DÜSSELDORF. Die vom AfD-Bundesvorstand angekündigte Mediation (JF berichtete) zwischen dem Landesvorstand der Partei in Nordrhein-Westfalen und seinen innerparteilichen Kritikern ist gescheitert, bevor sie beginnen konnte. In einem Schreiben des Landesvorsitzenden Martin Vincentz an den Bundesvorstand, das der JUNGEN FREIHEIT vorliegt, heißt es mit Blick auf den vorgesehenen Mediator: „Leider müssen wir diesen ungeeigneten Vorschlag, den die neu gewählte Mehrheit des Bundesvorstandes ersonnen hat, ablehnen.“
Weiter schreibt Vincentz: „Das Scheitern dieser sogenannten Mediation ist von Teilen der neu gewählten Bundesvorstands-Mehrheit offenkundig fest eingeplant, damit die Initiatoren ihre Sabotageaktion in Marl fortsetzen können.“ Der AfD-Landeschef verweist dabei auf eine Telegram-Gruppe des gegnerischen Lagers die sich „Operation Filibuster“ nennt. Als Filibuster wird das Lähmen von Debatten durch Dauerreden bezeichnet. Die Screenshots liegen der JF vor. Laut Vincentz sei „der von Alice Weidel vorgeschlagene, knapp gewählte
stellvertretende Bundesvorsitzende Sven Tritschler“ Administrator der Gruppe.
Scharfe Kritik am Mediator
Auch Mitarbeiter des jüngst ebenfalls in den Bundesvorstand gewählten nordrhein-westfälischen Bundestagsabgeordneten Maximilian Kneller sollen demnach in der Gruppe sein. „Sowohl Herr Tritschler als auch Herr Kneller haben gestern öffentlich behauptet, sie seien an
einer Einigung im Sinne der Partei interessiert. Währenddessen setzten sie ihre Planungen in der Gruppe ‚Operation Filibuster‘ jedoch unbeirrt fort, wie am Chatverlauf eindeutig zu erkennen ist“, schreibt Vincentz an den Bundesvorstand. „Dort wird ebenfalls deutlich, dass das Scheitern der Verhandlungen beabsichtigt ist und als Vorwand dienen soll, um das eigene Lager zur weiteren Sabotage zu motivieren – ein Muster, wie wir es bereits das gesamte Wochenende erlebt haben.“
Auch am Mediator selbst äußert der Landesvorsitzende Kritik: „In Ihrem Schreiben zur Mediation vergaßen Sie zu erwähnen, dass Herr W. (Name ist der Redaktion bekannt) abhängig bei der ESN-Fraktion und damit mittelbar beim Bundesvorstandsmitglied Alexander Jungbluth beschäftigt ist. Herr Jungbluth gehört nicht nur dem Bundesvorstand an, sondern, so wird ihm öffentlich zugeschrieben, auch dem Weidel-Helferich-Lager, in dessen Auftrag die Sabotageaktion in Marl stattfindet. Herr W. ist damit offenkundig nicht unabhängig und somit als
Mediator ungeeignet.“ Somit, heißt es in dem Papier weiter, „ist davon auszugehen, dass der von Ihnen bestellte Mediator am Plan zum Scheitern der Verhandlungen mittelbar beteiligt ist“.
Kaum Chancen auf eine Einigung
Damit eine Mediation stattfinden könne, brauche es laut Vincentz einen Vermittler der „tatsächlich unabhängig ist, um überhaupt eine Grundlage für Gespräche zu schaffen“. Darüber hinaus sei es nötig, „dass die Sabotagevorbereitungen der Tritschler-Helferich-Gruppe unverzüglich eingestellt und dies nachdrücklich glaubhaft gemacht wird“.
Grundsätzlich macht sich der Landeschef wenig Hoffnungen, dass diese Mediation dann von Erfolg gekrönt sein könnte: „Die Aktionen vom Wochenende sowie die andauernden Aktionen von Vertretern der Generation Deutschland (Anmerkung der Redaktion: Die Jugendorganisation der AfD) und des Tritschler-Helferich-Lagers zeigen, dass es unverantwortlich wäre, die Vertreter dieses Lagers in so wichtige Funktionen wie ein Landtagsmandat zu wählen. Sie haben gezeigt – und tun es weiterhin –, dass es ihnen in eklatanter Weise an persönlicher und politischer Reife fehlt und sie immensen Schaden für die Partei in Kauf nehmen, um ihren Trotzkopf gegen eine Mehrheit durchzusetzen.“
Scharfe Attacken gegen Weidel
Vincentz forderte den Bundesvorstand zudem auf, zu klären, „inwiefern auch der Landesvorsitzende Rheinland-Pfalz, Sebastian Münzenmaier, an der Sabotageaktion beteiligt ist. Mündlichen Berichten zufolge habe Herr Münzenmaier verlauten lassen, er unterstütze die Organisation von Bussen zur Veranstaltungshalle in Marl, um dort weitere Sabotageaktionen durch Spaßkandidaturen zu ermöglichen. Dieser schwere Vorwurf muss dringend aufgeklärt werden.“
Insgesamt stehe laut Vincentz im Raum, „dass sich mit Sven Tritschler, Maximilian Kneller, Alexander Jungbluth, Jean Pascal Hohm und Alice Weidel mindestens fünf Mitglieder des aktuellen Bundesvorstands in unterschiedlichen Ausprägungen direkt oder indirekt an der Sabotage der Aufstellung der Landesliste für die Landtagswahl 2027 des größten Landesverbandes der AfD beteiligen, oder zumindest teilweise Kenntnis hatten“.
