Gesellschaften mit Etiketten zu versehen hat seit Jahrzehnten Konjunktur. Denn das verspricht die Verkaufszahlen soziologischer Zeitdiagnosen zu erhöhen. Emanuel Deutschmann, Junior-Professor für Soziologische Theorie an der Europa-Universität Flensburg, bereichert dieses Steigerungsspiel um den Buchtitel „Die Exponentialgesellschaft“. Bewiesen ist damit zunächst nur, dass wir noch immer in einer „Etikettengesellschaft“ leben, wie der österreichische Soziologe Manfred Prisching befand. Etiketten sollten den wahren Inhalt beschreiben, nicht immer ist das aber der Fall.
Deutschmann ist sich dessen bewusst, Gesellschaftsbegriffe finden große mediale Resonanz und verkaufen sich leichter. Damit beginnen aber auch schon die Probleme. Denn Resonanz in der Öffentlichkeit folgt einer anderen Logik als die Wissenschaften mit ihren Kriterien von richtig und falsch. Die von Deutschmann betonte Bedeutung von Exponentialfunktionen ist unstrittig, der 2013 verstorbene US-Physikprofessor Al Bartlett wird hier als verdienstvoll dem Buch mit folgenden Worten vorangestellt: „Die größte Schwäche der Menschheit ist ihre Unfähigkeit, die Exponentialfunktion zu verstehen.
Die wichtigste Variable ist die Bevölkerungsentwicklung
Mit Exponentialkurven aufrütteln wollte schon 1972 der Bericht an den Club of Rome „Die Grenzen des Wachstums“, der auf einer frühen Computersimulation des Massachusetts Institute of Technology (MIT) beruht und den Deutschmann mehrfach erwähnt. Die wichtigste Variable ist hier wie da die Bevölkerungsvariable. Andere Exponentialfunktionen kommen hinzu, etwa bei Pandemien wie Corona. Neu ist ein pandemisches Phänomen nicht, die Pest breitete sich schon in vormodernen Zeiten exponentiell aus und löschte ganze Dörfer aus. Regional betrachtet endete damit die Exponentialkurve im Nichts, Europa starb gleichwohl nicht aus. Corona ist dagegen harmlos. Hier wird diskutiert, ob es eine Übersterblichkeit gab, wenn ja, ob das eher einer starken Grippewelle glich und die umstrittenen Corona-Impfungen nicht sogar das größere Problem darstellen.
Wie auch immer, Deutschmann folgt der offiziösen Linie und erklärt die „Erhitzung“ der Erde um „drei oder mehr Grad“ bis 2100 gegenüber dem vorindustriellen Wert zum Kernproblem. Das Wissen über die Erderwärmung sei „sehr gut“, also Bestnote. Die das anzweifeln, kommen erst gar nicht vor, allenfalls als „Leugner“. Das ist mutig, da ein solches Szenario von bis zu sechs Grad Erderwärmung sehr weitreichende Folgen hätte.
Mögliche Gegenstimmen nicht ernsthaft einzubeziehen rächt sich schon bald, da besagtes Szenario durch den Weltklimarat IPCC zwischenzeitlich kassiert wurde. Wer viel Alarmismus verbreitet und immerfort jene zitiert, die in den Alarmismus-Chor einstimmen, bewegt sich auf dünnem Eis, gewissermaßen bei Tauwetter. Deutschmann spricht gar vom „trüben Gewässer des Empirismus“ und geht damit über ein legitimes Lob der Theorie hinaus.
Wissenschaftler geraten in die Rolle von Hohepriestern
Wo Wachstumskrisen zur Rede stehen, ist der Weg in die Postwachstumsgesellschaft nicht weit. Ulrike Herrmann von der Taz wird hier zur Patin. Das folgt den medialen Aufmerksamkeitsregeln. Aber Deutschmann muss man zugutehalten, auch Soziologen wie Max Weber gelesen zu haben, dessen Aussage von der Entzauberung der Welt, die von der rationalen Erklärbarkeit der Welt und den Ereignissen in ihr ausgeht, es ihm angetan hat.
