitäten waren offenbar unmaßgeblich. Versöhnung heißt jedoch, dass jede Seite willens und in der Lage ist, die Perspektive des jeweils anderen einzunehmen. Das setzt logischerweise voraus, die nüchternen Fakten zu akzeptieren, so schmerzhaft sie auch sein mögen. Das Zentrum versagt vor dieser Aufgabe, und ob der Bavendamm-Nachfolger – ein Spezialist für ausländische Zwangsarbeiter im Dritten Reich – daran etwas ändern kann und will, ist zweifelhaft.
Vertreter der sogenannten Vertreiberstaaten im Beratergremium warnten vor einer Schuldumkehr, der Zentralrat der Juden fürchtete um den Holocaust-Primat. Der exzentrische Publizist Ralph Giordano, den Frau Steinbach als Unterstützer gewonnen hatte, zog sich mit Getöse zurück, weil angeblich das „deutschverursachte Morduniversum des Zweiten Weltkriegs und seine[r] Besatzungspolitik“ noch immer „notorisch zu kurz“ komme. Guido Westerwelle, der Außenminister, kegelte auf polnisches Drängen Frau Steinbach aus dem Stiftungsrat. Der polnische Historiker Tomasz Marceli Szarota verabschiedete sich 2010 mit der Begründung, nicht die Versöhnung mit Polen, „sondern die Versöhnung zwischen den Vertriebenen und den anderen Deutschen“ stehe im Vordergrund. Damit traf er einen wunden und entscheidenden Punkt.
Im Dokumentationszentrum wird die Schuldtranszendenz zelebriert
Bis heute sind die Deutschen mehrheitlich außerstande, in ihr Welt- und Selbstbild die Tatsache zu integrieren, dass die Siegermächte 1945 ihren Sieg mit einem Massenverbrechen an Deutschen besiegelten, das etliche Kriterien der UN-Völkermorddefinition erfüllt. Golo Mann zitierte in seiner „Deutschen Geschichte“ den britischen Economist, der damals geschrieben hatte, die Alliierten hätten den Krieg gegen Hitler mit einem Frieden im Stile Hitlers beendet. Mehr als zehn Millionen Menschen von Haus und Hof zu vertreiben und in ein zerstörtes Restterritorium zu pressen, wo bereits die Einheimischen unter Mangel an Obdach, Nahrung und Heizmaterial leiden, bedeutet, billigend ein Massensterben in Kauf zu nehmen oder sogar einzukalkulieren.
Über Stalin braucht man in dem Zusammenhang kein Wort mehr verlieren. Doch auch Churchill erklärte im Dezember 1944 im Unterhaus, nun würde ethnisch „reiner Tisch“ gemacht, Nationalitätenkonflikte würde es danach nicht mehr geben. Wer das Befreiungsnarrativ verabsolutiert und internalisiert hat, dem bereitet die Konfrontation mit den Fakten kognitive Dissonanzen. Er flüchtet sich in die bundesdeutsche Schuldtranszendenz, die auch an diesem Ort ausgiebig zelebriert wird.
Der Kontext der Vertreibung beschränkt sich weitgehend auf den Nationalsozialismus, der kontextlos über eine sonst friedvolle Welt gekommen zu sein scheint. Tatsächlich verstieg sich Edvard Benesch 1946 zu der Aussage, mit der Austreibung der Deutschen aus Böhmen würde ein tausend Jahre alter Irrtum behoben.
Das Vertreibungsthema ist längst nicht vom Tisch
Um die nationale Katastrophe angemessen beurteilen zu können, muss man solche Fakten überhaupt erst einmal zur Kenntnis nehmen. Es geht weder um materielle noch um moralische Revanche, sondern um die Herstellung und Aneignung eines historisch gerechten Selbstbildes und eines politischen Selbstbewusstseins, das sich gegen materielle und moralische Erpressungsversuche immun erweist und zu einem rationalen und interessengeleiteten Handeln befähigt. Das ist heute ganz klar nicht der Fall. Ganz im Gegenteil.
Denn die Schuldtranszendenz ist für die kognitiven Dissonanzen nur eine Zwischenstation. Auf der nächsten Stufe entladen sie sich in irrationalen Übersprunghandlungen. Die verrückte Logik lautet: Weil damals Millionen Deutsche vertrieben wurden, müssen sie heute Millionen Fremde aufnehmen. Ein Gutachten des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages, das von dem AfD-Abgeordneten Torben Braga in Auftrag gegeben wurde, führt neuere akademische Versuche auf, das bislang zwar unkodifizierte, aber allgemein anerkannte Recht auf Heimat umzudeuten und umzukehren. Demnach hätten Migranten ausdrücklich das Recht, sich anderswo – gern auch in Deutschland – eine neue Heimat zu suchen. Das wird auch in entsprechenden UN-Studien propagiert.

Deshalb ist das Vertreibungsthema längst nicht erledigt und benötigt das Zentrum in Berlin eine radikale Neuaufstellung, um aus seinem Schattendasein heraus- und in den politischen Diskurs eintreten zu können.