Das Schreiben an den Bundesvorstand endet mit einem Dank an Parteichef Tino Chrupalla „für sein klares Statement auf der Plattform X, in dem er deutlich gemacht hat, dass eine satzungsmissbräuchliche Blockade von Mehrheitsentscheidungen nicht zweckdienlich und nicht im Sinne der Partei ist“. Eine „derartige Klarheit“ habe man sich auch von „der zweiten Bundessprecherin Alice Weidel“ gewünscht. „In unserem gesamten Verband und im gesamten Bundesgebiet herrscht ungläubiges Entsetzen wie eine künftige Kanzlerkandidatin derartige Zustände zulassen kann oder gar selbst befördert“, empört sich Vincentz.
Wir wollen 2027 mit einem weit stärkeren Ergebnis in den Landtag Nordrhein-Westfalen einziehen als letztes Mal. Dazu brauchen wir Einigkeit, Zielstrebigkeit und starke Kandidaten. Eine gut und breit aufgestellte Landesliste erreichen wir mit konstruktiver Zusammenarbeit, nicht…
— Tino Chrupalla (@Tino_Chrupalla) July 14, 2026
Tritschler: „Vincentz ließ Mediationsverfahren nach etwa zehn Minuten scheitern“
Tritscher selbst reagierte fassungslos auf die Vorwürfe. „Martin Vincentz hat das Mediationsverfahren nach etwa zehn Minuten scheitern lassen“, sagte er der JUNGEN FREIHEIT. „Nach der Einführung durch den Mediator betrat der Kollege Klaus Esser (Anmerkung der Redaktion: Landtagsabgeordneter und Vertrauter von Vincentz) ohne anzuklopfen den Besprechungsraum hier im Landtag und herrschte Martin Vincentz im Befehlston an: ‚Martin, Du wirst im Plenum gebraucht.‘ Auf den zaghaften Widerspruch von Dr. Vincentz entgegnete er in ebenfalls herrischem Ton: ‚Du wirst im Plenum gebraucht. Außerdem bringen Gespräche hier eh nichts.‘ Kurz darauf folgte der Kollege Dr. Christian Blex (Anmerkung der Redaktion: Ebenfalls Landtagsabgeordneter und Vincentz-Vertrauter) mit einer ähnlichen Aussage. Tatsächlich verschwand man daraufhin jedoch nicht in Richtung Plenum sondern in Richtung der Abgeordnetenbüros.“
Er habe den Mediator gebeten, „sich einstweilen weiter bereitzuhalten“.
Streit eskalierte auf Aufstellungsversammlung zur Landtagswahl
Hintergrund des nun weiter eskalierten Konflikts sind offen ausgebrochene innerparteiliche Streitigkeiten im größten Landesverband der Partei am Wochenende bei der Aufstellung einer Landesliste für die Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen im kommenden Frühjahr. Dabei stehen sich die Lager um den Landesvorsitzenden Martin Vincentz auf der einen und den Bundestagsabgeordneten Matthias Helferich auf der anderen Seite gegenüber.
Der Großteil der vergebenen Listenplätze ging dabei am Wochenende an Kandidaten des Vincentz-Lagers. Helferich selbst unterlag bei einer Kampfkandidatur knapp dem Vincentz-Vertrauten und Landtagsabgeordneten Klaus Esser. Gegen Esser wird wegen Titelmissbrauchs und Urkundenfälschung ermittelt. Er soll parteiintern falsche Angaben zu Studienabschlüssen gemacht haben. Die Staatsanwaltschaft erließ deswegen einen Strafbefehl über 13.500 Euro gegen den Politiker. Da Esser Einspruch einlegte, könnte es zu einer gerichtlichen Hauptverhandlung kommen.
Vincentz: „Wir werden uns nicht unter Druck setzen lassen“
Während am Freitag und Sonnabend noch 21 Listenplätze gewählt wurden, kam es aus dem Helferich-Lager am Sonntag zu Massenkandidaturen um Listenplatz 22, die die Wahlen erheblich verzögerten, da sich jeder Kandidat bis zu acht Minuten vorstellen darf. Mit diesem Manöver soll Druck auf Landeschef Vincentz ausgeübt werden, doch noch einer Konsensliste für die hinteren Listenplätze zuzustimmen, bei denen mehr Kandidaten des Lagers um Helferich zum Zug kommen.
Vincentz selbst sagte der JUNGEN FREIHEIT am Montag: „Wir werden uns nicht unter Druck setzen lassen, weiter auf freie Wahlen unserer Delegierten bestehen und sind sicher, dass wir damit im Sinne aller AfD-Mitglieder in ganz Deutschland handeln.“ Er erwarte vom Bundesvorstand, dass er diese Haltung teile „und schon mit Rücksicht auf die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt die Initiatoren der Blockade dazu auffordert, die Entscheidungen der Delegierten zu akzeptieren und den Weg für weitere Wahlen freizumachen“. Helferich ließ eine JF-Anfrage unbeantwortet.
Bundespolitisch brisant wird der Streit, bei dem auch Gewaltvorwürfe erhoben wurden, durch die Tatsache, dass das Helferich-Lager als Unterstützer von Parteichefin Weidel gilt, während Vincentz den zweiten Bundessprecher Tino Chrupalla stützt.