Dabei verkennt Deutschmann, dass das Spiel von Entzauberung und Wiederverzauberung der Welt vor den Wissenschaften nicht Halt macht, wenn sie der empirisch gesättigten Wissenschaftlichkeit ausweichen. Wissenschaftler geraten dann selbst in die Rolle von Hohepriestern und üben eine Priesterherrschaft der Intellektuellen aus (Helmut Schelsky). Andernfalls hätte sich das Szenario von bis zu sechs Grad Temperaturanstieg nicht gegen alle Widersprüche so lange als sakrosankt gehalten. Mit Weber im Sinne wäre die Verbindung aus Medien, Politik und Wissenschaftsfinanzierung lohnenswert zu untersuchen.
Bei Umweltthemen Alarm zu schlagen geschieht lautstark seit den 1970er Jahren, das hat die Berechtigung, den Blick von der Mensch-Mensch-Beziehung zur Mensch-Umwelt-Beziehung zu verschieben. Darauf gründet der Wille zur Naturbewahrung, den Hermann Lübbe einmal auf den Begriff des Naturkonservatismus brachte. Aber es geht längst um mehr, es geht um die dahinterstehende Eigendynamik, die in ein Alarmdilemma führt: Alarmierende Szenarien nutzen sich ab und führen zur Gleichgültigkeit gegenüber Alarmrufen, selbst wenn ein Alarmruf einmal berechtigt sein sollte.
Alarmismus ohne Notausgang schafft Fatalismus und Chaos
Das hatte der von Deutschmann berücksichtigte Soziologe Gerhard Schulze in seinem dann allerdings unberücksichtigt gebliebenen Buch über das „Alarmdilemma“ deutlich gemacht. Was Deutschmann aber bewusst ist, ist der Umstand, dass man mit Alarmismus alleine nicht weit kommt, Notausgänge müssen aufgezeigt werden, um nicht Fatalismus und Chaos zu befördern. Dazu gehört gegen Ende des Buches unter anderem die Vision vom günstigen Wind- und Solarstrom. Aber die Energiewende hat einen Preis, der benannt werden sollte: Deutschland weist Strompreise auf Rekordniveau aus. Dies belastet die, die heute leben und wirtschaften. Das hatte schon der von Deutschmann ebenfalls berücksichtigte Hans Jonas mit seinem „Prinzip Verantwortung“ zu wenig im Blick.
Bleibt das Problem des Bevölkerungswachstums, das zwar weltweit abflacht, aber in Afrika die höchsten Raten aufweist. Dies migrationspolitisch in Europa – mit Hauptziel Deutschland – abzufangen würde die Exponentialfunktion verkennen: So viel Bevölkerungszuwachs wäre nicht integrierbar, und wenn sich dadurch nicht das Klima ändert, so die Gesellschaft umso radikaler. Nicht jeder freut sich darauf, selbst Deutschmann nicht, aber er bleibt recht gelassen. Das ist die Eigenart der „grünen“ Alarmismusgesellschaft, um hier einen passenden Gesellschaftsbegriff einzuführen und Deutschmanns Buch als symptomatisch dafür einzuordnen: Der menschengemachte Klimawandel nimmt apokalyptische Züge an, nur der menschengemachte Bevölkerungswandel wird zur Nebensache.
Der politische Arm dieser Gesellschaft ist die progressive Partei Die Grünen, die Gendersprache ist für sie wie auch für den in Köln, Oxford und Paris ausgebildeten Akademiker Deutschmann charakteristisch – beim Suhrkamp-Verlag gehört das mittlerweile zum guten Ton. Diese Partei hat, an ihren Wahlergebnissen gemessen, die Grenzen ihres Wachstums überschritten. Das mag in der Alarmismusgesellschaft alarmieren, aber sie ist auch nicht das Maß der Dinge.





