BERN. Das Schweizer Radio und Fernsehen hat seine publizistischen Leitlinien geändert und wird künftig bei Straftaten die Nationalität von Tätern und Opfern nennen. Damit vollzieht das öffentlich-rechtliche SRF eine Kehrtwende in seiner bisherigen Berichterstattung, die darauf abzielte, Vorurteile und stereotype Zuschreibungen zu vermeiden.
Auslöser der Entscheidung war eine Beanstandung der Ombudsstelle der SRG Deutschschweiz. Diese hatte im Mai 2024 festgestellt, daß SRF bei der Berichterstattung über eine Geiselnahme in einem Regionalzug bei Yverdon-les-Bains wesentliche Informationen vorenthalten habe.
Ein 32jähriger Asylbewerber aus dem Iran hatte damals 13 Personen über mehrere Stunden hinweg als Geiseln festgehalten und wurde schließlich von der Polizei erschossen. Während die Waadtländer Polizei Nationalität und Aufenthaltsstatus nannte, verzichtete SRF in ersten Meldungen darauf. Die Ombudsstelle urteilte, die Nationalität und der Asylstatus seien für das Verständnis des Vorfalls relevant gewesen. Das Sachgerechtigkeitsgebot verlange nicht nur den Schutz vor Diskriminierung, sondern auch die Vermittlung zentraler Fakten.
Wie die Politik auf die SRF-Änderung reagiert
In einer internen Mitteilung informierte die SRF-Chefredaktion nun über die neue Linie. „Künftig nennen wir die Nationalität von Tätern und Opfern“, heißt es darin. Die Anpassung sei eine Reaktion auf „journalistische Realitäten“. Einen Zusammenhang mit der bevorstehenden Abstimmung über die Initiative „200 Franken sind genug“ weist der Sender zurück.
Bei der SVP stößt der Kurswechsel auf Zustimmung. Nationalrat Benjamin Fischer bezeichnete den Zeitpunkt zwar als auffällig, begrüßte aber die Entscheidung. Journalisten sollten sagen, „was ist“, und dem Publikum keine relevanten Informationen vorenthalten. Fischer setzt sich im Parlament dafür ein, daß Alter, Geschlecht und Staatsangehörigkeit von Tatverdächtigen und Opfern grundsätzlich genannt werden. Scharfe Kritik kommt hingegen von der SP. Nationalrätin Tamara Funiciello warnte vor „vereinfachten Stereotypen“ und sprach von einem Entgegenkommen gegenüber „populistischen Ablenkungsmanövern der extremen Rechten“. Gewalt sei ein komplexes Phänomen, das nicht auf Herkunft reduziert werden dürfe.
Die Debatte über die Nennung der Nationalität beschäftigt in der Schweiz seit Jahren auch Polizei und Politik. Mehrere Volksabstimmungen und jüngste Entscheidungen des Bundesamts für Polizei deuten darauf hin, daß sich die öffentliche Meinung zunehmend für mehr Transparenz ausspricht. (rr)






