
„Das Militärische hat Merkel nicht interessiert.“ Was der ehemalige Wehrbeauftragte des Bundestags, Hans-Peter Bartels (SPD), dieser Tage bei einem sicherheitspolitischen Forum der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) in Potsdam rückblickend über die frühere Kanzlerin Angela Merkel (CDU) anmerkt, klingt lapidar, hat aber gravierende Folgen. Für Bartels, mittlerweile Chef der renommierten Gesellschaft für Sicherheitspolitik, ist dieses Desinteresse der Langzeit-Regierungschefin einer der Gründe dafür, warum die Bundeswehr in Sachen Rüstung der Zeit hinterherhinkt.
Dabei forderten deutsche Spitzenmilitärs schon während des zwanzig Jahre dauernden Afghanistankriegs den Einsatz von Kampfdrohnen, als die Taliban-Anschläge auf Bundeswehrsoldaten zunahmen. Doch während die US-Streitkräfte in dieser Zeit entscheidende Weichen für die unbemannte, luftgestützte Operationsführung der Zukunft stellten, versteifte sich die deutsche Politik auf überwiegend moralgeleitete Grundsatzdebatten, die regelmäßig in dystopische Kriegsvisionen von autonom tötenden Killerdrohnen mündeten. Von Kanzlerin Angela Merkel war indes keinerlei Machtwort zu hören.
Und so sei es nicht verwunderlich, dass das deutsche Heer erst im Februar 2026 Kamikaze-Drohnen in einem Auftragswert über 540 Millionen Euro bei den Rüstungsunternehmen Stark Defence und Helsing bestellt habe, merkt dazu der Historiker Sönke Neitzel an, Inhaber des einzigen deutschen Lehrstuhls für Militärgeschichte und Moderator der Debatte in der ehemaligen Reithalle des letzten deutschen Kaisers Wilhelm II., die mittlerweile zum Auditorium Maximum der Universität Potsdam umgewidmet wurde.
Bundeswehr steht vor zweitem „1956er Moment“

Die unter Merkels Regierung gepriesene Kultur der militärpolitischen Zurückhaltung wirke noch heute nach, was die Beantwortung der Kernfragen nach wehrtechnischer Ausstattung und militärstrategischer Ausrichtung weiterhin verzögere, kritisierte Bartels. Und es bremse das gesellschaftliche Bewusstsein, was die Bedeutung nationaler Verteidigungspolitik betrifft, denn Grundsatzentscheidungen über die Wehrverfassung des Landes dürften nicht allein technokratisch getroffen werden. Zudem forderte Bartels angesichts der Reduzierung des amerikanischen Militärengagements, dass Europa lernen müsse, eigenständiger, dynamischer und koordinierter zu handeln.
Etwas provokant fragte Moderator Neitzel dann, wie sich Deutschlands Streitkräfte für die Zukunft strukturell, materiell und personell aufstellen müssten, um die militärtechnologische Entwicklung in der modernen Kriegsführung nicht erneut zu verschlafen.
Wegen der durch den russischen Überfall auf die Ukraine vollzogenen Zäsur stehe Deutschland unter militärgeschichtlichen Aspekten wieder an einer historischen Schwelle, die Neitzel als zweiten „1956er Moment“ skizzierte. So entspreche das neue Kriegsbild im Kern dem des Kalten Krieges, denn der Gründungsmythos der Bundeswehr falle in die Zeit der blutigen Niederschlagung des Ungarn-Aufstands durch die Sowjetarmee.
Bundeswehr muss flexibler, schneller und effizienter werden

Wegen des seit über vier Jahren tobenden Ukrainekriegs befände sich die Bundeswehr in einer historisch vergleichbaren Lage, was wegen der technologischen Dynamik des an den dortigen Fronten vorzufindenden Kriegsbilds wie 1956 fundamentale militärstrategische Anpassungen auf Seiten der deutschen Streitkräfte erfordere.
Neitzels militärhistorischen Vergleich griff Heeresinspekteur Christian Freuding auf. Russland trete – aggressiv wie 1956 – spätestens seit der Krim-Annexion von 2014 offen revisionistisch auf, so der Dreisterne-General. Die Analyse des Kriegs zwischen Armenien und Aserbaidschan im Jahr 2020 habe die gewachsene Bedeutung von Drohneneinsätzen beispielhaft gezeigt, so Freuding. Und der sich noch rasanter entwickelnde Drohnenkrieg in der Ukraine habe durch die massive Abriegelung weiträumiger Gefechtsfelder zur Entstehung tief gestaffelter Todeszonen geführt. Mit folgenschweren Unterbrechungen kriegswichtiger Nachschublinien und der erschwerten Zufuhr von militärischem Personalersatz.
Roboter, Informationstechnologie, Künstliche Intelligenz und die satellitengestützte Aufklärung – dort zeigten sich die größten Innovationen. Um mit dieser Dynamik schrittzuhalten, müsse die Bundeswehr flexibler, schneller und effizienter werden. Die derzeitigen Schwierigkeiten in der konkreten Umsetzung rüstungspolitischer Vorgaben seien in Beschaffungsprozessen, der Personalrekrutierung und der materiellen Bereitstellung einsatzfähiger Streitkräfte angesiedelt, räumt der Chef der größten Teilstreitkraft ein.
Wehrhaftigkeit sei gesamtstaatliche Aufgabe
Generell müsse das Heer die Entwicklungen auf dem Gefechtsbild innerhalb der Landoperationen genau beobachten und seine Einsatzgrundsätze dementsprechend anpassen. „Unbemannte Systeme werden künftig in allen Verbänden des Heeres eine Rolle spielen“, so der Heeresinspekteur in der Diskussion. Innerhalb der multinationalen Zusammenarbeit stimme sich das Heer eng mit den Nato-Partnern ab. Beispielgebend sei hier neben der Panzerbrigade 45 „Litauen“ der Aufbau der „Eastern Flank Deterrence Line“. Eine Abschreckungslinie entlang der Ostflanke, die als menschenleerer, „automatisierter Schutzwall“ ein komplexes, mehrschichtiges Verteidigungssystem entlang des russisch-weißrussischen Grenzverlaufs etablieren soll.
Kampfdrohnen, teilautonome Gefechtsfahrzeuge und automatisierte Luftverteidigungssysteme sollen an der potenziellen Konfliktlinie zwischen der Nato und Russland einen hochmodernen Abschreckungsgürtel errichten, der Soldatenleben schützt und dem Feind zuverlässig die militärische Initiative entreißt. Trotzdem bleibe das Gewinnen, Halten und Sichern von Räumen Grundmerkmal und Kernaufgabe der Landstreitkräfte, untermauert Heereschef Freuding.
Das Fazit der Diskussionsteilnehmer an diesem Abend: Deutschlands Führungsetagen müssten sich stärker zu verteidigungspolitischer Verantwortung bekennen, denn Deutschland und Europa stünden vor grundlegenden sicherheitspolitischen Herausforderungen. Wehrhaft zu sein, müsse gesamtstaatlich organisiert werden.





