BERLIN. Der Bürgermeister des Bezirkes Neukölln in Berlin, Martin Hikel (SPD), hat Kritik daran geäußert, dass das Jugendamt keine Strafanzeige im Fall einer Vergewaltigung im Jugendzentrum Wutzkyallee gestellt hat. „Es gibt keinen Grund, bei einer bekannten Straftat keine Anzeige zu erstatten“, sagte der Berliner Kommunalpolitiker am Donnerstag der Berliner Zeitung. „Weder Herkunft noch Religion oder Geschlecht dürfen dabei eine Rolle spielen.“
Damit bezog sich Hikel auf den Vorwurf, dass das Jugendamt die Informationen zum Vorfall bewusst zurückgehalten haben soll, um eine „Stigmatisierung“ der migrantischen Jugendlichen zu vermeiden (JF berichtete). Zwar lasse sich dies in „dieser zugespitzten Form“ bislang nicht belegen, sagte der Sozialdemokrat. Klar sei aber, dass man Maßnahmen nicht „aus falsch verstandener Toleranz“ zurückhalten dürfe. „Es ist völlig unerheblich, welche Herkunft die Täter haben. Das kann niemals eine Begründung sein, nicht zu handeln.“
Hikel fügte hinzu, von der mutmaßlichen Vergewaltigung über eine Presseanfrage erfahren zu haben. Er mahnte eine „gründliche Untersuchung“ an, um herauszufinden, ob es sich um ein strukturelles Problem handelt. Gleichwohl betonte er: „Von ähnlich drastischen Fällen ist mir aus anderen Einrichtungen aktuell nichts bekannt.“

Neuköllner Übergriffe bereits länger bekannt
Zuerst hatte die Bild-Zeitung über den Vergewaltigungsfall im Jugendklub berichtet. Demnach sollen neun junge Araber im Januar eine 16jährige Kurdin sexuell bedrängt haben. Später gab die Geschädigte an, im November zuvor vergewaltigt und erpresst worden zu sein. Ein 17jähriger soll die Tat gefilmt und die Jugendliche anschließend mit dem Video unter Druck gesetzt haben. Erst Ende Februar erstatteten die Geschädigte und ihre Familie eine Anzeige.
Zwei Beschäftigte eines benachbarten Mädchenzentrums warfen der zuständigen Jugendamt-Mitarbeiterin vor, die Anzeige wegen der möglichen „Marginalisierung der Tätergruppe“ unterlassen zu haben. „Sinngemäß“ soll sie gesagt haben, dass die Beschuldigten bereits genug im Visier der Polizei stünden. Inzwischen wurde die Frau vom Bezirksamt freigestellt (JF berichtete). Sie wies die Anschuldigungen zurück und betonte, für sie habe der Opferschutz im Mittelpunkt gestanden. Zugleich thematisierte die Freigestellte dem Spiegel zufolge einen möglichen „Generalverdacht“ in einer weiteren Mail an die Jugendamt-Leiterin.
Jugendstadträtin Sarah Nagel (Linkspartei) räumte ein, sexuelle Übergriffe im Jugendklub seien ihr seit Februar 2025 bekannt gewesen. Sie kündigte eine unabhängige Kommission zur Klärung des Vorfalls an. Gegen sie läuft derzeit ein Ermittlungsverfahren wegen Strafvereitelung. (kuk)





