SCHWERIN/POEL. Wenn am 21. September in Mecklenburg-Vorpommern ein neuer Landtag gewählt wird, kann sich Umweltminister Till Backhaus nicht vorwerfen, zu wenig getan zu haben, um die drohende Niederlage seiner SPD abzuwenden. Die vergangene Nacht hat der Politiker beim erneut gestrandeten Wal „Timmy“ in einer äußerst flachen Bucht vor der Ostsee-Insel Poel verbracht.
Dort, wo sich der Buckelwal jetzt befindet, im Kirchsee, ist das Wasser nach Aussage eines Backhaus-Sprechers nur zwischen 90 und 110 Zentimeter flach. Selbst das Fahrwasser reicht lediglich zweieinhalb bis drei Meter in die Tiefe. Wäre der Minister bei seiner öffentlichkeitswirksamen Aktion über Bord gegangen, hätte er wenigstens nicht ertrinken können.
Der 67jährige Politiker erklärte am Montagabend, er werde die Nacht vor Ort auf einem Fischereiaufsichtsboot verbringen. Er wolle mit einem Nachtsichtgerät beobachten, was weiter passiere. An Schlaf werde nicht zu denken sein, aber er sei hart im Nehmen. Er habe in den vergangenen Wochen überhaupt wenig geschlafen, ließ der Minister seine Bürger wissen.
Ein Mann, der bis zur absoluten Erschöpfung für ein Tier arbeitet, dessen Blasen seit Wochen ganz Deutschland in Atem hält. Oder soll das Tier sogar für ihn und seine Partei arbeiten?
Wal-Kampf des Rekordministers
Es ist der Wal-Kampf des Langzeitministers, dessen Sozialdemokraten in Umfragen deutlich hinter der führenden AfD zurückliegen. Till Backhaus gehört seit 1998 der Landesregierung in Mecklenburg-Vorpommern an. Er ist damit der in Deutschland am längsten amtierende Minister. Und am Dienstagmorgen informierte er die ganze Welt über das Erlebte: „Der Wal liegt ruhig.“ Zunächst habe das Tier alle zwei bis vier Minuten geatmet. Im Laufe der langen dunklen Nacht sei die Frequenz aber auch wieder langsamer geworden. Aha.
Wer nun mehr vom nächtlichen Gesellschaftleisten profitiert, ist unklar: Der Buckelwal oder der Minister? „Timmy“, der sich am Montag seinen Rettern entzog und kurz bevor Pontons und ein Netz unter seinen zwölf Tonnen schweren Körper geschoben werden sollten, nach drei Wochen am selben Ort einfach davon schwamm, ist nun zum fünften Mal auf einer Sandbank gelandet.
Der Meeresbiologe Boris Culik sagte, es sei nicht unwahrscheinlich, dass der Meeressäuger gezielt immer wieder flache Stellen ansteuere: Ein geschwächter Wal könne durchaus auch gewollt stranden, wenn ihm dies das Atmen erleichtere. „Dass er in der Ostsee eine Sandbank aufsucht, um sich zu erholen, kann man sich schon vorstellen“, sagte er.
Der richtige Platz zum Sterben
Sollte sich das Tier dort zum Sterben zurückgezogen haben, dürfte der Kirchsee der richtige Platz sein. Denn der Wasserstand sollte bis zum heutigen Dienstag noch deutlicher sinken – um bis zu einem halben Meter. Der Meeresbiologe: „Wenn er jetzt gemütlich mit dem Bauch auf einer Sandbank liegt und oben guckt das Blasloch raus, alles gut. Aber wenn dann 50 Zentimeter weniger Wasser da sind, dann entwickelt er ein unheimliches Gewicht, das dann auf seinen inneren Organen lastet. Er hat ein ganz schwaches Skelett im Vergleich zu uns.“
Es werde höchste Zeit, ihn von der Stelle wegzubugsieren. Welche Rolle der Rekord-Minister dabei spielen könnte, ist unklar. Und ob die Pontons und Netze des Rettungsteams rechtzeitig helfen, ebenfalls. Klappt das nicht, ist der Wal-Kampf zu Ende. Dann geht er für Backhaus und die seit 28 Jahren regierende SPD fließend in den Wahlkampf über.

Noch steht der SPD das Wasser bis zum Hals. Und noch drohen Verluste von rund 15 Prozentpunkten. Aber vielleicht hat Backhaus mit seiner Nacht beim Buckelwal das Blatt gewendet. Während der Pegel der Ostsee sinkt, könnte der Balken der SPD nach oben gehen.






